Antidepressiva und Schlaf

Stimmungsaufhellende Psychopharmaka - Thymoleptika

Ist ausreichender Schlaf der Schlüssel zur erfolgreichen Behandlung durch Antidepressiva?

08.09.2016 Forscher der Universität Michigan, die sich sowohl auf die psychiatrischen als auch auf schlafmedizinischen Aspekte spezialisierten, haben einen möglichen Weg gefunden, der das Ansprechen auf Antidepressiva verbessert, schreiben sie in der Zeitschrift The Journal of Clinical Psychiatry.

Schlafentzug hilfreich?

Frühere Studien - größtenteils in stationären Settings - fanden, dass ein einmaliger totaler oder teilweiser (4-5 Stunden) Schlafentzug die Stimmung am folgenden Tag bei etwa 60 % der Patienten verbesserte. Dieser extreme Schlafentzug ist jedoch nicht praktikabel oder sicher für Patienten zuhause, schreiben die Forscher.

Antidepressivum Fluoxetin

In der neuen Studie sollten 68 Erwachsene entweder sechs oder acht Stunden jede Nacht im Bett verbringen während ihrer ersten zwei Wochen unter dem Antidepressivum Fluoxetin. Es dauert normalerweise bis zu 6 Wochen bis Patienten auf Antidepressiva ansprechen und die Remissionsrate beträgt in etwa nur ein Drittel.

Schlaf und Stimmung wurden täglich in den ersten zwei Wochen gemessen, und die Stimmungsmessung wurde für weitere 6 Wochen wöchentlich fortgesetzt, nachdem die Patienten zu ihren bevorzugten Schlafmustern zurückkehrten (und Fluoxetin weiter einnahmen).

"Obwohl wir annahmen, dass die Gruppe mit der beschränkten Zeit im Bett ein besseres Ansprechen zeigen würde - basierend auf den früheren Befunden der Forschung zur Schlafdeprivation bei Depression - zeigte sich das Gegenteil", sagte Studienautor Dr. J. Todd Arnedt, Prof. für Psychiatrie und Neurologie.

Längerer Schlaf verbessert eher Symptome

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Bild: Peggy und Marco Lachmann-Anke

Überraschenderweise zeigte die Gruppe, die die vollen acht Stunden im Bett jede Nacht verbrachte, größere Verbesserungen bei den Symptomen. Die Teilnehmer erreichten eine fast doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Symptom-Remission nach den vollen acht Wochen der Behandlung mit Fluoxetin - 63 Prozent im Vergleich zu 33 Prozent in der sechsstündigen Gruppe.

REM-Schlaf und Slow-Wave-Schlaf

Es wurde auch ein schnelleres Ansprechen auf die Antidepressiva-Behandlung bei ihnen beobachtet.

Die Forscher konnten durch ihr Studiendesign auch REM-Schlaf und Slow-Wave-Schlaf erfassen und deren Auswirkungen auf das Ansprechen auf Fluoxetin: Sie stellten aber fest, dass weder REM-Schlaf noch Slow-Wave-Schlaf eine signifikante Rolle beim Ansprechen auf die Behandlung zeigten.

Mit Hilfe von Bewegungssensoren konnten die Forscher den Schlaf der Probanden genauer untersuchen, und stellten fest, dass die Teilnehmer der 8-Stunden-Gruppe sich größtenteils an das Schlafmuster hielt, doch die 6-Stunden-Gruppe hatte große Probleme damit. So blieben sie teilweise im Schnitt einfach eine Stunde länger im Bett als vorgegeben.

Keine praktikable Strategie im ambulanten Setting

"Diese Ergebnisse zeigen uns, dass, selbst wenn die sechsstündige Bedingung bessere Ergebnisse in Bezug auf das Behandlungsansprechen gezeigt hätte, so ist die Wahrscheinlichkeit doch gering, dass die Patienten einer klinischen Empfehlung folgen würden, nur sechs Stunden während der anfänglichen zwei Wochen der antidepressiven Therapie im Bett zu verbringen. Diese Strategie ist also nicht praktikabel für eine Durchführung in ambulanten Settings", sagte Arnedt.

Individuelle Faktoren

Da diese Studie entworfen wurde, um in erster Linie die Effekte zu bewerten, die die Einschränkung der Zeit im Bett auf die Antidepressiva-Behandlung hat, werden die Forscher als Nächstes direkt erfassen, ob eine Optimierung oder Verlängerung der Schlafenszeit das Ansprechen auf eine Antidepressiva-Therapie verbessert.

Wobei die Optimierung nicht nur die Schlafdauer, sondern auch individuelle Faktoren beeinflussen müsste, wie die bevorzugten Schlaf- und Wachzeiten und die Schlafqualität.

Außerdem wollen die Wissenschaftler mit höher entwickelten Messtechniken mögliche Auswirkungen von direkt manipulierten Schlafparametern untersuchen, wie REM-Schlaf, Slow-Wave-Schlaf, circadiane Rhythmik und anderen Aspekten.

Keine Schlafdeprivation bei Therapiebeginn

Derweil empfiehlt Arnedt, mehr darauf zu achten, wie und wie lange Patienten schlafen, wenn sie Antidepressiva einnehmen.

Patienten, die eine neue Behandlung mit einem Antidepressivum beginnen, sollten vor der Einschränkung ihres Schlafs gewarnt werden, weil es beeinflussen könnte, wie schnell und effektiv sie auf das Medikament ansprechen.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität von Michigan, The Journal of Clinical Psychiatry - DOI: 10.4088/JCP.15m09879; Sept. 2016

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