Neurogenese: Wachstum neuer Gehirnzellen

Gehirnforschung

News / Forschung zur Neurogenese, der Bildung von Neuronen (Gehirnzellen) aus bestimmten Stamm- oder Vorläuferzellen.

Bei älteren Erwachsenen wachsen genauso viele neue Gehirnzellen wie bei jungen Menschen

05.04.2018 Neurowissenschaftler zeigen erstmals, dass bei gesunden älteren Männern und Frauen genauso viele neue Gehirnzellen entstehen bzw. wachsen können wie bei jüngeren Menschen.

Es hat Kontroversen darüber gegeben, ob erwachsene Menschen neue Neuronen ausbilden (Neurogenese), und einige Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass das erwachsene Gehirn fest vernetzt ist, und dass bei Erwachsenen keine neuen Neuronen entstehen. Die aktuelle in der Zeitschrift Cell Stem Cell veröffentlichte Studie widerspricht dieser Annahme.

Hauptautorin Prof. Maura Boldrini vom Fachbereich Neurobiologie an der Columbia Universität sagt, dass die Ergebnisse darauf hindeuten, dass viele Senioren ein größeres Potenzial haben, kognitiv und emotional intakt zu bleiben, als allgemein angenommen wird.

Neurogenese im Hippocampus

Die Forscher haben herausgefunden, dass ältere Menschen die gleiche Fähigkeit haben, aus Vorläuferzellen tausende von Hippocampus-Neuronen wachsen zu lassen wie jüngere Menschen.

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Bild: Gerd Altmann

Sie fanden auch äquivalente Volumina des Hippocampus (eine Gehirnstruktur, die eine wichtige Rolle bei Emotionen und Kognition spielt) im Verlaufe des Lebens. Dennoch zeigten ältere Menschen eine geringere Vaskularisation und vielleicht eine geringere Fähigkeit der neuen Neuronen, Verbindungen herzustellen, schreibt Boldrini.

Die Forscher autopsierten Hippocampi von 28 zuvor gesunden Personen im Alter von 14 bis 79 Jahren, die plötzlich gestorben waren. Dies ist das erste Mal, dass sich die Wissenschaftler mit neu gebildeten Neuronen und dem Zustand der Blutgefäße im gesamten menschlichen Hippocampus kurz nach dem Tod beschäftigen.

Die Forscher hatten sich vergewissert, dass die Studienteilnehmer nicht kognitiv beeinträchtigt waren und nicht unter Depressionen gelitten oder Antidepressiva genommen hatten, was die Produktion neuer Gehirnzellen beeinflussen kann.

Tierversuche sind nicht übertragbar

Bei Nagetieren und Primaten nimmt die Fähigkeit, neue Hippocampuszellen zu bilden, mit zunehmendem Alter ab. Die abnehmende Produktion von Neuronen und ein allgemeines Schrumpfen des Gyrus dentatus, ein Teil des Hippocampus, der zur Bildung neuer episodischer Erinnerungen beitragen soll, wurde auch beim alternden Menschen vermutet. Doch die aktuelle Studie zeigt, dass die Versuche am Tier nicht auf den Menschen übertragen werden können.

Neurogenese selbst in den ältesten Gehirnen

Die Forscher der Columbia Universität und des New York State Psychiatric Institute fanden heraus, dass selbst die ältesten untersuchten Gehirne neue Gehirnzellen produzierten. Sie fanden eine ähnliche Anzahl von intermediären neuronalen Vorläufern und Tausende von unreifen Neuronen, schrieben sie.

Dennoch bilden ältere Menschen weniger neue Blutgefäße innerhalb der Gehirnstrukturen und besitzen einen kleineren Pool von Vorläuferzellen - Nachkommen von Stammzellen, die in ihrer Fähigkeit zur Differenzierung und Selbsterneuerung eingeschränkter sind.

Vaskularisierung und Konnektivität

Boldrini vermutet, dass eine verminderte kognitiv-emotionale Belastbarkeit im Alter durch diesen kleineren Pool neuronaler Stammzellen, den Rückgang der Vaskularisierung und die verminderte Zell-zu-Zell-Konnektivität im Hippocampus verursacht werden kann.

Es ist möglich, dass die laufende Hippocampus-Neurogenese die humanspezifische kognitive Funktion während des gesamten Lebens aufrecht erhält, und dass ein Rückgang mit einer Beeinträchtigung der kognitiv-emotionalen Belastbarkeit verbunden sein kann, sagt sie.

Boldrini schreibt, dass die zukünftige Forschung am alternden Gehirn weiterhin untersuchen wird, wie die Proliferation, Reifung und das Überleben neuronaler Zellen durch Hormone, Transkriptionsfaktoren und andere interzelluläre Wege reguliert werden.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Cell Stem Cell, Boldrini et al.: "Human Hippocampal Neurogenesis Persists Throughout Aging" - DOI: 10.1016/j.stem.2018.03.015

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