Fleischessen (Psychologie, Psyche)

Die Psyche von Fleischessern

Wie Fleischkonsum von vielen verteidigt wird

19.05.2015 Karnismus: Menschen, die das Essen von Fleisch rechtfertigen, fühlen sich wegen ihrer Essgewohnheiten weniger schuldig und sind gegenüber sozialer Ungleichheit nachsichtiger, sagen Forscher in einem Artikel der Zeitschrift Appetite.

Dr. Jared Piazza von der Lancaster Universität und ein internationales Forscherteam untersuchten, wie Fleischesser ihren Konsum verteidigten.

Beziehung zum Tier ist zwiespältig

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Bild: Romi (pixabay)

Er sagte: "Die Beziehungen der Menschen zu Tieren sind kompliziert. Während die meisten Leute die Gesellschaft von Tieren genießen und Milliarden jedes Jahr für Pflege und Unterhalt ausgeben, fahren die meisten aber auch fort, Tiere als Nahrungsquelle anzusehen. Sie benutzen einige Strategien, um diesen scheinbaren Widerspruch zwischen Einstellung und Verhalten zu überwinden.

"Eine wichtige und vorherrschende Strategie ist zu rationalisieren, dass der Fleischverbrauch natürlich, notwendig, normal und nice (im Sinne von: schön, lecker) ist".

Rationalisierung des Fleischkonsums

Die Forscher fragten die Teilnehmer, warum sie es in Ordnung finden, Fleisch zu essen. Die meisten sagten, es sei "notwendig", gefolgt von den anderen drei Kategorien. Sie rationalisierten ihre Einstellung und ihr Verhalten.

Typische Aussagen, das Essen von Fleisch zu rechtfertigen, schlossen diese 4 Ns ein:

Männer unterstützten die 4 Ns eher als Frauen, während Personen, die diese Rechtfertigungen zurückwiesen, ein größeres Interesse für den Tierschutz zeigten.

Teilnehmer, die sagten, Fleischessen wäre notwendig, normal und lecker, teilen auch andere Merkmale; sie hielten Kühe für dümmer und waren sozialer Ungleichheit gegenüber nachsichtiger.

Moralische Verurteilung

Dr. Piazza sagte: "Moralisch motivierte Vegetarier können als Quelle des impliziten moralischen Vorwurfs für viele Allesesser (Omnivoren) dienen und Verhalten hervorrufen, das gegen die moralische Verurteilung verteidigt."

Dr. Piazza sagte: "Die 4 Ns sind ein mächtiges, allgegenwärtiges Werkzeug, das von Personen verwendet wird, um die Schuldgefühle zu zerstreuen, die man sonst beim Verzehr von Tieren hat."

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Lancaster Universität, Appetite; Mai 2015

Das Fleisch-Paradox oder Fleischesser durch Dissoziation

14.10.2016 Wie Fleisch präsentiert, zubereitet und wie darüber gesprochen wird, beeinflusst den Wunsch Fleisch zu essen (Karnismus); es kann die Empathie mit dem Tier und den Widerwillen vor dem Verzehr verringern.

Wenn wir Beefsteak, Chicken Wings, Hotdogs oder Spaghetti Bolognese essen, leugnen wir dabei die Herkunft.

Bereits, wenn wir uns auf das, was wir essen, beziehen - wir sagen 'Steak' oder 'Schnitzel' oder 'Rindfleisch' statt 'Kuh' oder 'Schwein' oder 'Ferkel' - schaffen wir eine (psychologische) Distanz zwischen unser Essen und einem Tier, das die Fähigkeit zu denken und zu fühlen hat.

Das Fleisch-Paradox

Menschen lieben Tiere und gleichzeitig essen sie sie. Wie ist es möglich, dass wir Tiere - für die wir Gefühle empfinden, mitfühlen, wenn sie Schmerzen leiden - essen? Wie ist dies psychologisch zu erklären?

Die Präsentation von Fleisch durch die Industrie beeinflusst unsere Bereitwilligkeit, es zu essen. Unser Appetit wird beeinflusst vom Gericht auf dem Teller selbst und wie das Fleisch uns präsentiert wird, sagte Studienautor Jonas R. Kunst vom Fachbereich für Psychologie an der Universität Oslo.

Kunst und seine Kollegin Sigrid M. Hohle führten fünf Studien in Norwegen und den Vereinigten Staaten durch.

Verarbeitetes Fleisch distanziert

In der ersten Studie wurde Huhn in verschiedenen Verarbeitungsschritten präsentiert: ein ganzes Huhn, als Flügel und Keulen, und als gehacktes Filet. Die Wissenschaftler maßen die Assoziationen der Teilnehmer betreffend des Tieres und wie viel Empathie sie mit dem Tier fühlten.

In der zweiten Studie sahen die Teilnehmer Bilder eines gebratenen Schweins - auf dem einen mit auf dem anderen ohne Kopf. Die Wissenschaftler erfassten wiederum die Assoziationen der Teilnehmer und in welchem Ausmaß sie Empathie und Abscheu bzw. Widerwillen fühlten. Sie fragten die Teilnehmer auch, ob sie das Fleisch oder eher eine vegetarische Alternative essen wollten.

Weniger Empathie mit dem Tier bei größerer Distanz

Hochverarbeitetes Fleisch macht es leichter, sich von dem Gedanken zu distanzieren, dass es von einem Tier kommt. Die Teilnehmer fühlten auch weniger Empathie mit dem Tier.

Derselbe Mechanismus zeigte sich bei dem enthaupteten Schweinebraten. Die Teilnehmer dachten weniger daran, dass es ein Tier ist; sie fühlten weniger Empathie und Widerwillen, und sie waren weniger bereit, eine vegetarische Alternative zu wählen, sagten die Forscher.

In einer dritten Studie sahen die Teilnehmer zwei Anzeigen für Lammkoteletts, eine mit einem Bild eines lebenden Lamms - ein anderes ohne. Das Bild des Lamms machte es schwerer, die Lammkoteletts zu essen. Sie fühlten auch mehr Empathie mit dem Tier.

Prominente, Philosophen, Tierrechtsaktivisten

Philosophen und Tierrechtsaktivisten sagen bereits schon seit längerem, dass wir vermeiden, an das Tier zu denken, wenn wir es essen, und dass dies das Gefühl des Unbehagens reduziert. Dieser Mechanismus wird durch die Dissoziations- oder Verfremdungshypothese beschrieben.

Prominente haben sich auch bereits zu diesem Thema geäußert bzw. für die Tiere eingesetzt.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg aß für ein Jahr nur selbstgeschlachtetes Fleisch und sagte:

"Viele Menschen vergessen, dass ein Lebewesen für Sie sterben muss, damit sie Fleisch essen können".

Vegetarier Paul Mc Cartney sagte:

"Wenn Schlachthöfe Glaswände hätten, wäre jeder Vegetarier."

Dissoziation

Kunst und Hohle sind die ersten Wissenschaftler, die die Dissoziationshypothese empirisch prüften, und alle fünf Studien unterstützen diese Annahme.

Wir haben tatsächlich eine Tendenz, uns von den Gedanken zu distanzieren, was wir da grade essen; das verringert das Unbehagen und vergrößert die Bereitwilligkeit, Fleisch zu essen.


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Bild: Orlando Seppip, Roland Josch


In zwei weiteren Studien untersuchten sie den Gebrauch von Wörtern und Ausdrücken. Sie fanden heraus, dass, wenn sie die Wörter "Schweinefleisch" und "Rindfleisch" im Menü mit "Schwein" und "Kuh" ersetzten, dass die Leute weniger bereit waren, Fleisch zu essen. Die Wahl der Wörter beeinflusste auch die Emotionen der Empathie und der Abscheu / Ekel.

Noch stärkere Distanzierung in den USA

Und schließlich untersuchten die Forscher die Wirkung des Wortes "harvest" (übersetzt etwa: Ernte, Frucht, Ertrag). Traditionell bezieht sich das Wort auf Pflanzen, aber in den Vereinigten Staaten wird es heutzutage zunehmend für "geschlachtet" oder "getötet" benutzt.

Die Psychologen beobachteten eine klare Wirkung: Benutzten sie das Wort "harvest" fühlten die Menschen weniger Empathie mit dem Tier.

Disassoziation von Fleisch und Tier

Insgesamt nahmen mehr als 1.000 Menschen an den Studien teil, und die meisten von ihnen waren Fleischesser. Einigen von ihnen fiel das Essen von Fleisch schwerer als anderen.

Jeder trennte den Begriff Fleisch von den Tieren im täglichen Leben, aber diejenigen, die den größten Aufwand für diese Disassoziation aufwandten, reagierten am empfindlichsten als sich die Präsentationen und Beschreibungen von Fleisch änderten.

"Wir prüften nicht, ob diese empfindlichen Personen im Allgemeinen weniger Fleisch aßen als andere. Wir haben alle eine Sensitivität in uns, doch diese Sensibilität wird aufgrund der Präsentation des Fleisches selten aktiviert", sagte Kunst.

Der Psychologe ist selbst nicht Vegetarier, doch ist er sich - während dieser Studien - seines Fleischkonsums bewusster geworden.

Der Fleischkonsum könnte reduziert werden

In vielen westlichen Kulturen konsumieren die Menschen mehr Fleisch als Gesundheitsbehörden empfehlen. Der hohe Verbrauch von rotem oder verarbeitetem Fleisch erhöht das Risiko für mehrere Krankheiten.

Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Appetit veröffentlicht und könnten helfen, den Fleischkonsum der Menschen zu verringern.

Zum Beispiel könnte die Politik die Ernährungsweise der Menschen beeinflussen, indem sie Bilder der Tiere in der Fleisch-Werbung oder in Umgebungen präsentieren, wo Fleisch konsumiert wird, sagte der Psychologe.

Dies würde den Menschen bewusster machen, was sie essen; dass fühlende Lebewesen für ihren Fleischkonsum sterben müssen; und dass sie ihren Fleischverbrauch senken könnten.

Jedoch ist der Wille hierfür wahrscheinlich nicht da, da starke finanzielle Interessen involviert sind, sagte Jonas R. Kunst.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität Oslo, Appetit - DOI: 10.1016/j.appet.2016.07.009; Okt. 2016

Der Anblick von Tierbabys reduziert den Appetit auf Fleisch bei Frauen

04.08.2018 Bilder von Tierbabys reduzieren den Appetit auf Fleisch, berichtet eine im Fachblatt Anthrozoos veröffentlichte Studie - die Wirkung bei Frauen ist sehr viel stärker als bei Männern.

Tierrechtsgruppen setzen oft Bilder von Lämmern, Ferkeln und Kälbern ein, um die Wahrnehmung von Fleischessern darauf zu lenken, was sie essen, aber es gibt wenig Belege für ihre Wirksamkeit in ihren Kampagnen.

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Bild: Ben Kerckx

Die Psychologen Dr. Jared Piazza und Dr. Neil McLatchie von der Lancaster Universität und Cecilie Olesen vom University College London zeigten Männern und Frauen Bilder von Kälbern, Baby-Kängurus, Ferkeln und Lämmern und testeten, ob dies ihr Verlangen nach Fleisch beeinflusste.

Gefühl der Zärtlichkeit

Sie beobachteten, dass sowohl Männer als auch Frauen die Tierbabys niedlich und verletzlich fanden und Gefühle von Zärtlichkeit und Wärme für sie empfanden.

Aber diese positiven Gefühle wirkten sich unterschiedlich auf Männer und Frauen aus, wobei der Appetit der Männer auf Fleisch deutlich weniger beeinträchtigt wurde.

Das Gefühl der Zärtlichkeit gegenüber einem Tierbaby scheint für viele Menschen, besonders für Frauen, eine entgegengesetzte Kraft zum Appetit auf Fleisch zu sein.

Größere Empathie bei Frauen

Die psychologischen Befunde spiegeln möglicherweise die größere emotionale Abstimmung der Frauen auf Babys und damit auch ihre Tendenz, sich mehr in Tierbabys hineinzuversetzen. Auch ist bei Männern das Essen von Fleisch mit Männlichkeit und Bildern von harten Männern, die Fleisch für den Muskelaufbau konsumieren, sowie mit prähistorischen Vorstellungen des Mannes als Jäger verbunden.

Frauen haben eine viel ambivalentere Einstellung zu Fleisch und ihre Identität ist psychisch nicht in gleicher Weise damit verknüpft, schreiben die Psychologen.

Tierbabys in der Werbung

D.h., der Einsatz von Bildern niedlicher Tierbabys in der Werbung, besonders wenn sie sich auf junge Frauen ausgerichtet ist, scheint für Tierschützer empfehlenswert zu sein.

Die Forscher präsentierten den Teilnehmern zunächst ein Bild von einem gekochten Fleischgericht gepaart mit einem Bild von einem bekannten Tier (Kalb oder erwachsenes Rind) oder einem exotischen Tier (Baby- oder erwachsenes Känguru). Den Teilnehmern wurde gesagt, dass das Fleisch von dem abgebildeten Tier stammt.

Frauen verging der Appetit auf Fleisch eher

Die Psychologen stellten fest, dass Männer und Frauen sich darin unterschieden, wie appetitlich sie die Fleischgerichte fanden, wenn das Fleisch mit einem Tierbabybild gepaart war. Frauen verging der Appetit auf Fleisch sehr viel eher als Männern, unabhängig davon, ob das Fleisch aus einer vertrauten oder exotischen Quelle kam.

In einer Folgestudie sollten die Teilnehmer, ihren Appetit auf Fleisch bewerten, wenn sie ein Bild von einem Kalb, einer Kuh oder keinem Tier ansahen.

Das Fleischgericht wurde weniger appetitlich, nachdem man sich die Bilder des Kalbes angesehen hatte, während es kaum einen Unterschied gab, ob man sich vorher die Bilder der Kuh oder gar kein Tier angesehen hatte.

Insgesamt war der Effekt der Betrachtung eines Tierbabys bei Frauen stärker als bei Männern.

Die psychologische Studie zeigt eine Spannung bei einigen Omnivoren ('Allesfresser') zwischen der Fürsorge für Jungtiere und dem Appetit auf Fleisch, schließen die Wissenschaftler.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Anthrozoos - https://doi.org/10.1080/08927936.2018.1455456

Sozialer Status und Fleischverzehr

15.09.2018 Eine im Fachblatt Journal Appetite publizierte Forschungsarbeit zeigt, dass in der unteren sozialen Schicht mehr Fleisch verzehrt wird als in Schichten mit einem höheren Einkommen.

Eugene Y.Chan von der Monash Universität und Natalina Zlatevska von der University of Technology Sydney zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem wahrgenommenen subjektiven sozioökonomischen Status und dem Essen von Fleisch gibt.

Vermeintliche Stärke und Überlegenheit

Frühere Studien haben gezeigt, dass Arbeiterfamilien und Haushalte mit geringem Einkommen mehr rohes und verarbeitetes Fleisch konsumieren als Besserverdiener. Somit werden die neuen Erkenntnisse der australischen Wissenschaftler bestätigt.

Den psychologischen Hintergrund sehen die Wissenschaftler darin, dass Fleischverzehr mit einem Gefühl der vermeintlichen Stärke und Überlegenheit bei vielen Konsumenten vor allem aus der unteren Schicht verknüpft ist.

Psychologische Kompensationstheorien

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Bild: Gerd Altmann

Mit Hilfe von Experimenten überprüften sie psychologische Kompensationstheorien, wonach Personen mit einem niedrigen subjektiven sozioökonomischen Status (SES) eine größere Präferenz für Fleisch haben, da Fleisch den Status ersetzen kann, der ihnen fehlt.

In denen war es eher der Wunsch nach einem erhöhten Statusgefühl, statt Hunger oder in Erwägung gezogener ernährungsbedingter Nutzen, der der Fleischpräferenz zugrunde lag, schreiben die Psychologen.

So aßen Teilnehmer aus einer niedrigeren sozioökonomischen Schicht eher einen Fleisch- als einen vegetarischen Burger, obwohl Ernährungsprofil und Verpackung gleich waren.

Die psychologische Einstellung zum Fleischverzehr und Optionen diesen zu verändern, ist "für Konsumpsychologen, die Fleischindustrie und für Befürworter von geringerem Fleischkonsum aufgrund von Gesundheits-, Umwelt- oder Tierschutzgründen" wichtig, schließen die Forscher. Auch für den Fleischkonsumenten ist dies relevant, da ein geringerer Fleischkonsum gesund für Körper und Psyche des Verbrauchers ist ... und nicht zuletzt gäbe es weniger Tierleid.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Journal Appetite - DOI: 10.1016/j.appet.2018.08.027

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