Vergewaltigung (tonische Bewegungslosigkeit, Immobilität)

Rechtspsychologie - Kriminalpsychologie

Viele Vergewaltigungsopfer erleben eine unfreiwillige Lähmung, die sie daran hindert, Widerstand zu leisten

07.06.2017 Aktiver Widerstand wird oft als die "normale" Reaktion bei einer Vergewaltigung betrachtet, aber eine neue Studie hat herausgefunden, dass die meisten Opfer einen Zustand der unwillkürlichen Lähmung (Paralyse), genannt tonische Bewegungslosigkeit (Immobilität), während der Vergewaltigung erleben können.

PTBS und Depression

Tonische Bewegungslosigkeit war auch mit nachfolgender posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und schweren Depressionen nach der Vergewaltigung verbunden.

Die im Fachblatt Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die tonische Immobilität bei allen sexuell attackierten Opfer für die gesundheitliche Nachversorgung und rechtlichen Angelegenheiten erfasst werden sollte.

Evolutionäre adaptive Abwehrreaktion


Bild: Unsplash

Tonische Bewegungslosigkeit bei Tieren gilt als evolutionäre adaptive Abwehrreaktion auf einen räuberischen Angriff, wenn Widerstand nicht möglich ist und andere Ressourcen nicht verfügbar sind.

Wenig ist über die tonische Immobilität beim Menschen bekannt. Um dies zu untersuchen, haben Dr. Anna Möller und ihre Kollegen vom Karolinksa Institutet und dem Stockholm South General Hospital die tonische Bewegungslosigkeit zum Zeitpunkt des Angriffs bei 298 Frauen erfasst, die die Notfall-Klinik für Vergewaltigungsopfer in Stockholm innerhalb eines Monats nach einem sexuellen Angriff aufgesucht hatten. Nach 6 Monaten wurden 189 Frauen auf die Entwicklung von PTBS und Depressionen beurteilt.

Häufiges Auftreten

Von den 298 Frauen berichteten 70% über eine deutliche tonische Immobilität und 48% berichteten über eine extreme tonische Bewegungslosigkeit während des Angriffs.

Unter den 189 Frauen, die die 6-Monats-Bewertung abgeschlossen hatten, entwickelten 38,1% eine PTBS und 22,2% eine schwere Depression.

Tonische Immobilität war mit einem 2,75-fach erhöhten Risiko der Entwicklung von PTBS und einem 3,42-mal erhöhtem Risiko für die Entwicklung einer schweren Depression verbunden. Ein vorheriges Trauma oder eine psychiatrische Behandlung waren ebenfalls mit tonischer Bewegungslosigkeit verbunden.

Die vorliegende Studie zeigt, dass tonische Immobilität häufiger vorkommt als angenommen, sagte Dr. Möller. Diese Information ist sowohl für Rechtssituationen als auch in der Psychoedukation von Vergewaltigungsopfern wichtig. Darüber hinaus kann dieses Wissen in der Ausbildung von Medizinstudenten und Jurastudenten verwendet werden.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Karolinksa Institutet, Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica - DOI: 10.1111/aogs.13174; Juni 2017

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