Verhörpsychologie, Vernehmungspsychologie

Rechtspsychologie - Kriminalpsychologie

News/Forschung zur Vernehmungspsychologie, Verhörpsychologie.

Wie man Lügner in Verhören entlarven kann

Forscher haben herausgefunden, wie die Überführungsrate in Verhören der Ermittlungsbehörden verbessert werden kann.

Tröpfchenweises Anfüttern

Sie stellten fest, dass tröpfchenweises 'Anfüttern' des Verdächtigen die Aufdeckungsrate auf 68 % anhob, verglichen mit 50 Prozent (also nicht besser als der Zufall) bei den üblich angewandten Methoden, bei denen sämtliche Informationen entweder früh oder spät im Verhör offenbart werden.

Ihre Entdeckung hat Auswirkungen auf offizielle Verhöre und Anhörungen, wie Untersuchungen zu Betrug, ärztlichen Kunstfehlern und Steuerhinterziehungen.

Allmähliches Offenbaren von Informationen

Die Forscher sagen, dass das allmähliche Offenbaren von Informationen "Lücken in der Darstellung eines Betrügers ausnutzt, wobei Widersprüche beginnen aufzutauchen, während es zur gleichen Zeit die befragten Unschuldigen eine frühe Gelegenheit liefert, ihre Aufrichtigkeit zu vermitteln".

In der Studie mit 151 Menschen wurden die Teilnehmer darum gebeten, einen Teil eines virtuellen olympischen Stadions in einem virtuellen Computerspiel zu bauen.

Aber einige der Teilnehmer sollten sich als Täuscher oder "Terroristen" einen Plan ausdenken, wie sie das Stadion in die Luft jagen können. Sie mussten dazu ihre Absichten verbergen, z.B. beim Einkauf von großen Mengen "Explosivstoffen" in den virtuellen Läden.

Sie wurden dann zum Spiel von einem geschulten Verhörspezialisten der Polizei interviewt, der relevante Informationen entweder am Anfang oder am Ende des Verhörs, oder allmählich offenbarte.

Lüge und Wahrheit wurden besser erkannt

Dreißig Laien beobachteten eine zufällige Auswahl der Interviews und sollten beurteilen, ob die Befragten die Wahrheit sagten oder nicht.

Ihre Urteile waren genauer in den Interviews, in denen die Informationen allmählich offenbart wurden, und bei diesen waren die Laien auch zuversichtlicher hinsichtlich ihrer Urteile. Außerdem sagten die "Terroristen", dass die allmählich vom Interviewer offenbarten Informationen geistig viel belastender waren, und es für sie schwerer machte die Täuschung aufrechtzuerhalten.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: University Wolverhampton, Lancaster University, Derby University, Mai 2013

Warum gestehen Unschuldige in einem Verhör?

Fast jede Woche, so scheint es, hört man in den Nachrichten, dass jemand aus dem Gefängnis nach einem Gentest entlassen wurde, der ihn entlastet hat. Oft ist die Verurteilung durch ein Schuldeingeständnis zugestanden gekommen. Eine neue Forschungsstudie untersucht, warum unschuldige Leute gestehen.

Stress ist ein Grund

Die Forscher der Iowa State University, USA, entdeckten (nicht überraschend), dass Stress einen großen Part im Drama spielt, obwohl auf eine andere Weise als die meisten erwarten würden.

Fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt zu werden, steigert sicher den Stresspegel einer Person, obwohl die Forscher herausfanden, dass Unschuldige oft weniger gestresst sind als die Schuldigen. Und dies kann paradoxerweise für eine Person ein größeres Risiko darstellen, sich für ein Verbrechen schuldig zu bekannen, das sie nicht begangen hat.

Zu wenig Stress bei Unschuldigen

Um besser zu verstehen, was zu falschen Geständnissen führen kann, maßen die Psychologen Dr. Max Guyll und Stephanie Madon Zeichen von Stress, wie Blutdruck, Herzfrequenz und Aktivität des Nervensystems.

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Sie entdeckten, dass der Stresslevel bei allen Teilnehmern zunahm, wenn sie zum ersten mal beschuldigt wurden.

Bei den Unschuldigen war er etwas niedriger. Dies könnte für sie ein Problem werden, sagten die Forscher, weil die Unschuldigen sich dann eher weniger kraftvoll in einem wirklichen Verhör verteidigen könnten.

Die Unschuldigen sind weniger gestresst, weil sie glauben, dass ihre Unschuld sie schützen wird, und sie denken, dass alles in Ordnung ist ... also gibt es keinen Grund, sich über die Anschuldigung aufzuregen, sagte Madon.

"Aber, wenn Sie in ein Polizeiverhör gehen und Sie nicht auf der Hut sind, dann könnten Sie Entscheidungen treffen, die Sie am Ende einem größeren Risiko für ein falsches Geständnis aussetzen. Denn, wenn Sie erstmal mit der Polizei sprechen, eröffnen sie den Polizisten die Möglichkeit manipulative Taktiken und Zwangsmittel anzuwenden."

Minimierung bei Verhören

Minimierung ist eine bei Vernehmungen angewendete Taktik und diese verwendeten Madon und Guyll auch in ihrer Studie.

Durch Minimierung der Schwere eines Verbrechens, erklärte Guyll, versuchen die Ermittler die Person, die sie befragen, zu überzeugen, dass ein Geständnis zu seinem oder ihrem Besten ist.

Am Anfang ist es für eine Person leichter, sich zu verteidigen, aber im Laufe der Zeit werden sie mürbe gemacht.

Zermürbung als Verhörmethode

"Wenn Sie spät nachts abgeholt werden und für mehrere Stunden einbe- und wachgehalten werden, sind Sie erschöpft, und die polizeilichen Ermittler bekommen Oberwasser. Sie stellen alles infrage und provozieren Sie bei allem was Sie sagen", sagte Guyll.

"Dieser Druck beginnt physiologisch seinen Zoll zu fordern und die Wahrscheinlichkeit wird größer, dass Sie aufgeben und gestehen."

Madon sagte, dass andere Forscher Fälle falscher Geständnisse untersucht haben, in denen die Polizei die Länge des Verhörs aufzeichnete. Bei jenen Fällen wurden die Leute bis zu 16 Stunden im Durchschnitt befragt, bevor sie ein Verbrechen gestanden, das sie nicht begangen hatten.

(Falsche) Geständnisse nach langen Vernehmungen

"Diese Leute hielten eine sehr lange Zeit durch, aber sie können nicht ewig durchhalten", sagte Madon. Normalerweise dauern Vernehmungen nur 30 Minuten bis zu 2,5 Stunden. Aber bei einigen falschen Geständnissen wurden die Verdächtige bis zu 24 Stunden befragt.

"In einem Polizeiverhör zu stehen ist eine intensive Situation", sagte Guyll. "Wenn Sie eine Person zermürben, bekommen Sie eher ein falsches Geständnis."

Das Experiment

In der neuen Studie wurden Collegestudenten vernommen. Bei einigen dauerte es nur kurz bis sie ein falsches Geständnis ablegten.

Die Studenten waren an Monitore angeschlossen, so dass die Forscher ihre Stresslevel während des Versuchs messen konnten.

Die Forscher sagen, dass dies die erste Studie ist, die die physiologischen Reaktionen gemessen hat, was wichtig ist, denn so konnten die Ergebnisse nicht so leicht durch Voreingenommenheit geändert oder beeinflusst werden.

Den Studenten wurde eine Aufgabe aufgetragen, deren einen Teil sie allein und deren anderen Teil sie mit einem Partner zusammen ausführen sollten.

Das Experiment war so aufgebaut, dass der Partner einige Studenten um Hilfe bei der individuellen Aufgabe bitten würde, sie also zu einem Regelbruch verleitete. Sie hätten sich also eines Fehlverhaltens schuldig gemacht.

Die Studenten, sowohl die unschuldigen als auch die schuldigen, wurden später wegen akademischen Fehlverhaltens angeklagt, und man verlangte von ihnen, ein Geständnis zu unterschreiben.

Fast die Hälfte der Unschuldigen unterschrieb Geständnis

Es war für die Forscher keine Überraschung, dass 93 Prozent der schuldigen Studenten gestand, aber es gestanden auch 43 Prozent jener, die unschuldig waren.

Obwohl die Unschuldigen weniger Stress als die Schuldigen bei der ersten Anschuldigung zeigten, änderte sich dies, als die Studenten weiter unter Druck gesetzt wurden, das Geständnis zu unterschreiben. Im Vergleich mit Studenten, die aufgaben und gestanden, zeigten die Unschuldigen, die sich weigerten zu gestehen, eine größere Aktivität des sympathischen Nervensystems, welches mit der Kampf-Flucht-Reaktion verbunden wird.

Verhörmethoden produzieren falsche Geständnisse

Wenn man für eine lange Zeit befragt wird, fordert der Einsatz von Ressourcen irgendwann seinen Tribut, sagte Guyll. Und als Ergebnis verursacht dies, dass die Unschuldigen, die ihre Energie und Motivation verlieren während sie sich verteidigen, schließlich aufgeben und gestehen.

Jeder verliert seine Ressourcen im Laufe der Zeit, und dies wird noch verschlimmert, wenn die Ermittler den Verdächtigen konstant unter Druck setzen und seine Geschichte anfechten, sagte Guyll.

"Wenn Sie jemals in einem einstündigen Streit mit jemandem gewesen waren, denken Sie mal zurück, wie anstrengend das gewesen ist. Irgendwann kommen Sie an den Punkt, wo Sie sagen: "Ja, Du hast recht!", bloß um das Ganze zu stoppen. Jetzt stellen Sie sich vor, dass dieser Streit 16 Stunden weitergeht."

Keine Unterschiede in den Reaktionen

Die Forscher zeichneten auch das Experiment auf, um sich Unterschiede bei Körpersprache und den Gesichtsausdrücken der verschiedenen Gruppen anzusehen.

Während einige Studenten ein nervöses Lächeln oder Lachen zeigten, gab es keine messbaren Unterschiede zwischen den Reaktionen der Schuldigen und der falsch Beschuldigten.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Iowa State University; Sept. 2013

Werden Augenzeugen zusammen verhört, machen sie weniger Fehler bei der Polizeivernehmung

Die Zeugen korrigieren die Fehler des anderen - Vernehmungspsychologie

04.07.2016 Zwei kürzlich veröffentlichte Forschungsstudien der Rechtspsychologen Annelies Vredeveldt und Peter van Koppen von der Vrije Universiteit Amsterdam zeigen, dass Zeugen weniger Fehler machen, wenn sie zusammen verhört werden - verglichen mit der Genauigkeit bei getrennten Zeugenaussagen.

Dies steht im scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen Polizeirichtlinie, Zeugen immer getrennt zu vernehmen.

In einer einzigartigen Zusammenarbeit zwischen der VU Amsterdam und dem Toneelschuur Theater in Haarlem baten die Forscher in der ersten Studie die Zuschauer eines Theaterstücks, eine Zeugenaussage zu einer - eine Woche vorher gespielten - Notzucht-und-Mord-Szene zu machen. Die Zeugen wurden entweder in Paaren interviewt oder allein.

Gemeinsame Vernehmung: weniger Fehler

Wurden zwei Beobachter zusammen verhört, berichteten sie in etwa die gleiche Menge an Informationen, machten aber wesentlich weniger Fehler als bei der Vernehmung von zwei Zeugen allein. In der zweiten Studie interviewten die Forscher eine größere Zahl von Zeugen (80 Menschen) und konnten dieses Ergebnis bestätigen.

Diese Ergebnisse sind im Vergleich zu früheren Befunden aus Aussagenpsychologie und Zeugenpsychologie überraschend: Diese hatten nämlich gezeigt, dass die Zeugen die Erinnerungen des anderen verfälschen können.

Der Unterschied zwischen den Studien ist, dass in den vorherigen Studien auf unnatürliche Weise versucht wurde, Fehler zu generieren - z.B. sollten die Augenzeugen mit 'unechten Zeugen' sprechen, die absichtlich Fehler in die Erörterung einführten.

Im Gegensatz dazu untersuchte die Forschung der VU Amsterdam natürliche Diskussionen zwischen den Zeugen.

Augenzeugenpaare mit wirksameren Kommunikationsstilen erinnerten sich besser

Auch zeigte die Forschung, dass sich Paare mit einem wirksameren Kommunikationsstil zusammen besser erinnerten als Paare, die weniger effektiv miteinander kommunizierten. Die Forschung zeigt, dass die Zusammenarbeit am besten klappt, wenn die Behauptungen des Partners wiederholt oder umformuliert und dann durch zusätzliche Information elaboriert werden.

"Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die gemeinsame Vernehmung von Zeugen auch Vorteile haben kann", sagten die Forscher. Vredeveldt und Van Koppen erwarten, dass diese Forschungsergebnisse von Interesse für Wissenschaft und Polizei sein werden.

Die Forschungsarbeiten sind in zwei renommierten internationalen akademischen Zeitschriften veröffentlicht worden: die erste Studie in Memory und die zweite Studie in Legal and Criminological Psychology.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Vrije Universiteit Amsterdam, Memory DOI: 10.1080/09658211.2015.1042884; Legal and Criminological Psychology - DOI: 10.1111/lcrp.12097; Juni 2016

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