Extinktionslernen (Psychologie)

Definition

Extinktionslernen (oder einfach Extinktion) in der Psychologie wird sowohl im operant konditionierten als auch im klassisch konditionierten Verhalten beobachtet.

Wenn ein zuvor verstärktes operantes Verhalten keine verstärkenden Konsequenzen mehr hat, hört das Verhalten allmählich auf. In der klassischen Konditionierung - wenn ein konditionierter Reiz allein präsentiert wird, so dass er nicht mehr das Kommen des unkonditionierten Reizes voraussagt - hört die konditionierte Reaktion allmählich auf.

Zum Beispiel: Nachdem Pavlovs Hund konditioniert wurde, um beim Klang eines Metronoms zu speicheln, hörte er schließlich auf zum Metronom zu speicheln, nachdem das Metronom wiederholt ertönt war, ohne dass Futter kam. Viele Angststörungen wie z.B. posttraumatische Belastungsstörungen spiegeln, zumindest teilweise, ein Scheitern der konditionierten Angst wider.

Angststörungen: Stress hilft bei der Extinktion

10.05.2018 Laut einer im Fachblatt Behavior Therapy veröffentlichten Studie kann Stress positive Aufwirkungen auf das Extinktionslernen haben, wodurch sich zuvor gelernte Verknüpfungen lösen können.

Mechanismus der Konfrontationstherapie

Vom Extinktionslernen - das neue Sicherheitsassoziationen schafft - nimmt man an, dass es der Mechanismus der Expositionstherapie (Konfrontationstherapie) ist, die häufig zur Behandlung von Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) eingesetzt wird.

Angstgedächtnis und Extinktiongedächtnis

Die relative Stärke und Verfügbarkeit des Angst- und Sicherheitsgedächtnis bestimmen die Reaktion in einer gegebenen Situation. Während das Angstgedächtnis oft kontextunabhängig ist und sich leicht verallgemeinern kann, ist das Extinktiongedächtnis sehr kontextspezifisch, schreiben die Psychologen. Die "Erneuerung" des erloschenen Angstgedächtnisses kann also nach einer Kontextverschiebung erfolgen.

ängstliche Frau
Bild: LoganArt

Wenn jemand in der Praxis eines Psychotherapeuten während der Expositionstherapie lernt, dass man vor einer Spinne keine Angst haben muss, kann der Behandelte in den eigenen vier Wänden erneut phobisch auf Spinnentiere reagieren, schreiben die Wissenschaftler.

Angstkonditionierung

Das Ziel der aktuellen Forschungsarbeit war es, ein erweitertes und verallgemeinertes Extinktionsgedächtnis zu einem diskreten Reiz zu schaffen, indem man Stress-Exposition vor dem Extinktionslernen einsetzt und so eine Erneuerung verhindert.

Dr. Shira Meir Drexler vom Fachbereich Psychologie der Ruhr-Universität Bochum und Kollegen konditionierten in ihrer Studie 40 gesunde Männer auf eine Angsterinnerung am ersten Tag.

Extinktion

Am 2. Tag erfolgte die Extinktion für einige Teilnehmer unter Stressbedingungen, für die anderen ohne unter Stress gesetzt zu werden. Die Angsterinnerung wurde abgerufen und gelöscht - ohne Unterschiede zwischen der Stress- und der Kontrollgruppe.

Erneuerungseffekt

Ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen zeigte sich im Erneuerungstest (Tag 3). In der Kontrollgruppe wurde ein Erneuerungseffekt beobachtet (N = 20), der die Kontextabhängigkeit des Extinktionsgedächtnisses bestätigt.

Im Gegensatz dazu zeigte die Stressgruppe (N = 20) keinen Erneuerungseffekt. Die Angstlinderung wurde auch auf den Lernkontext verallgemeinert, was darauf hindeutet, dass Stress das Extinktionslernen kontextunabhängiger macht, sagen die Psychologen.

Stresshormon Cortisol zur Verbesserung der Behandlung von Angststörungen

Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit früheren Studien, die eine Unterbrechung der Kontextualisierung als Folge von Stress vor dem Lernen zeigten, vermittelt durch die schnelle Wirkung von Glukokortikoiden (Corticosteroide, eine Klasse von Steroidhormonen aus der Nebennierenrinde, wie z.B. Cortisol und Corticosteron) auf den Hippocampus.

Die aktuellen Befunde unterstützen somit den Einsatz von Glukokortikoiden bzw. das Hervorrufen von Stress in der Expositionstherapie und legen einen richtigen Zeitpunkt der Verabreichung vor, um deren Wirkung zu optimieren, schließen die Psychologen.

Studien sollen nun herausfinden, ob Stress vor einer Konfrontationstherapie tatsächlich deren Effekte auf die Angstlinderung verbessert. Es sollte auch untersucht werden, ob die Wirksamkeit langfristig anhält.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Ruhr-Universität Bochum; Behavior Therapy - DOI: 10.1016/j.beth.2018.03.001

Aktivierungsmuster im Gehirn und Dopamin bei Extinktionslernerfahrungen

26.11.2018 Eine im Fachblatt Nature Communications veröffentlichte Studie untersuchte, wie es nach Extinktionslernen zur Verfestigung des Erlernten im Gedächtnis kommt.

A. M. V. Gerlicher von der Johannes Gutenberg Universität und Kollegen stellten fest, dass die Gehirne ihrer Versuchspersonen im Verlaufe einer Extinktionslernerfahrung bestimmte Muster der Aktivierung aufzeigten. Diese traten nach der Lernphase in einer Ruhephase erneut wieder auf.

Dabei konnte gezeigt werden: Je häufiger diese Spontanreaktivierungen auftraten, desto genauer erinnerten sich die Probanden an einem anderen Tag an ihre positiven Erfahrungen und umso geringer waren ihre ängstlichen Reaktionen auf die Auslösestimuli.

Neurotransmitter Dopamin

Die Wissenschaftler konnten dabei beobachten, dass der Neurotransmitter Dopamin die gedächtnisrelevanten Aktivitätsmuster unterstützte. Durch ein Psychopharmakon, das das Dopaminniveau im Gehirn erhöht, konnten die Forscher die Anzahl der Spontanreaktivierungen ansteigen lassen und damit einhergehen dosisabhängig spätere Angstreaktionen bei den Versuchsteilnehmern reduzieren.

Das Extinktionslern-Gedächtnis kann also relativ einfach verstärkt werden - ohne Training oder Gedächtnisübungen, schließen die Studienautoren.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Nature Communications - DOI: 10.1038/s41467-018-06785-y

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