Moralpsychologie

Es gibt kein gut und kein böse, nur die Wahrheit. Donald Crowhurst

News/Forschung zum Bereich der Psychologie, der sich mit den moralischen Wertvorstellungen von Menschen beschäftigt.

Leben-oder-Tod Entscheidungen in virtueller Welt

Ein Studie bringt Teilnehmer in eine dreidimensionale virtuelle Welt, um moralisches Verhalten zu untersuchen: Entscheidungen über Leben und Tod.

Das mehrere-Menschen-oder-ein-Mensch-stirbt Dilemma

Die Forschungsteilnehmer wurden darum gebeten, sich vorzustellen, dass ein sich losgerissener Güterwagen in die Richtung von fünf Menschen, die ihm nicht ausweichen können, fährt. Ihnen wurde dann gesagt, dass sie die Macht hätten, den geschlossenen Güterwagon auf eine andere Strecke umzuleiten, auf der sich nur eine Person aufhält und sterben würde.

Die Teilnehmer wurden gefragt, ob sie ein Leben opfern würden, um fünf Leben zu retten.
Die Studie ist in der Forschungszeitschrift Emotion herausgegeben worden.

Das größere Wohl

"Was wir fanden, war: die Regel 'Du sollst nicht töten' wird durch Überlegungen des größeren Wohls abgelöst", sagte Carlos David Navarrete, Ph.D, Hauptforscher des Projekts.

Das Trolley-Problem

Navarrete sagte, dieser Versuch ist eine neue Version des "Straßenbahnproblems", das sogenannte Trolley-Problem, ein moralisches Dilemma, über das Philosophen seit Jahrzehnten sinnieren. Aber dies ist das erste Mal, dass das Dilemma als ein Verhaltensversuch in einer virtuellen Umgebung positioniert worden ist, "mit den Ansichten, Klängen und Folgen unserer Taten."

Den Forschungsteilnehmern wurde eine 3-D simulierte Version des klassischen Dilemmas über ein am Kopf montiertes Gerät gezeigt. Sensoren wurden an ihren Fingerspitzen befestigt, um die Emotionen zu überwachen.

In der virtuellen Welt wurde jeder Teilnehmer an einer Eisenbahnweiche stationiert, wo sich die Strecke in zwei Gleise teilte. Auf dem rchten Gleis wanderten fünf Menschen entlang des Gleises in einer steilen Schlucht, die eine Flucht verhindert. Auf der anderen Seite wanderte eine Einzelperson in derselben Situation.

Wenn sich der geschlossene Güterwagon über dem Horizont nähert, können die Teilnehmer nichts anderes tun als - den kohlegefüllten Güterwagon seine Strecke entlangfahren und die fünf Wanderer töten lassen - oder einen Schalter (in diesem Fall ein Steuerknüppel) umlegen und ihn zu dem einzelnen Wanderer umleiten.

Wie die Teilnehmer sich entschieden

Von den 147 Teilnehmern legten 133 (oder 90,5 Prozent) den Schalter um, so dass der Güterwagon den (virtuellen) Tod des einen Wanderers herbeiführte.

Vierzehn Teilnehmer ließen zu, dass der Güterwagen die fünf Wanderer tötete, (11 Teilnehmer zogen den Schalter nicht, während drei den Schalter zogen, aber ihn dann in seine Originalposition zurückstellten). Die Befunde stimmen mit den neuesten Forschungsergebnissen überein, die nicht auf Realitätssimulationen basierten, sagte Navarrete.

Die Unentschlossenen waren emotional erregter

Die Forscher entdeckten, dass die Teilnehmer, die den Schalter nicht umlegten, emotional erregter waren. Die Gründe dafür sind unbekannt, obwohl es daran liegen könnte, weil Menschen während hoch ängstlicher Momente erstarren können - ähnlich Soldaten, die dabei versagen, ihre Waffen in einem Kampf abzufeuern, sagte Navarrete.

"Ich denke, dass Menschen eine Abneigung dagegen haben, anderen zu schaden, wenn es bedeutet, dass dadurch irgendetwas "außer Kraft" gesetzt werden muss", sagte Navarrete.

Zunahme der Angst manchmal zu überwältigend

"Durch rationales Denken können wir es manchmal außer Kraft setzen - durch Nachdenken daüber, dass die Leute gerettet werden zum Beispiel. Aber auf einige Menschen kann es zutreffen, dass diese Zunahme der Angst so überwältigend ist, dass sie die utilitaristische Wahlmöglichkeit, die Wahlmöglichkeit für das größere Wohl, nicht treffen."

© PSYLEX.de - Quelle: Emotion, Nov. 2011

Warum individuelle Werte in der Gruppe leichter aufgegeben werden

Moralpsychologie

Personen in einer Gruppe geben leichter ihre moralischen Standards auf. Sie verhalten sich in einer 'Herde' anders, als sie es tun würden, wenn sie allein wären. Eine neue Studie versuchte etwas mehr über diesen Vorgang herauszufinden.

Gründe

Dies kann aus mehreren Gründen geschehen. Wenn Personen Teil einer Gruppe sind, fühlen sie sich bei einem Fehlverhalten anonymer und vor Verfolgung und Bestrafung sicherer. Ihr Sinn für persönliche Verantwortung bei kollektiven Handlungen kann ebenfalls kompromittiert werden.

In dieser Studie untersuchten die Forscher einen dritten Grund, weshalb dieses Phänomen auftreten könnte: Möglicherweise verlieren Menschen den Kontakt zu sich selbst - zu ihren eigenen Werten und Überzeugungen, wenn sie sich in Gruppen aufhalten.

'Wir' gegen 'Die'

"Obwohl Menschen starke Präferenzen für Gerechtigkeit und moralische Verbote gegen vorsätzliche Verletzungen in vielen Kontexten zeigen, ändern sich die Prioritäten, wenn es zu einem 'wir' und ein 'die' kommt", sagte Rebecca Saxe, Professorin für kognitive Neurobiologie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA.

"Eine Gruppe Menschen begeht oft Handlungen, die den persönlichen moralischen Standards jedes Individuums in dieser Gruppe zuwiderläuft, und ansonsten anständige Personen begehen in einem 'Mob' Untaten wie: Beleidigungen, Plünderungen, Vandalismus oder körperliche Brutalitäten."

In der Studie, herausgegeben in der Zeitschrift NeuroImage, analysierten die Forscher die Aktivität im medialen präfrontalen Cortex - eine Region im Gehirn, das an der Selbstreflexion (Fähigkeit über sich selbst nachzudenken) beteiligt ist.

Moral der Herde

Sie stellten fest, dass diese Aktivität bei einigen Menschen reduziert wird, wenn die Teilnehmer an Gruppenwettbewerben teilnahmen (im Vergleich zu individuellen Aktionen).

Die Teilnehmer mit solch reduzierter Aktivität zeigten wahrscheinlicher ein Verhalten, bei dem sie ihre Konkurrenten 'schädigten'; Personen ohne diese verminderte Gehirnaktivität zeigten eine geringere Ausprägung solch schädigenden Verhaltens.

"Dieser Prozess allein erklärt noch nicht Intergruppenkonflikte: Gruppen fördern Anonymität, verringern eigenverantwortliches Verhalten und ermutigen schädigende Handlungsweisen als 'notwendig für das größere Wohl'. Doch diese Befunde legen nahe, dass es zumindest in einigen Fällen helfen könnte, den Einfluss der 'Mob-Mentalität' abzuschwächen, wenn man sich klar auf die eigenen persönlichen moralischen Standards besinnt'',sagte die leitende Autorin Mina Cikara.

Herdenmentalität: emotionale Erfahrungen

Cikara begann ihr Forschungsprojekt nachdem sie die "Herdenmentalität" am eigenen Leib erfahren mußte. Während eines Besuchs in einem Baseball-Stadiums wurde sie auf das Schlimmste beschimpft, weil sie die Mütze der (gegnerischen) Gastmannschaft trug. Diese Erfahrung löste eine starke emotionale Reaktion in ihr aus.

"Es war eine wirklich erstaunliche Erfahrung, denn ich bemerkte, dass ich nicht mehr als Person wurde, sondern als Teil der gegnerischen Gruppe wahrgenommen wurde. Und die Art, wie die Leute auf mich reagierten, und wie ich mich fühlte, hatten sich aufgrund dieses visuellen Hinweises - der Baseballkappe geändert", sagte sie.

"Sobald Sie sich als Teil einer Gruppe angegriffen fühlen, ändert sich Ihre Psychologie."

Cikara hofft, die Forschung fortsetzen zu können, um herauszufinden, warum einige Menschen in einer Gruppe eher 'verloren gehen' als andere. Sie würde auch gerne untersuchen, ob Menschen sich selbst langsamer auf einem Foto erkennen, nachdem sie sich mit einer Gruppenaktivität beschäftigten.

© PSYLEX.de - Quelle: Massachusetts Institute of Technology, Juni 2014

Moralische Urteile fallen in Fremdsprache anders aus

Menschen reagieren anders auf moralische Dilemmas (Zwangslagen, Zwickmühlen), wenn sie eine Zweitsprache benutzen, sagt eine aktuelle Studie.

Emotional weniger betroffen

Laut einem Forscherteam der Universitat Pompeu Fabra, Spanien, und der Universität von Chicago tendieren Menschen, die nicht ihre Muttersprache einsetzen, dazu, ihre Entscheidungen in solchen Situationen dahingehend zu treffen, was am besten für das Gemeinwohl ist.

Als Folge treffen sie eher Entscheidungen, die emotional nicht so leicht zu akzeptieren sind, wie z.B. eine Person sterben zu lassen, um das Leben vieler zu retten.

Moralische Urteile

Trolley-Dilemma

In ihren Experimenten ließen die Forscher 725 zweisprachige Teilnehmer in den Vereinigten Staaten, Spanien, Korea, Frankreich und Israel in ihrer Muttersprache oder einer Fremdsprache über Leben und Tod im Trolley-Dilemma entscheiden. In diesen (virtuellen) Experimenten entschieden 20% derjenigen, denen das Experiment in ihrer Muttersprache erklärt wurde, jedoch 33% derjenigen, denen die Versuchsanordnung in der Fremdsprache erläutert wurde, zugunsten der Mehrheit und damit zuungunsten - für den Tod - des Einzelnen.

Der Professor für Psychologie Boaz Keysar von der University of Chicago sagte, dass die Ergebnisse wichtige Konsequenzen für unsere globalisierte Welt hätten, da viele Menschen moralische Urteile sowohl in ihrer Muttersprache als auch in einer Zweitsprache fällen.

Als Beispiel führte er auf, dass eine Person, die Englisch nicht als Muttersprache spricht und Mitglied einer Jury in einer englischsprechenden Nation ist, einen anderen Ansatz zur Entscheidungsfindung nehmen könnte, als andere Geschworene.

Der leitende Autor Albert Costa, Psychologe von der UPF, fügte hinzu, dass Beratungen bzw. Verhandlungen bei den Vereinten Nationen, der Europäischen Union, internationalen Großunternehmen oder Wertpapierfirmen durch diese Befunde besser erklärt oder berechenbarer gemacht werden.

© PSYLEX.de - Quelle: Pompeu Fabra University / University of Chicago, Mai 2014

Moralische Entscheidungen durch Eye-Tracking manipulierbar

11.04.2015 Die Meinungen/Auffassungen von Menschen können davon abhängen, worauf sich ihre Augen in dem Moment fokussieren, wenn sie moralische Entscheidungen treffen.

Forscher der Lund Universität, des University College London (UCL) und der University of California, Merced, konnten die Antworten von Teilnehmern auf Fragen wie: 'Ist Mord vertretbar?' durch das Verfolgen ihrer Augenbewegungen (Eye-Tracking) beeinflussen. Als die Teilnehmer sich eine zufällig ausgewählte Antwort lange genug angesehen hatten, wurden sie um eine sofortige Antwort gebeten. 58 Prozent wählten diese Antwort als ihre moralische Position.

Augenbewegungen sind verräterisch

"In dieser Studie konnten wir feststellen, dass Timing einen starken Einfluss auf die von uns getroffene moralische Auswahl hat", sagte Autor Philip Pärnamets. Die Prozesse, die zu einer moralischen Entscheidung führen, werden durch unsere Augenbewegungen reflektiert. Jedoch beeinflusst das, worauf sich unsere Augen fixieren, auch unsere Wahl, wenn wir uns entscheiden.

Die Wissenschaftler untersuchten in Echtzeit wie die Teilnehmer über schwierige moralische Entscheidungen nachdachten. Sie ahnten nicht, dass sie von den Forschern sorgfältig überwacht wurden. Es wurde genau festgehalten, wie sich ihr Blick bewegte, um eine Antwort im richtigen Moment zu erzwingen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Antworten systematisch dadurch beeinflusst werden konnten, was das Auge in dem Moment sah, als eine Antwort gefordert wurde.

Manipulation des Entscheidungsprozesses

"Was an unserer Studie neu ist: Wir konnten die Möglichkeit demonstrieren, den Entscheidungsprozess einer Person, anhand der Augenbewegungen zu verfolgen, und ihn durch Abpassen des richtigen Moments zu manipulieren", sagten die Forscher in Proceedings of the National Academy of Sciences.

Die Studie zeigt zum ersten Mal eine Verbindung zwischen der Blickrichtung und dem moralischen Entscheidungsprozess. Frühere Studien konnten bereits demonstrieren, dass unsere Augenbewegungen im Voraus verraten können, welchen von zwei Tellern einer Mahlzeit wir wählen würden, bevor wir uns entscheiden.

Smartphones sehen alles

"Alle Arten von Sensoren werden heute in Mobiltelefone eingebaut", sagt Petter Johansson von der Lund Universität, "und sie sind sogar in der Lage, unsere Augenbewegungen zu verfolgen. Indem sie einfach kleine Veränderungen unseres Verhaltens registrieren, können diese Geräte uns bei unseren Entscheidungen in einer Weise 'helfen', was zuvor nicht möglich gewesen ist."

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Lund Universität, University College London, University of California, Proceedings of the National Academy of Sciences; April 2015

Moralische Einstellungen ändern sich im Affekt - im Eifer des Gefechts

Virtuelle Moral: Der Übergang vom moralischen Urteil zu moralischem Handeln;
Moralisches Urteilen ist etwas anderes als moralisch zu handeln.

11.10.2016 Virtuelle Realität kann scheinbar eher zeigen, wie sich eine Person wirklich in einer moralisch schwierigen Situation verhält - auch wenn sie oder er in einem psychologischen Test auf Papier etwas ganz anderes von sich gibt laut einer in PLOS ONE veröffentlichten Studie der Plymouth Universität.

richtig-falsch

Die von Kathryn Francis geleitete Studie fand heraus, dass Probanden eher andere Menschen dafür opfern würden, was sie für das höhere Wohl (Gemeinwohl) halten, wenn sie in eine virtuelle Realität abgleiten.

Dilemma-Test

Im psychologischen Dilemma-Test mussten die Teilnehmer entscheiden, ob sie eine einzelne Person in den Tod schicken, um einen Zug zu blockieren, damit fünf Menschen auf der Eisenbahnstrecke gerettet werden.

Die Psychologen beobachteten, dass die Teilnehmer mit größerer Wahrscheinlichkeit jemanden in einer virtuellen Realität opfern würden als in der traditionellen textbasierten Entsprechung des Experiments. Auch die Herzrate war in der virtuellen Umgebung deutlich gegenüber dem textbasierten Setting erhöht.

Sie fanden auch heraus, dass antisoziale Charakterzüge moralische Opferhandlungen in der virtuellen Realität voraussagten, aber sie sagten nicht moralische Urteile im textbasierten Dilemma voraus.

Disparität zwischen Urteil und Handlung

Die Ergebnisse bieten neue Einblicke in die Natur moralischer Handlungen über moralische Urteile hinaus, sagte Francis. Die hier demonstrierte Verschiedenheit zwischen moralischen Entscheidungen auf dem Papier und moralischen Handlungen in der virtuellen Realität weist darauf hin, dass sie durch andere Prozesse gesteuert werden könnten.

Es stützt den alten Ausspruch 'Tu was ich dir sage, nicht, was ich selber tue', der den tatsächlichen Unterschied zwischen moralischer Handlung und moralischer Ansicht bzw. Urteil hervorhebt.

Psychologische Forschung

Mit den virtuellen Technologien können wir einen Einblick gewinnen, wie wir schwierige Entscheidungen treffen, wenn wir mit emotional aversiven Dilemmata konfrontiert werden, sagte die Psychologin.

Koautorin Dr. Sylvia Terbeck aus dem Fachbereich für Sozialpsychologie fügte hinzu, dass durch die Möglichkeit, moralisches Verhalten durch immersive virtuelle Realität zu erfassen, neue Wege für zukünftige psychologische Bewertungen antisozialen Verhaltens möglich werden.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Plymouth Universität, PLOS ONE - DOI: 10.1371/journal.pone.0164374; Okt. 2016

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