Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch (Immunsystem)

Häusliche Gewalt

Auswirkungen auf das Immunsystem

01.11.2016 Eine in der Fachzeitschrift Mitochondrion veröffentlichte Forschungsarbeit der Universität Ulm und der Universitätsklinik konnte erhöhte Entzündungsmarker im Blut bei Opfern von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit viele Jahre später im Erwachsenenalter feststellen.

Noch Jahre nach den Erfahrungen von Kindesmisshandlung oder Kindesvernachlässigung zeigen sich erhöhte Inflammationswerte in den Körpern der inzwischen erwachsenen Betroffenen; doch bislang waren die zugrundeliegenden molekularen Prozesse nicht klar.

Die Forscherinnen des Fachbereichs Psychologie konnten nun zeigen, dass sich die Prozesse in den Mitochondrien - Strukturen in den Zellen, die die Energie liefern - verändern, und oxidativer Stress mitverantwortlich ist.

Folgen für langfristig nicht abklingende körperliche Entzündungsprozesse können psychische und physische Erkrankungen sein.

Mitochondrien und oxidativer Stress


Bild: George Hodan

"Langfristig bestehende Entzündungen können jedoch auf Dauer die Struktur sowie die Funktion von Zellen schädigen und das Immunsystem schwächen. Eine erhöhte Anfälligkeit für körperliche und psychische Erkrankungen kann die Folge sein", sagte Studienautorin Prof. Iris-Tatjana Kolassa.

"Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Mitochondrien, also die Kraftwerke der Zellen. Diese kommen nicht zuletzt bei der Initiierung von Entzündungsreaktionen ins Spiel", fügt Erstautorin Doktorandin Christina Böck hinzu. "Gleichzeitig können sie durch Entzündungen und oxidativen Stress geschädigt werden. Dabei treten womöglich mitochondriale Veränderungen auf, die sich langfristig negativ auf die Gesundheit auswirken können."

Biomarker

Das Blut von 30 Frauen (22 bis 44 Jahre), die in ihrer Kindheit emotional und/oder körperlich misshandelt bzw. vernachlässigt wurden, wurde auf pro-entzündliche Marker (Zytokine, C-reaktives Protein), Anzeichen für oxidativen Stress und Mitochondrien-Aktivität untersucht.

Die Analyse der Daten zeigte das Vorhandensein von mehr Entzündungsmarkern im Blut zusammen mit einer erhöhten Aktivität der Mitochondrien. Es konnte auch anhand des verstärkten Auftretens reaktiver Sauerstoffspezies und der Reduktion antioxidativer Substanzen auf einen erhöhten oxidativen Stress geschlossen werden.

Dosis-Wirkungs-Beziehung

"Mit dieser Studie zeigen wir, dass die Schatten der Kindheit lange nachwirken", sagten die Psychologinnen.

Es konnte auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung beobachtet werden: Je schwerwiegender die Erfahrungen von Vernachlässigung und Misshandlung waren, desto größer waren die zellulären Veränderungen des Immunsystems.

"Wir vermuten, dass die Stressantwort nachhaltig verändert ist, wenn Kinder in dieser hochsensiblen Phase negativen Erlebnissen wie Missbrauch ausgesetzt sind", sagte Böck. "Die vermehrten Entzündungsprozesse und die erhöhte mitochondriale Aktivität könnten eine schützende Anpassungsreaktion des Körpers unter exzessivem und chronischem Stress sein", nimmt Kolassa an.

Doch auf lange Zeit wird sich die Anfälligkeit für bestimmte physische Erkrankungen erhöhen, sagten die Psychologinnen.

Schutzfaktoren

Aber die Forscherinnen sehen auch Anzeichen für Schutzfaktoren, die das Immunsystem stärken und vor diesen Folgeerkrankungen schützen können. Körperliche Aktivität erhöht das körperliche antioxidative Potenzial und soziale Unterstützung reduziert inflammatorische Prozesse.

Zukünftig wollen die Wissenschaftlerinnen sich diesen schützenden Mechanismen widmen und neue psychotherapeutische und pharmakologische Ansätze nutzen, um vor mentalen und körperlichen Folgen von Kindheitstraumata zu schützen bzw. sie zu behandeln.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität Ulm, Universitätsklinik, Mitochondrion - doi.org/10.1016/j.mito.2016.08.006; Okt. 2016

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