Wut und Intelligenz

Psychologie-Lexikon - Intelligenzforschung

Wahrnehmungsverzerrung: Zur Wut neigende Narzissten überschätzen ihre Intelligenz

23.08.2018 'In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz' soll der Dalai Lama gesagt haben. Aber manche Menschen glauben, dass das Gegenteil zutrifft: Sie halten sich für besonders intelligent, wenn sie wütend sind laut einer aktuellen Studie.

Eine im Fachblatt Intelligence veröffentlichte Forschungsarbeit untersuchte die Frage, warum verärgerte / wütende Menschen sich oft als intelligenter einschätzen, als sie tatsächlich sind.

Gilles Gignac vom Fachbereich Psychologie der Universität Western Australia und Koautor Prof. Marcin Zajenkowski von der Universität Warschau zeigen den Zusammenhang zwischen der Charaktereigenschaft der übermäßigen Gereiztheit - in kleinen und großen Dingen - und der Selbstwahrnehmung der eigenen Intelligenz.

Wut, Neurotizismus und Intelligenz

wut-jaehzorn
Bild: Gerd Altmann

Die Psychologen erfassten in zwei Studien bei insgesamt 528 Teilnehmern das Persönlichkeitsmerkmal Wut (also die Veranlagung wütend zu werden), sowie die psychische Stabilität (Neurotizismus), Intelligenz (selbst- und fremdbestimmt) und Narzissmus.

Das Charaktermerkmal Zorn/Wut war positiv und Neurotizismus negativ mit der selbstwahrgenommenen Intelligenz verbunden, auch nach der Kontrolle auf die objektive Intelligenz.

Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Untersuchungen überein, die darauf hindeuten, dass die selbstwahrgenommene Intelligenz mehr mit der Persönlichkeit als mit objektiver Intelligenz im Zusammenhang steht.

Narzissmus, Wut und Intelligenz

Zusätzlich haben die Psychologen in Studie 2 festgestellt, dass Narzissmus (teilweise) die Beziehung zwischen der Persönlichkeitseigenschaft Wut und der selbstwahrgenommenen Intelligenz vermittelt.

Gignac sagt, dass Wut "in manchen Fällen die Konsequenz von verminderter emotionaler Stabilität, also beispielsweise von Ängsten, sein kann. In manchen Fällen ist es aber nicht Angst, die Frustration, Boshaftigkeit oder Wutausbrüche schürt. Hier scheint der Grund Narzissmus zu sein. Entsprechend bewerten die Narzissten auf Nachfrage ihre Intelligenz besonders hoch."

Zwei Gesichter der Wut-Persönlichkeit

"Die Hauptpersönlichkeitsstörung des Narzissten bzw. des grandiosen Narzissten ist eine übertriebene positive Selbstwahrnehmung", schreibt Gignac. "Es ist also nicht allzu überraschend, dass wir eine Verbindung zwischen den Narzissten und der Überschätzung der eigenen Intelligenz sehen."

"Das Interessante aber ist, dass die charakterbedingte Wut in diesem Prozess wohl auch eine Rolle spielt. Es wird vermutet, dass sich bei vielen grandiosen Narzissten dieses Wutgefühl mit der Zeit entwickelt, wenn ihnen langsam bewußt wird, dass es einen Unterschied zwischen der eigenen Wahrnehmung ihrer eingebildeten Großartigkeit und ihren tatsächlichen Leistungen und Errungenschaften gibt."

Die Wissenschaftler nehmen deshalb an, dass es zwei Gesichter des Persönlichkeitsmerkmals Wut geben könnte: eines im Zusammenhang mit Angst und eines mit übertriebenem Selbstvertrauen (Selbstüberschätzung). Schließlich wird eine mögliche Rolle von intelligenten positiven Illusionen bei der Wut vorgeschlagen.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Intelligence - https://doi.org/10.1016/j.intell.2018.07.003

Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht? Schreiben Sie uns.

Ähnliche Artikel

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter