Nocebo-Effekt (Psyche, Psychologie)

Psychologie-Lexikon - Medikamente / Therapien

Definition

Der Nocebo-Effekt liegt dann vor, wenn eine negative Erwartung eines Phänomens einen negativeren Effekt hervorruft, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ein Nocebo-Effekt bewirkt, dass die Wahrnehmung, das Phänomen würde ein negatives Ergebnis haben, das Ergebnis aktiv beeinflussen kann.

Psychische Zustände wie Überzeugungen, Vorwegnahmen und Erwartungshaltungen können das Ergebnis stark beeinflussen: Krankheit, Schmerzerfahrung und sogar den Erfolg einer Operation. Positive Erwartungen in Bezug auf eine Behandlung können zu positiveren Ergebnissen führen und dieser Effekt wird als Placebo-Effekt bezeichnet.

Sowohl Placebo- als auch Noceboeffekte sind vermutlich psychogen, führen aber auch zu messbaren physiologischen Veränderungen sowie Veränderungen im Gehirn, Körper und Verhalten. Wenn ein Patient zum Beispiel eine Nebenwirkung einer Behandlung voraussieht, kann er/sie sie erleiden, selbst wenn das Medikament eine inerte Substanz ist.

Eine Forschungsarbeit, die 31 Studien über Nocebo-Effekte untersuchte, berichtete über eine breite Palette von Symptomen, die sich als Nocebo-Effekte manifestieren konnten, einschließlich Übelkeit, Magenschmerzen, Juckreiz, Blähungen, Depressionen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, sexuelle Dysfunktion und schwere Hypotonie.

Teures Scheinmedikament kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als günstiges

06.10.2017 Eine im Fachblatt Science veröffentlichte psychologischen Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersuchte den sogenannten Nocebo-Effekt beim Einsatz von Scheinmedikamenten.

pille
Bild: OpenClipart-Vectors

Wirkstofflose Scheinmedikamente - sogenannte Placebos - können nicht nur eine heilende Wirkung hervorrufen, sie können eingesetzt als Nocebos auch Nebenwirkungen auslösen, wenn diese vorher dem Patienten in Aussicht gestellt werden.

"In unserer Studie haben wir untersucht, wie sich Wertinformationen über ein Medikament auf den Nocebo-Effekt auswirken", sagte Neurowissenschaftlerin Alexandra Tinnermann.

Negative Erwartungshaltung

In dem Experiment erhielten die Versuchspersonen eine Pille ohne aktive Wirksubstanz. Ihnen wurde bei der Verabreichung - zur Erzeugung einer negativen Erwartungshaltung - erzählt, dass Nebenwirkungen auftreten können, die zu einer erhöhten Schmerzsensibiltät beitragen können.

Außerdem sagte man der einen Hälfte der Studienteilnehmer, das Medikament sei günstig, der anderen, es sei teuer.

Die Personen in der Gruppe mit dem 'teuren' Placebo berichteten über die Wahrnehmung von mehr Schmerzen - also über einen größeren Nocebo-Effekt - als die Teilnehmer, die das 'günstige' Scheinmedikament erhalten hatten.

"Die Ergebnisse zeigen, dass der Wert eines Medikaments zusätzlich zu den negativen Erwartungen das Schmerzempfinden beeinflussen kann; auch die Verarbeitung von Schmerzreizen im Rückenmark wird durch diese Faktoren verändert", sagte Tinnermann.

Frontalhirn, Hirnstamm und Rückenmark

Erklärt werden kann dieses psychologische Phänomen mit den Erwartungen der Teilnehmer, und es kann auch mit Gehirnscans dargestellt werden.

"Bei Erwartungseffekten ist das modulierende Schmerzsystem von großer Bedeutung. Erwartungen, die im Frontalhirn entstehen, können über das modulierende Schmerzsystem die Verarbeitung von schmerzhaften Reizen in tieferen Regionen des Nervensystems wie dem Hirnstamm oder dem Rückenmark beeinflussen", schreibt die Forscherin.

"Wir konnten in unserer Untersuchung zeigen, dass negative Erwartungen Auswirkungen auf drei wichtige Areale des modulierenden Schmerzsystems - auf Frontalhirn, Hirnstamm und Rückenmark - haben."

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; Science - DOI: 10.1126/science.aan1221; Okt. 2017

Eindämmen von unerwünschten Ereignissen durch Nocebo-Effekte

12.12.2018 Eine neue Überprüfung der Daten von 250.726 Studienteilnehmern hat ergeben, dass eine von 20 Personen, die in Studien Placebos erhielten, wegen schwerer unerwünschter Ereignisse (Nebenwirkungen) ausgestiegen ist.

Fast die Hälfte der Teilnehmer berichtete über mittelschwere Nebenwirkungen. Die Nebenwirkungen reichten von Bauchschmerzen und Anorexie bis hin zu Brennen, Brustschmerzen, Erschöpfung und sogar Tod.

Die Studie ergab, dass die scheinbar seltsamen körperlichen und psychischen Phänomene der schädlichen Zuckerpillen durch Fehlattribution und negative Erwartungen (durch den Nocebo-Effekt) erklärt werden können.

Fehlattribution

Jemand in einer Studie könnte ein Symptom wie Bauchschmerzen aus einer Reihe von Gründen haben, die nichts mit der Studie zu tun haben, schreiben die Autoren. Da sie sich in einer Studie befinden, denken sie, dass die Behandlung bzw. das Medikament in der Studie den Schmerz verursacht hat. Dies wird als unerwünschtes Ereignis gemeldet, auch wenn es ohnehin passiert wäre.

Negative Erwartungen

Wie Patienten vor unerwünschten Ereignissen gewarnt werden, kann manchmal ein unerwünschtes Ereignis verursachen. Effekte negativer Erwartungen werden als "Nocebo"-Effekte ("negatives Placebo") bezeichnet.

Die Studie lieferte vorläufige Daten, die darauf hindeuteten, dass einige Studienteilnehmer Nocebo-Effekte haben, berichtet der Hauptautor Jeremy Howick von der Universität Oxford.

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Andere Studien bieten eindeutigere Belege dafür, dass es Einfluss auf die Meldung dieser Ereignisse haben kann, wie Patienten vor unerwünschten Ereignissen gewarnt werden.

Zum Beispiel ergab eine Studie, dass Patienten in einer randomisierten Studie mit Aspirin oder Sulfinpyrazon zur Behandlung instabiler Angina, die vor gastrointestinalen Nebenwirkungen gewarnt wurden, sechsmal häufiger aus der Studie aufgrund von unerwünschten gastrointestinale Ereignissen ausschieden.

Eine neuere Studie, die letztes Jahr in The Lancet veröffentlicht wurde, ergab, dass Patienten eher unerwünschte Ereignisse melden, wenn sie wussten, dass sie Statine einnehmen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass der Glaube, dass Statine unerwünschte Ereignisse wie Muskelschmerzen verursachen, tatsächlich die Muskelschmerzen hervorrufen kann.

Es ist wichtig, (vor allem auch psychologische) Wege zu finden, um unerwünschte Ereignisse bei Patienten in Placebo-Gruppen zu reduzieren, um die Qualität der Studie zu verbessern (da weniger Teilnehmer aussteigen werden) und die Ethik der Studie zu verbessern (durch Vermeidung von Gesundheitsschäden).

Die Frage ist: Wie Nocebo-Effekte eingedämmt werden können?

Zum Beispiel enthält die Aussage, dass eine neue Behandlung für 90% der Patienten sicher ist, die gleichen Informationen wie die Aussage, dass sie bei 10% der Patienten unerwünschte Ereignisse wie Kopfschmerzen verursacht. Aber der zweite Weg ruft wahrscheinlicher einen Nocebo-Effekt bzw. unerwünschte Ereignisse hervor als der erste - der erste wäre also psychologisch eher anzuraten.

Wie solche Anleitungen zur Information der Studienteilnehmer über die Intervention in der Studie am besten vermittelt werden, und zwar auf eine ethische, verständliche Weise und ohne Nocebo-Effekte zu produzieren, muss erforscht werden.

Eine aktuelle psychologische Studie ergab, dass den Studienteilnehmern zur Verfügung gestellte Informationen oft nicht sagen, was sie wissen wollen, und dass sie in einer schwer verständlichen Weise präsentiert werden. Laufende Forschungsarbeiten legen nahe, dass Patienten mehr Informationen über die möglichen gesundheitlichen Risiken als über den potenziellen Nutzen erhalten.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Jeremy Howick et al. Rapid overview of systematic reviews of nocebo effects reported by patients taking placebos in clinical trials, Trials (2018). DOI: 10.1186/s13063-018-3042-4

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