Visuelle Intelligenz

Psychologie-Lexikon - Intelligenzforschung

Visuelle Intelligenz wird nicht vom IQ erfasst

13.11.2017 Nur weil jemand intelligent und motiviert ist, heißt das noch lange nicht, dass er die visuellen Fähigkeiten erlernen kann, die für Aufgaben wie das Vergleichen von Fingerabdrücken, die Analyse von medizinischen Röntgenaufnahmen, Verfolgung von Flugzeugen auf Radarbildschirmen oder forensische Gesichtserkennung erforderlich sind.

Das ist die Schlussfolgerung einer neuen Studie, die zum ersten Mal zeigt, dass es eine Reihe von Unterschieden in der Sehfähigkeit von Menschen gibt, und dass diese Unterschiede nicht mit der allgemeinen Intelligenz oder dem IQ von Personen in Verbindung gebracht werden können.

Visuelle Objekterkennung

Manche mögen denken, sie seien sehr gut darin, Objekte visuell zu erkennen, sagt Studienleiterin Isabel Gauthier Professorin für Psychologie an der Vanderbilt Universität. Aber es stellt sich heraus, dass sie meist nicht sehr gut darin sind, ihre eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen einzuschätzen.

In der Vergangenheit konzentrierte sich die Forschung zur visuellen Objekterkennung weitgehend auf die Gemeinsamkeiten der Menschen, aber Gauthier interessierte sich für die Frage, wie stark die visuellen Fähigkeiten von Mensch zu Mensch variieren.

Novel Object Memory Test (NOMT)

Um diese Frage zu beantworten, mussten sie und ihre Kollegen einen neuen Test entwickeln, den sie den Novel Object Memory Test (NOMT) nennen, um die Fähigkeit von Menschen zu messen, unbekannte Objekte zu identifizieren.

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Bild: Tumisu

Gauthier wollte zunächst die öffentliche Meinung über visuelle Fähigkeiten messen.

Dazu hat sie 100 Laien befragt, und fand heraus, dass die Befragten visuelle Aufgaben im Allgemeinen als ziemlich verschieden von anderen Aufgaben der allgemeinen Intelligenz betrachten. Es herrschte auch die Meinung vor, dass es weniger Unterschiede in den visuellen Fähigkeiten der Menschen gibt, als in nicht-visuellen Fähigkeiten wie z. B. bei verbalen und mathematischen Fähigkeiten.

Das Hauptproblem, das Gauthier und ihre Kollegen bei der Beurteilung der angeborenen visuellen Fähigkeit des Erkennens bei Menschen angehen mussten, war Vertrautheit.
Je mehr Zeit eine Person damit verbringt, bestimmte Objekt-Arten wie Gesichter, Autos oder Vögel kennenzulernen, desto besser kann sie diese identifizieren.

Die Leistung bei visuellen Erkennungstests mit Bildern gewöhnlicher Objekte ist daher eine komplexe Mischung aus visueller Fähigkeit und Erfahrung mit diesen Objekten. Wichtig ist, dass diese sich als ein schlechter Prädiktor erwiesen hat, wie gut jemand lernen kann, Objekte in einem neuen Umfeld zu erkennen.

Greebles

Gauthier ist dieses Problem angegangen, indem sie neuartige computergenerierte Kreaturen (die sie Greebles nennt) verwendet hat, um die visuelle Erkennung zu untersuchen. Der Basistest besteht aus dem Erforschen von sechs Kreaturen, gefolgt von einer Reihe von Testversuchen, die Kreaturen in Dreiergruppen darstellen. Jeder Satz enthält eine Kreatur aus der Zielgruppe zusammen mit zwei unbekannten Kreaturen, und der Teilnehmer wird gebeten, die ihm vertraute Kreatur auszusuchen.

Bei der Analyse der Ergebnisse von mehr als 2.000 Testpersonen fanden Gauthier und Kollegen heraus, dass die Fähigkeit, eine Kreatur zu erkennen, recht genau voraussagte, wie gut Testpersonen eine andere Art erkennen konnten, obwohl diese Objekte visuell recht unterschiedlich waren. Dies bestätigend kann der neue Test die Fähigkeit vorhersagen, neue Kategorien zu lernen.

Unabhängig vom IQ

Die Psychologen benutzten auch die Leistungsergebnisse verschiedener IQ-Tests und stellten fest, dass die am NOMT gemessene visuelle Fähigkeit von der allgemeinen Intelligenz verschieden und unabhängig ist.

Das ist sehr aufregend, weil die kognitiven Fähigkeiten fast immer mit der allgemeinen Intelligenz in Verbindung gebracht werden, sagte Gauthier.

Obwohl die psychologische Studie die gängige Intuition bestätigt, dass visuelle Fähigkeiten sich von der allgemeinen Intelligenz unterscheiden, zeigen ihre Befunde, dass individuelle Schwankungen der visuellen Fähigkeiten viel größer sind, als die meisten Menschen denken. Zum Beispiel bei einer Kennzahl, dem sogenannten Variationskoeffizienten, war die Streuung der Teilnehmer beim NOMT weiter als bei einem nonverbalen IQ-Test.

Viele Jobs und Hobbys hängen von visuellen Fähigkeiten ab, sagte Gauthier. Da sie von der allgemeinen Intelligenz unabhängig sind, müssen wir nun untersuchen, wie wir diese Tests in Anwendungen in der Praxis einsetzen können, in denen die Leistung vorher nicht genau vorhergesagt werden konnte.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Vanderbilt Universität; Cognition - DOI: 10.1016/j.cognition.2017.05.019; Nov. 2017

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