Neuropsychologie / Neurowissenschaften

Psychologie-Lexikon

Definition Neurowissenschaft: Die Neurowissenschaften (oder Neurobiologie) ist die wissenschaftliche Erforschung des Nervensystems. Es ist ein multidisziplinärer Zweig der Biologie, der sich mit der Anatomie, Biochemie, Molekularbiologie und Physiologie von Neuronen und neuronalen Schaltkreisen beschäftigt. Er greift auch auf andere Bereiche zurück, wobei die Pharmakologie, Psychologie und Medizin die wichtigsten sind.

Definition Neuropsychologie: Die Neuropsychologie ist der Teilbereich der Psychologie, der sich mit Funktionen und Mechanismen des Gehirns und der Auswirkung auf die Psyche beschäftigt.

Dominanz der rechten / linken Gehirnhälfte - ein Mythos?

Gehirnscans belegen nicht, dass Menschen eine dominierende linke oder rechte Gehirnhälfte haben.

Theorie einer dominanten Gehirnhälfte

Die neuen Befunde fordern die weit verbreitete Auffassung heraus, dass Menschen eine Seite ihres Gehirns stärker als die andere benutzen, und dass dies ihre Persönlichkeitseigenschaften beeinflusst. Zum Beispiel sollen Menschen mit dominanter linker Gehirnhälfte logischer und detailorientierter sein, während Personen mit dominierender rechter Gehirnhälfte kreativ und nachdenklich sein sollen.

Für die Studie analysierten Neurowissenschaftler der Universität von Utah Gehirnscans von mehr als 1.000 Menschen im Alter von 7 bis 29. Die Forscher überprüften tausende Gehirnregionen auf Hinweise, dass Menschen entweder eher die rechte oder linke Seite des Gehirns einsetzen. Sie fanden jedoch keinerlei Anzeichen, dass dem so wäre.

Keine dominierende Hemisphäre

"Es ist absolut richtig, dass einige Hirnfunktionen in der einen oder der anderen Seite des Gehirns auftreten. Sprache ist eher auf der linker Seite, Aufmerksamkeit mehr auf der rechten Seite. Aber die Menschen tendieren nicht dazu eine dominantere linke oder rechtsseitige Hirnhälfte zu haben", sagte Dr. Jeff Anderson in einer Pressemitteilung der Utah University.

Dies sind bahnbrechende Ergebnisse bezüglich der Rechte-Gehirnhälfte-versus-Linke-Gehirnhälfte-Theorie, sagte Studienkoautor Jared Nielsen, Doktorand der Neurobiologie.

Persönlichkeitseigenschaften unabhängig von (aktiverer) Gehirnhälfte

"Wir konnten einfach keine Muster entdecken, bei denen das gesamte linke Gehirnnetz zusammenhängender bei einigen Personen ist, oder das gesamte rechte", sagte Nielsen in der Pressemitteilung.

"Es könnte also durchaus sein, dass Persönlichkeitstypen /-eigenschaften nichts mit einer aktiveren oder stärkeren Hemisphäre zu tun haben", sagte er.

© PSYLEX.de - Quelle: Utah University, August 2013

7 Neuromythen, die an Schulen gelehrt werden

Trotz der Bemühungen, auf Fakten basierende Annahmen in der Bildung zu vermitteln, liegen Lehrer und Öffentlichkeit bei einigen neurowissenschaftlichen Kernannahmen falsch, was Konsequenzen für die Vermittlung von Lerninhalten hat.

In einer neuen Studie wollten Forscher der Universität Bristol zeigen, dass Pädagogen oft versäumen, ihren eigenen Rat zu befolgen, wenn sie Vermutungen anstellen und Methoden verwenden, die nicht durch Belege gesichert sind.

Die Neurowissenschaftler glauben, dass Lehrer arglos Strategien übernehmen oder verwenden, von denen sie glauben, dass sie auf Befunden der Neurowissenschaften basieren.

Der Bericht macht Wunschdenken, Ängstlichkeit und Voreingenommenheit zugunsten einfacher Erklärungen als typische Faktoren verantwortlich, die neurowissenschaftliche Fakten in Neuromythen verzerren.

Lehrern in Großbritannien, den Niederlanden, der Türkei, Griechenland und China wurden sieben Thesen vorgelegt und sie sollten sagen, ob sie wahr wären.

Sieben Neuromythen

Die Behauptungen waren:

  1. Wir benutzen meistens nur 10 Prozent unseres Gehirns.
  2. Menschen lernen besser, wenn sie Informationen in ihrem bevorzugten Lernstil präsentiert bekommen (zum Beispiel: visuell, auditiv (akustisch) oder kinästhetisch).
  3. Kinder sind nach Süßgetränken und -snacks weniger aufmerksam.
  4. Kurze Koordinierungsübungen können die Integration der linken und rechten Hemisphärenfunktionen des Gehirns verbessern.
  5. Unterschiede in der Hemisphären-Dominanz (dominierende linke oder rechte Gehirnhälfte) können helfen, individuelle Unterschiede unter Lernenden erklären.
  6. Weniger als sechs bis acht Gläser Wasser am Tag zu trinken, kann das Gehirn schrumpfen lassen.
  7. Lernprobleme verbunden mit Entwicklungsunterschieden in den Hirnfunktionen können nicht durch Bildung saniert werden.

Alle Erklärungen stellen sogenannte "Neuromythen" dar, sagten die Studieautoren.

Was die Lehrer glaubten

Und einige der Befunde der Studie waren:

  • Mindestens ein Viertel der Lehrer in Großbritannien und der Türkei glaubten, dass sich das Gehirn eines Schülers verkleinern würde, wenn er/sie weniger als sechs bis acht Gläser Wasser am Tag trank.
  • Mindestens die Hälfte der Befragten glaubten, dass die Gehirne ihrer Schüler nur zu 10% aktiv wären, und dass Kinder nach süßlichen Getränken und Snacks weniger aufmerksam sind.
  • Über 70 Prozent der Lehrer in allen Ländern (91% in Großbritannien) nahmen fälschlicherweise an, dass ein Schüler entweder eine dominierende linke oder eine dominierende rechte Hirnhälfte hätten (mehr dazu hier).
  • Und fast alle Lehrer (über 90 Prozent in jedem Land) meinten, dass Schüler besser in ihrem bevorzugten Lernstil lernten,

obwohl es für keinen dieser Ansätze Belege gibt.

Die Ergebnisse wurden in Nature Reviews Neuroscience herausgegeben; die Studienautoren verlangen nach einer besseren Kommunikation zwischen Neurowissenschaftlern und Pädagogen.

Dr. Paul Howard-Jones von der Bristol University's Graduate School of Education und Autor des Artikels sagte: "Diese Ideen werden Lehrern oft als neurowissenschaftliche Befunde verkauft, aber die modernen Neurowissenschaften unterstützen diese Annahmen nicht. Sie haben keinen Bildungswert und deuten oft auf einen schlechten Unterricht in der Klasse."

© PSYLEX.de - Quelle: University of Bristol / Nature Reviews Neuroscience, Oktober 2014

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