Entscheidungsfindung, Entscheidungen (Gehirn)

Wie das Gehirn über Schuld und Strafe entscheidet, und wie man es verändern kann

17.09.2015 In Kriminalfällen wird normalerweise entschieden, ob jemand schuldig ist, und dann wird seine Strafe festgelegt. Eine neue Studie zeigt nun, dass diese beiden separaten Beurteilungen - obwohl miteinander verbunden - in unterschiedlichen Teilen des Gehirns stattfinden.

Tatsächlich konnten die Forscher eine Entscheidungsfindung unterbrechen und verändern, ohne die andere zu beeinflussen.

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Bild: Gerd Altmann

Wissenschaftler der Universitäten Vanderbilt und Harvard unternahmen einen Experiment mit 66 weiblichen u. männlichen Freiwilligen, die Entscheidungen zu Strafe und Schuld in einer Reihe von Szenarien treffen sollten. Die Szenarien variierten darin, wie schwer die Straftat war bzw. wieviel Schaden zugefügt wurde (z.B. ging es um Diebstahl, schwere Körperverletzung und Tötung) und wieviel Schuld die Angeklagten hatten (waren sie voll verantwortlich oder trugen die Umstände mehr dazu bei).

Störung der Entscheidungsfindung

Während der Entscheidungsfindung wurde bei der einen Hälfte der Probanden der dorsolaterale präfrontale Kortex (eine für Bestrafungsentscheidungen wichtige Gehirnregion) mit repetitiver transkranieller Magnetstimulation (rTMS) stimuliert, bei der anderen Hälfte kam eine Placebo-rTMS zum Einsatz.

Bei allen Teilnehmern und Versuchen waren sowohl Schuldhaftigkeit als auch Ausmaß des Schadens deutliche Vorhersagevariablen für das Maß der Strafe, die die Versuchsteilnehmer als angemessen erachteten.

Doch Teilnehmer, die rTMS erhielten, entschieden sich für deutlich niedrigere Strafen für voll schuldhafte Verdächtige, als diejenigen, die Placebo-rTMS erhielten - insbesondere in Szenarien, in denen es um leichte bis schwere Schäden ging.

Zusätzliche Analysen legten nahe, dass die Wirkung durch die beeinträchtigte Integration der Signale für Schaden und Schuldhaftigkeit verursacht wurde.

Bestrafung

Die vorübergehende Störung der Funktion des dorsolateralen präfrontalen Kortex scheint zu verändern, wie wir die Informationen zu Schäden und Schuldhaftigkeit benutzen, um zu unseren Entscheidungen zu kommen.
Mit anderen Worten: Bestrafung erfordert, dass wir diese beiden Einflüsse abwägen, und die rTMS Manipulation störte diese Balance - insbesondere unter Bedingungen, in denen diese Faktoren dissonant sind, also wenn die Absicht klar ist, aber der Schaden gering ist, sagte Studienautor Joshua Buckholtz.

Das Hauptziel des Forscherteams in dieser Arbeit war, das Wissen darüber auszuweiten, wie das Gehirn Informationen erfasst, beurteilt und dann integriert, um Schuld- und Strafentscheidungen zu treffen. Es wird auch die wachsende bereichsüberschreitende Lehre von Gesetz und Neurowissenschaft erweitern.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität Vanderbilt, Universität Harvard, Neuron; Sept. 2015

Ist es das wert? Wie das Gehirn zwischen Aufwand und Belohnung entscheidet

02.10.2016 In einer neuen im Fachblatt Journal of Neuroscience veröffentlichten Studie untersuchten Forscher vom University College London und der Oxford Universität, welche Bereiche im Gehirn bei der Entscheidung involviert sind, ob etwas die Anstrengung wert ist.

Das Forscherteam fand ein relevantes Muster der Aktivität in drei Regionen des Gehirns:

  1. dem supplementär-motorischen Areal (SMA: supplementary motor area; auch supplementärmotorischer Cortex genannt) - spielt eine Rolle beim Erlernen von Handlungsabfolgen und der Vorbereitung komplexer Bewegungsmuster,
  2. im dorsalen anterioren cingulären Kortex (dACC: dorsal anterior cingulate cortex) - empfängt sensorische Signale und steht im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Gedächtnisinhalten und emotionalen Bewertungen - und
  3. dem Putamen (Kerngebiet des Großhirns) - spielt eine Rolle bei der Steuerung von Bewegungsabläufen und als Teil des Corpus striatum beim Zusammenwirken von Motivation, Emotion, Kognition und dem Bewegungsverhalten.

Handlungen sind mit Kosten verbunden

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Bild: Sophie Janotta

Jede unserer Handlungen ist mit Kosten bzw. einem Aufwand verbunden - kostet uns physische Energie, und bisherige Studien haben sich darauf konzentriert, wie wir externe Kosten wie Risiken oder den zeitlichen Aufwand abwägen.

Diesen Aufwand zu scheuen ist ein Symptom für eine Reihe psychischer Störungen. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie das Gehirn Entscheidungen findet bzw. fällt bei der Abwägung des Aufwandes gegen den Nutzen.

Studienautorin Dr. Miriam Klein-Flügge und ihr Team ließen Freiwillige Entscheidungen in Aufgaben treffen, bei denen es um finanzielle Belohnungen und körperlichen Aufwand ging. Währenddessen wurden MRT-Scans ihrer Gehirne gemacht.

Entscheidungsfindung abhängig von Belohnungsgröße u. Aufwand

Die Wissenschaftler fanden, dass die von den Teilnehmern getroffenen Entscheidungen - nicht überraschend - sowohl von der Belohnungsgröße (also Geldmenge) als auch des damit verbundenen Aufwandes abhingen: Optionen mit größeren Belohnungen bei geringerem Aufwand wurden - ebenfalls nicht überraschend - bevorzugt.

Die Forscher schauten sich dann die entsprechenden Bilder der Gehirnregionen an, die bei der Entscheidungsfindung involviert waren.

Involvierte Gehirnregionen

Es konnte ein spezifisches Aktivitätsmuster in drei Gehirnregionen beobachtet werden: dem supplementärmotorischen Cortex (SMS), dem dorsalen anterioren cingulären Kortex (dACC) und dem Putamen.

Eine weitere Analyse zeigte, dass die Bewertung der Anstrengung bzw. des Aufwandes sich vor allem in SMA und Putamen abspielte, mit einem separaten Netzwerk im ventromedialen präfrontalen Kortex zur Bewertung der Belohnung.

Der dACC verschlüsselt die Differenz zwischen Aufwand und Belohnung als einen einzelnen Wert, wahrscheinlich indem die Ergebnisse der beiden getrennten neuronalen Schaltkreise zusammengezogen werden, und die Aktivität in diesem Gebiet war in dem Ausmaß verbunden, in dem die Wahl jedes Teilnehmers durch den Gesamtwert gesteuert wurde.

Mehrere Entscheidungssysteme

Klein-Flügge sagte, dass die Ergebnisse frühere Studien bestätigen und vervollständigen. Es gibt demnach nicht nur ein Entscheidungssystem im Gehirn sondern mehrere, die flexibel miteinander kombiniert werden abhängig von den Optionen, mit denen wir konfrontiert werden, bzw. den Entscheidungen, die wir fällen.

Die Resultate erlauben einen Einblick in mehrere psychische Störungen bzw. Probleme einschließlich Depression, Apathie (Teilnahmslosigkeit) und negative Symptomatik bei der Schizophrenie. Patienten mit diesen Störungen zeigen sich häufig weniger imstande sich anzustrengen, um etwas zu erreichen, sagten die Forscher.

Die Probanden dieser Studie demonstrierten hinsichtlich ihrer Sensitivität auf Anstrengungen und Ausprägung ihrer neuronalen Aktivität Unterschiede, was nahelegt, dass sich Menschen in der Balance zwischen Belohnungs- und Aufwandssystemen unterscheiden.

Obwohl weitere Forschungsarbeiten notwendig sind, vermuten die Neurowissenschaftler, dass einige Störungen ein besonders akutes Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Entscheidungssystemen haben könnten.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: University College London, Oxford Universität, Journal of Neuroscience - DOI: 10.1523/JNEUROSCI.0292-16.2016; Sept. 2016

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