Gewalt bei Fußballfans / Hooliganismus (Psychologie)

Sportpsychologie

Soziale Bindungen sind die Hauptursache für Gewalt bei Fußballfans

23.06.2018 Immer wenn das WM-Fieber einsetzt, sorgen verstärktes Rowdytum und fußballverknüpfte Gewalt (Hooliganismus) für berechtigte internationale Sorgen.

Soziale Fehlanpassung

Frühere psychosoziale Forschungen haben den sportbezogenen Hooliganismus mit "sozialer Fehlanpassung" in Verbindung gebracht, z.B. frühere Gewaltfolgen oder dysfunktionales Verhalten zu Hause, am Arbeitsplatz oder in der Schule etc.

Jedoch können soziale Bindungen und der Wunsch, andere Fans zu schützen und zu verteidigen, eine der Hauptmotivationen nicht nur für Fußballrowdytum, sondern auch für extremistisches Gruppenverhalten im Allgemeinen erklären, so die neue Studie vom Fachbereich Psychologie der Universität Oxford.

Außerhalb des Fußballs nicht besonders dysfunktional

Die in Evolution & Human Behaviour veröffentlichte Studie befragte 465 brasilianische Fans und bekannte Hooligans und stellte fest, dass Mitglieder von Super-Fan-Gruppen außerhalb des Fußballs nicht besonders dysfunktional sind, und dass fußballbezogene Gewalt eher ein isoliertes Verhalten ist.

Studienautorin Dr. Martha Newson und Kollegen zeigen, dass Hooliganismus kein zufälliges Verhalten ist. Mitglieder von Hooligan-Gruppen sind nicht unbedingt sozial gestörte Menschen außerhalb der Fußball-Gemeinschaft; gewalttätiges Verhalten konzentriert sich fast ausschließlich auf diejenigen, die als Bedrohung angesehen werden - in der Regel rivalisierende Fans oder manchmal die Polizei.

Extremistisches Gruppenverhalten

In einer Super-Fangruppe von Menschen zu sein, die sich leidenschaftlich für den Fußball interessieren, erhöht sofort den Einsatz und ist ein Faktor für die Gewalt im Fußball.

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Bild: Carlo Sardena

Nicht nur, weil diese Fans sich mehr für ihre Gruppe engagieren, sondern auch, weil sie die bedrohlichsten Umgebungen erleben, z.B. das Ziel des rivalisierenden Angriffs, also noch wahrscheinlicher "auf der Hut" und kampfbereit sein müssen.

Während die Ergebnisse mit brasilianischen Fußballfans in Verbindung gebracht wurden, glauben die Autoren, dass sie nicht nur für Fußballfans und andere sportbezogene Gewalt gelten, sondern auch für andere nicht-sportliche Gruppen, wie religiöse Gruppen und politische Extremisten.

Newson fügt hinzu, obwohl sich die Psychologen nicht auf eine Gruppe brasilianischer Fans konzentriert haben, könnten diese Erkenntnisse helfen, die Fankultur und nicht-sportliche Gruppen, einschließlich religiöser und politischer Extremisten, besser zu verstehen.

Menschliche Evolution

Die Psychologie, die den Kampfgruppen unter den Fans zugrundeliegt, war wahrscheinlich ein wichtiger Teil der menschlichen Evolution. Es ist unerlässlich, dass Gruppen gegeneinander bestehen können, wenn es um Ressourcen wie Nahrung, Territorium und Freunde geht, und es ist ein Vermächtnis dieser Stammespsychologie im modernen Fandom zu sehen.

Obwohl die psychogische Forschungsarbeit nicht darauf hindeutet, dass eine Reduktion der Mitgliedschaft auf extreme Fußball-Supergruppen zwangsläufig Gewalt verhindern oder stoppen wird, glauben die Autoren, dass es für die Vereine möglich ist, das Engagement der Super-Fans in einer Weise zu nutzen, die positive Auswirkungen haben könnte.

Die Ergebnisse bestätigen die bisherige Arbeit des Forschungsteams, um die Rolle der Identitätsfusion bei extremen Verhaltensweisen zu verstehen.

Strategien, Interventionen

Sie legen auch nahe, dass die Bekämpfung extremer Verhaltensweisen mit extremer Polizeiarbeit, wie dem Einsatz von Tränengas oder militärischer Gewalt, wahrscheinlich kontraproduktiv ist und nur noch mehr Gewalt auslösen wird, was die engagiertesten Fans dazu bringt, noch stärker aufzutreten und ihre Fan-Brüder zu "verteidigen".

Wie bei allen fusionsbedingten Verhaltensweisen kommt die Gewalt aus dem positiven Wunsch, die Gruppe zu "schützen". Dies zu verstehen, könnte uns helfen, diese psychosoziale Bindung zu nutzen, folgern die Psychologen.

Nutzung der Fangruppen mit positiven Effekten

Zum Beispiel sehen wir bereits Gruppen von Fans, die Lebensmittelbanken einrichten oder Seiten zur Crowdfinanzierung für chronisch kranke Fans einrichten, die sie nicht einmal kennen, berichten sie.

Der Projektleiter, Professor Harvey Whitehouse, hofft, dass diese Studie ein Interesse daran weckt, Konflikte zwischen den Gruppen durch ein tieferes Verständnis sowohl der psychologischen als auch der situativen Faktoren, die sie antreiben, zu reduzieren.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Evolution and Human Behavior https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2018.06.010

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