Gehorsamkeit und das Gehirn

Warum Gehorsam zu schlimmen Taten führen kann: Befehlen zu gehorchen reduziert die empathische Aktivität im Gehirn (gegenüber den Schmerzen der Opfer)

24.08.2020 Gräueltaten im Krieg werden manchmal von "normalen" Menschen begangen, die Befehlen gehorchen. Forscher des Niederländischen Instituts für Neurowissenschaften haben die Hirnaktivität gemessen, während die Teilnehmer anderen Schmerzen zufügten, und fanden heraus, dass die Gehorsamkeit gegenüber Befehlen das Einfühlungsvermögen (Empathie) und die schuldbedingte Hirnaktivität für die zugefügten Schmerzen verringert.

Dies könnte erklären, warum Menschen in der Lage sind, unter Druck unmoralische Handlungen zu begehen, schreiben die Studienautoren um Emilie A. Caspar in der Fachzeitschrift Neurolmage.

Die Psychologen haben in dieser Studie untersucht, ob der Gehorsam gegenüber Anweisungen bzw. Befehlen, jemand anderem Schmerz zuzufügen, die empathische Reaktion im Vergleich zur freien Entscheidung (denselben Schmerz zuzufügen - oder nicht zuzufügen) verringern würde, sagt Koautor Christian Keysers.

Das Experiment


Bild: Gerd Altmann

Die Forscher arbeiteten mit Teilnehmerpaaren, wobei einem die Rolle des "Täters" bzw. Befehlsempfängers und dem anderen die Rolle des "Opfers" zugewiesen wurden. Die Gehirne der Befehlsempfänger wurden mit MRT gescannt, um deren Hirnaktivität während der Aufgabe aufzuzeichnen.

Ihnen wurden zwei Knöpfe gezeigt: einer löste die Verabreichung eines echten, leicht schmerzhaften Schocks an der Hand des Opfers aus, im Austausch für +0,05€, und ein anderer löste keinen Schock aus und es gab kein Geld.

Im Verlauf von 60 Runden konnten die Täter entweder frei wählen, ob sie dem Opfer diesen Schock verabreichen wollten oder nicht; oder sie erhielten vom Experimentator den Befehl, denselben Schock zu verabreichen oder nicht.

Diese Aufgabe sollte für die Täter eine schwierige moralische Entscheidung mit sich bringen: den eigenen finanziellen Gewinn zu erhöhen, indem man einer anderen Person Schmerzen zufügt oder nicht.

Aktivität im Gehirn

Die Autoren beobachteten, dass die Täter den Opfern mehr Schocks verabreichten, wenn auf sie Druck ausgeübt wurde - sie also Gehorsamkeit zeigten, als wenn sie frei entschieden.

Die Ergebnisse der Gehirnbildgebung zeigten, dass empathiebezogene Regionen des Gehirns weniger aktiv waren, wenn die Teilnehmer Befehlen gehorchten, als wenn sie frei handelten.

Die Psychologen beobachteten auch, dass gehorsames Verhalten (also die Befolgung der Befehle) die Aktivitäten in mit Schuldgefühlen verbundenen Hirnregionen reduzierte.

Was im Gehirn spezifisch geschah

Es zeigte sich, selbst wenn die ausführenden Teilnehmer wussten, dass die dem "Opfer" zugeführte Schockintensität unter erzwungenen und freien Bedingungen genau gleich war, bewerteten sie die Schocks im gehorsamen Zustand als weniger schmerzhaft.

Die MRT-Ergebnisse deuten ferner darauf hin, dass Gehorsamkeit die Aktivität im ACC, der Insula/IFG, dem TPJ, dem MTG und dem dorsalen Striatum (einschließlich des Caudatus und des Putamens) sowie die neuronalen Signaturen der empathischen Schmerzen im Vergleich zur freiwilligen Entscheidung reduzierte.

Die Psychologen fassen zusammen: Die Teilnehmer fühlten sich im gehorsamen Zustand weniger verantwortlich und wiesen eine geringere Aktivität in den mit Schuldgefühlen verbundenen Hirnbereichen auf als bei freier Entscheidungsfindung, was darauf hindeutet, dass diese mit Empathie verbundene Verringerung der neuronalen Reaktion mit einer Verringerung des Verantwortungs- und Schuldgefühls verbunden sein könnte.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Neurolmage - https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2020.117251

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