Narzissmus und Kapitalismus

Persönlichkeitspsychologie

Kapitalistische Gesellschaften fördern Narzissmus und verringern Selbstwertgefühl

25.01.2018 Eine im Fachblatt PlosOne veröffentlichte Studie fragt, ob es in den modernen westlichen kapitalistischen Gesellschaften eine Epidemie des Narzissmus gibt, und verglich dazu subklinischen und pathologischen Narzissmus und Selbstwertgefühl in Ost- und Westdeutschland.

"Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus. So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben", sagt Prof. Dr. Stefan Röpke von der Charité - Universitätsmedizin Berlin. "Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist", schreibt er.

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Bild: Gerd Altmann

Dagegen konnten die Forscher feststellen, dass die Selbstachtung in Ostdeutschland stärker ausgeprägt ist als in Westdeutschland.

Grandioser u. vulnerabler Narzissmus; Selbstwertgefühl

In dieser Studie nutzten die Forscher eine anonyme Online-Umfrage, um den grandiosen Narzissmus mit dem Narzissmus-Inventar (NPI) und dem Pathological Narcissism Inventory (PNI) zu bewerten. Außerdem erfassten sie grandiose und verletzliche Aspekte des Narzissmus und das Selbstwertgefühl (das normalerweise mit N. verknüpft ist) mit der Rosenberg Self-Esteem-Skala (RSE) bei den 1.025 deutschen Teilnehmern (knapp 350 aus der ehemaligen DDR und etwa 680 aus der alten BRD). Die Daten wurden nach Alter und Geburtsort analysiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass der grandiose Narzissmus höher und das Selbstwertgefühl geringer war bei Personen, die in den alten Bundesländern (mit einer kapitalistischen bzw. individualistischen Kultur) aufwuchsen, als bei Teilnehmern aus den neuen Bundesländern (die in einer eher kollektivistischen Kultur aufwuchsen).

Kein Unterschied in der jungen Generation

Weitere Analysen ergaben keine signifikanten Unterschiede beim grandiosen und verletzlichen Narzissmus oder dem Selbstwertgefühl bei Personen, die nach der deutschen Wiedervereinigung in die Schule gingen (= 5 Jahre alt 1989).

In der mittleren Alterskohorte (6-18 Jahre im Jahr 1989) wurden signifikante Unterschiede im vulnerablen und grandiosen Narzissmus sowie im Selbstwertgefühl beobachtet.

In der ältesten Alterskohorte (> 19 Jahre 1989) wurden signifikante Unterschiede nur in einer der beiden Skalen zur Beurteilung des grandiosen Narzissmus (NPI) festgestellt.

Die Daten liefern damit empirische Belege dafür, dass soziokulturelle Faktoren - wie Kapitalismus bzw. Kollektivismus - mit Unterschieden bei Narzissmus und Selbstwertgefühl verbunden sind.

"Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Untersuchung dafür, dass gesellschaftliche Faktoren die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert beeinflussen", fasst Röpke die Befunde zusammen. Westliche - kapitalistische - Gesellschaften scheinen die Ausprägung von Narzissmus bei den Menschen zu fördern.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Charité - Universitätsmedizin Berlin; PLOS ONE - doi: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0188287; Jan. 2018

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