Bestrafung von Straftätern (Psychologie, Moral)

Rechtspsychologie - Moralpsychologie

Verbrechen begangen? Sollten Angehörige den Täter beschützen o. bestrafen?

07.10.2019 Liest man über einen Fall von Kindesmissbrauch oder jemanden, der in Häuser einbricht, werden oft Gefühle von Ekel, Wut und Fassungslosigkeit hervorgerufen, wenn man erfährt, dass die Familie oder Freunde des Täters nichts getan haben, um ihn aufzuhalten oder ihn der Polizei zu melden.

Aber wenn es das eigene Familienmitglied oder der Freund ist, der das Verbrechen begangen hat, wird man ebenfalls eher nicht zur Polizei gehen laut einer neuen Studie von Aaron C. Weidman vom Fachbereich Psychologie der University of Michigan und Kollegen.

Die Ergebnisse der in der Zeitschrift Personality and Social Psychology Bulletin veröffentlichten Studie legen nahe, dass Menschen eher Angehörige bzw. nahestehende Menschen schützen, wenn sie moralische Verstöße begangen haben, insbesondere bei sehr schweren Handlungen wie Diebstahl, Erpressung und sexuellen Delikten.

Schutz der Beziehung

Moralische Urteile

Unabhängig von Geschlecht, politischer Orientierung, Moral oder Ekel vor dem Vergehen ist die Tendenz eher, die Beziehung nicht zu opfern - auch nicht zum Wohle der Gesellschaft. Die Psychologen äußerten sich überrascht, dass die Menschen dazu neigen, einen geliebten Menschen mit zunehmender Schwere des Verbrechens noch mehr zu schützen.

So wurden die Teilnehmer beispielsweise gebeten, sich vorzustellen, dass ein Polizist sie fragte, ob sie etwas über eine unmoralische Handlung wüssten, die sie gesehen hatten. Sie waren eher bereit zu lügen (und damit das Gesetz zu brechen), um jemanden zu schützen, der ihnen nahe stand, wie z.B. ein Familienmitglied oder einen engen Freund.

Andererseits, wenn der Täter ein Fremder war, wollten die Teilnehmer, dass die Person formell bestraft, der Strafverfolgung ausgeliefert oder sozial geächtet wird.

Loyalität

Um diese Ergebnisse zu verstehen, untersuchte das Psychologenteam mögliche psychologische Erklärungen für dieses Verhalten. Sie fanden heraus, dass viele Menschen ihre Entscheidung - den Straftäter, den sie kennen und lieben - rechtfertigen, weil sie den Täter selbst disziplinieren würden. Dadurch behalten die Menschen ihr Selbstbild als moralisch aufrechte Person bei, sowie die Bewahrung der engen Beziehung, schreiben die Wissenschaftler.

Loyalität ist ein mächtiger Motivator, der unter bestimmten Umständen andere Tugenden wie Ehrlichkeit außer Kraft setzen kann, sagt Koautor Walter Sowden.

Abschwächung der Wahrnehmungsverzerrung

Die Psychologen zeigten auch, wie diese allgegenwärtige Wahrnehmungsverzerrung zum Schutz von Freunden und geliebten Personen abgeschwächt werden kann; indem sie die Menschen anwiesen, eine psychologisch distanzierte Perspektive einzunehmen.

In zwei Experimenten fanden sie heraus, dass die Aufforderung an die Teilnehmer, über die schwersten Formen moralischer Übergriffe aus der Perspektive der dritten Person nachzudenken, sie dazu anregte, die ethischere Entscheidung zu treffen, und auch den nahestehenden Straftäter eher einer Bestrafung zuführten.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Personality and Social Psychology Bulletin - https://doi.org/10.1177/0146167219873485

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