Anspruchsdenken (Psychologie)

Persönlichkeitspsychologie

Anspruchsdenken erdrückt die eigene Zufriedenheit und das Glück

16.09.2016 Anspruchsdenken ist ein Persönlichkeitszug, der durch übertriebene Gefühle des Selbstwerts und Überlegenheit getrieben wird; dies kann zu chronischer Enttäuschung und einem gewohnheitsmäßigen, selbstverstärkenden Zyklus des Verhaltens mit schrecklichen psychologischen und sozialen Kosten führen laut einer im Fachblatt Psychological Bulletin veröffentlichten Studie der Case Western Reserve University.

Die Forscher um Joshua Grubbs untersuchten, wie Anspruchsdenken zu einer fortwährenden Schleife von Verzweiflung führen kann.

Narzisstischer Charakterzug

Auf einem hohen Niveau ist das Anspruchsdenken ein toxischer narzisstischer Charakterzug, der Menschen wiederholt dem Gefühl von Frustrationen aussetzt, unglücklich und enttäuscht mit dem eigenen Leben werden lässt, sagte er.

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Bild: Gerd Altmann

Oft behandeln uns Zeiten, Leben, Gesundheit, Altern und die soziale Welt nicht, wie wir es gerne hätten. Konfrontiert mit diesen Beschränkungen fühlt sich eine Person mit hoher Erwartungshaltung besonders bedroht, weil es ihre Weltanschauung der eigenen Überlegenheit verletzt, sagte Grubbs, Professor für klinische Psychologie.

Ärger wird externalisiert

Die Reaktion von Menschen mit einem hohen Anspruch auf wahrgenommene Ungerechtigkeiten ist oft, den Ärger nach außen zu richten, andere verantwortlich zu machen, während sie sich selbst ihrer eigenen Außergewöhnlichkeit versichern - so beginnt der Teufelskreis von vorne.

Die Studie basiert auf der Analyse von 170 akademischen Arbeiten und umreisst den Zyklus als einen dreistufigen Prozess:

Dreistufiger Zyklus

  1. Anspruchsdenken schafft eine konstante Anfälligkeit gegenüber nicht erfüllten Erwartungen.
  2. Nicht erfüllte Erwartungen führen dann zu Unzufriedenheit und anderen schwankenden Emotionen.
  3. Emotionaler Distress bzw. Verzweiflung fordert ein Heilmittel, was zur Verstärkung des eigenen Überlegenheitsdenken führt.

Die Beruhigung / Bestätigung, die durch den eigenen erhöhten Anspruch herrührt, kann vorläufig eine Erleichterung von der wirklichen durch das Anspruchsdenken verursachten Qual bieten, sagte Koautorin Julie Exline, Prof. für psychologische Wissenschaften.

Mögliche Folgen

Aber diese Vorteile sind kurzlebig; langfristige mit dem Anspruchsverhalten verbundene Folgen beinhalten schlechte soziale Beziehungen, zwischenmenschliche Konflikte und Depression.

Diese Denkweise richtet sich komplett gegen andere Menschen, sagte sie. Wenn Menschen denken, sie sollten alles bekommen, was sie wollen - oft ohne, dass sie etwas dafür leisten müssen - geht das auf Kosten der Beziehungen mit anderen und letztlich ihres eigenen Glücks.

Werte des Individualismus

Vorherige Studien zeigen, dass dieses hohe Anspruchsdenken auf dem Vormarsch ist: Die sogenannten 'Millennials' sehen sich selbst als 'berechtigter' als frühere Generationen.

Die zugrundeliegenen Persönlichkeitseigenschaften werden besonders gut genährt durch die von der US-amerikanischen Kultur und Gesellschaft betonten Werte des Individualismus, sagte die Psychologie-Professorin, obwohl es schwierig ist, jemandem die Schuld für das Phänomen zuzuweisen.

Demut und Dankbarkeit

Und auch wenn es keinen klaren Weg gibt, aus diesem Zyklus des überhöhten Anspruchsdenkens auszubrechen, zeigen frühere Forschungsarbeiten, dass die Charakterzüge Demut und Dankbarkeit gegen die mit dem erhöhten Anspruch verbundenen Distress schützen können.

Indem sie ein Gefühl für Sicherheit und Geborgenheit schaffen, können Psychologen diesen Menschen helfen, sich mehr mit anderen verbunden zu fühlen, indem sie Gemeinsamkeiten in den Beschränkungen und Leiden finden, die alle Menschen ertragen müssen.

Und doch kann das zuviel verlangt sein, sagte Grubbs. Personen mit großem Anspruchsdenken können oft nicht akzeptieren, dass sie nicht die Ausnahme zur Regel sind.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Case Western Reserve University, Psychological Bulletin - DOI: 10.1037/bul0000063; Sept. 2016

Erfahrungen, Erfahrungsberichte

Wie soll man da raus kommen?

04.06.2018 Kommentar von Calla_Bea:

Hallo, vielen Dank für den Artikel. Es könnte sein, dass ein Teil derjenigen, die unter diesem Syndrom leiden, ihren Anspruch nach außen richten. Aber was ist mit denen, die davon überzeugt sind, dass sie viel mehr sich selbst entwickeln, das eigene Potential entfalten könnten, die den Anspruch vor allem an sich selbst stellen?

Zu denen gehöre ich. Meine Unzufriedenheit hält seit Jahren auf allen Bereichen: Beruf (der falsche), Partner (ebenso), Intellekt (viel zu wenig genutzt), die Schönheit ( zu wenig gelebt), usw. Es hört nicht auf. Die Zeit vergeht, die Energie schwindet und es wird immer enger. Diese Unzufriedenheit entsteht aus der Enttäuschung über sich selbst. Man selbst ist an der Misere schuldig, niemand anderer.

Wie soll man da raus kommen? Ist das auch eine narzisstische Haltung? Wir Habenichts im Normalfall ein unschätzbares Geschenk - unseren Körper und Geist - bekommen. Welche Haltung soll man ihm gegenüber einnehmen? Ist das nicht das fruchtbare Feld, für dessen Fruchtbarkeit wir selbst verantwortlich sind?

Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht? Schreiben Sie uns.

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