Angst-Psychologie, Angstforschung

Emotionspsychologie

Forschung/Newsartikel zur Psychologie der Angst.

Ängstlichkeit ist gut - in Krisensituationen

30.12.2015 Neue Befunde französischer Angstforscher zeigen, dass das Gehirn mehr Ressourcen zur Verarbeitung bedrohlicher sozialer Situationen zur Verfügung stellt als für nicht bedrohliche.

Der "sechste" Sinn

Die in der Zeitschrift eLife veröffentlichten Befunde können unseren scheinbaren "sechsten Sinn" für Gefahren erklären. Zum 1. Mal konnten bestimmte Gehirnregionen identifiziert werden, die mit diesem Phänomen verbunden zu sein scheinen. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, soziale Bedrohungen in diesen Regionen auf äußerst schnelle und automatische Weise innerhalb von nur 200 Millisekunden wahrzunehmen.

Unterschiede in der Angstverarbeitung

Noch überraschender für die Wissenschaftler war die Entdeckung, dass ängstlichere Personen Bedrohungen in einer anderen Region des Gehirns wahrnehmen als Menschen, die lockerer sind.

Bislang nahm man an, dass Angst zur Überempfindlichkeit bei Bedrohungssignalen führen könnte. Die neuen Studie zeigt: Der Unterschied hat einen sinnvollen Zweck.
Ängstliche Menschen verarbeiten Bedrohungen mit Hilfe von Hirnregionen, die auch für das Handeln verantwortlich sind. Indessen 'weniger ängstliche' Personen sie in sensorischen Netzwerken verarbeiten, die für die Gesichtserkennung verantwortlich sind.

Höchste Sensitivität

Emotionale Gesichtszüge können mehrdeutig sein, aber die Forscher konnten identifizieren, was jemanden besonders bedrohlich erscheinen lässt. Die Richtung, in die jemand schaut, ist der Schlüssel, der unsere Sensitivität auf deren Emotionen verbessert.

Ärger, Wut gepaart mit einem direkten Blick ruft eine Reaktion im Gehirn innerhalb von nur 200 Millisekunden hervor; schneller als wenn die verärgerte Person woanders hinguckt.

"In einer Menschenmenge reagieren wir auf ein verärgertes - und uns anschauendes - Gesicht am empfindlichsten, wir sind aber weniger alarmiert, wenn dieser Mensch woanders hinschaut", sagte Studienautorin Marwa El Zein vom französischen Institut der Gesundheit und medizinische Forschung (INSERM) und dem Ecole Normale Supérieurein Paris.

Der Ausdruck der Furcht

Auch wenn eine Person Furcht zeigt und in eine bestimmte Richtung sieht, nimmt man dies rascher als positive Emotionen wahr. Diese schnellen Reaktionen wurden im Laufe der Evolution entwickelt und dienten dem Zweck des Überlebens. Eine rasche Reaktion auf jemanden, der Furcht erfährt, kann uns helfen, Gefahren zu meiden.

"Im Gegensatz zu vorherigen Arbeiten demonstrieren unsere Befunde, dass das Gehirn mehr Ressourcen zur Verabeitung negativer Emotionen verbraucht, die Bedrohung signalisieren", sagt El Zein.

Die Forscher maßen die elektrischen Signale in den Gehirnen von 24 Freiwilligen, während diese digital veränderte Gesichter auf Ärger oder Furcht bewerteten. Einige Gesichter zeigten genau denselben Ausdruck an, aber die Richtung ihres Blicks wurde geändert.

Stärkere Angstausprägung

Es ist oft angenommen worden, dass stärkere Angst - selbst in einem nicht-klinischen Bereich - die Verarbeitung von Bedrohungen im Gehirn beeinträchtigen könnte. El Zein und ihre Koautoren stellten jedoch fest, dass nicht-klinische Angst die neuronale 'Kodierung' der Bedrohung von den sensorischen Verschaltungen (zur Gesichtserkennung) auf die motorischen Verschaltungen (zur Einleitung von Handlungen) verlagert.

Die Forscher bemerken, dass es interessant wäre zu erfahren, ob dasselbe auch für Menschen mit Ängsten im klinischen Bereich gälte.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: INSERM, eLife; Dez. 2015

Angst kann die Gehrichtung eines Menschen beeinflussen

20.01.2016 Menschen, die Angst und Hemmungen haben, zeigen mehr Aktivität in der rechten Seite des Gehirns, wodurch es zu einer linksseitigen Tendenz bei der Gehrichtung kommt.

Damit hat Dr. Mario Weick vom Fachbereich für Psychologie an der University of Kent zum ersten Mal die Aktivierung der beiden Hirnhemisphären mit den lateralen (seitlichen) Veränderungen des Bewegungspfads von Menschen in Verbindung gebracht.

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Bild: Rechte Hirnhemisphäre (Gray's Anatomy)

In der in der Zeitschrift Cognition veröffentlichten Studie wollten die Forscher feststellen, warum Personen tendentiell ihre Aufmerksamkeit ungleichmäßig im Raum zuweisen. Dazu wurde den Teilnehmern die Augen verbunden und sie aufgefordert, in gerader Linie durch ein Zimmer in Richtung eines zuvor gesehenen Ziels zu gehen.

Linksdrall beim Gehen

Laut den Befunden waren Teilnehmer, die dabei Angst oder Hemmungen verspürten, anfälliger für einen Linksdrall beim Gehen, was auf eine stärkere Aktivierung der rechten Hemisphäre des Gehirns weist.

Die Forschung zeigt, dass die zwei Hirnhemisphären mit verschiedenen Motivationssystemen zusammenhängen. Diese sind auf der rechten Seite mit der Hemmung und auf der linken Seite mit der Annäherung verbunden.
Die Forscher konnten so zum ersten Mal eine klare Verbindung zwischen Hemmung und Aktivierung in der rechten Seite des Gehirns etablieren.

Unilateraler Neglect

Die Befunde können z.B. Auswirkungen auf die Behandlung eines einseitigen neurologischen Neglects haben, wobei es sich um eine Wahrnehmungsstörung in Form der Vernachlässigung einer Raum- bzw. Körperhälfte handelt. Insbesondere könnten unter einem rechtsseitigen Neglect leidende Menschen, von Behandlungen profitieren, die ihre Ängstlichkeit reduzieren.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: University of Kent, Cognition; Jan. 2016

Angst verbessert Geruchssinn

Ängstliche Menschen haben einen besseren Geruchssinn, wenn es darum geht, eine Bedrohung wahrzunehmen, nach einer neuen Studie der Universität von Wisconsin-Madison.

Gerüche und Emotion

Ähnlich dem, was bei Tieren geschieht, rufen Gerüche eine starke emotionale Reaktion bei Menschen hervor. Die Forscherin Elizabeth Krusemark und Wen Li nahmen hypothetisch an, dass das Gehirn bei Menschen, die einen besonders üblen Gestank riechen, vor einem Gift oder einem verwesenden Objekt, das Krankheitskeime enthält, warnen kann.

Für die Studie waren 14 junge erwachsene Teilnehmer drei Arten von Gerüchen ausgesetzt worden: neutraler reiner Geruch, eine neutrale Geruchsmischung und eine negative Geruchsmischung. Während sie mit einem MRT-Scanner beobachtet wurden, sollten die Freiwilligen die Gegenwart oder Abwesenheit eines Geruchs identifizieren.

Während des Scannens maßen die Forscher die elektrische Leitfähigkeit der Haut (ein Zeichen für das Erregungsniveau) und verfolgten auch die Atemmuster der Teilnehmer. Nachdem der Geruch entfernt, die Teilnehmer aber immer noch gescannt wurden, bat man sie, ihre gegenwärtige Angst zu bewerten.

Bei der Analyse der Gehirn-Scans bemerkten die Forscher, dass, wenn das Angst-Niveau der Teilnehmer anstieg, auch ihre Fähigkeit schlechte Gerüche richtig zu deuten sich verbesserte, was für eine äußerst verbesserte Geruchsfähigkeit bei ängstlichen Individuen spricht. Der Hautleittest ergab ebenfalls, dass Angst die emotionale Erregtheit für geruchsinduzierte Gefährdungen erhöhte.

Stärkere Kommunikation im Gehirn

Schlußfolgernd zeigen die Ergebnisse, dass während eines Angstzustandes es eine stärkere Kommunikation zwischen den sensorischen und emotionalen Bereichen des Gehirns als Reaktion auf negative Gerüche gibt. Es kann sein, dass diese gesteigerte Konnektivität auf Gefährdungen für die erhöhte Erregtheit verantwortlich ist.

Die Forscher sagen, dass diese verbesserte sensorisch-emotionale Verbindung eine wichtige Funktion sein könnte, entstanden, um die physiologische Wachsamkeit für potenzielle Bedrohungen zu wecken.
Quelle: Chemosensory Perception. April 2012

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