Psychotherapie: Wirksamkeit, Wirksamkeitsforschung

Psychotherapieformen - Behandlungsmethoden

Warum Psychotherapien wirksam erscheinen, obwohl sie es gar nicht sind

06.08.2014 Wie gut können Psychotherapeuten und ihre Klienten einschätzen, ob die Therapie wirksam ist bzw. war? Überhaupt nicht gut laut einer aktuellen Untersuchung eines Wissenschaftlerteams.

Scott Lilienfeld und seine Kollegen befürchten, dass dies zu fortführenden unwirksamen oder sogar schädlichen Behandlungen führen kann.

Psychotherapeuten sind voreingenommen (wie alle Menschen)

Psychotherapie
Bild: Tiyo Prasetyo (pixabay)

Die Studienautoren bemerken, dass Kliniker/Psychotherapeuten vier Vorurteilen/Voreingenommenheiten unterliegen, die ihre Fähigkeit verzerren, die Wirksamkeit ihrer psychotherapeutischen Behandlungen richtig zu erfassen. Dieses sind:

  1. die falsche Einschätzung, dass wir die Welt so sehen können, wie sie tatsächlich ist (naiver Realismus);
  2. unsere Tendenz, Belege zu sammeln, die unsere anfänglichen Überzeugungen stützten, (Bestätigungen für das Vorurteil);
  3. illusorische Kontrolle: anzunehmen, eine Kontrolle über Ereignisse zu haben, die wir tatsächlich gar nicht haben und
  4. illusorische Korrelationen (Zusammenhänge), anzunehmen, dass die Faktoren, auf die wir fokussiert sind, ursächlich für die von uns beobachteten Dinge verantwortlich sind.

Diese Merkmale menschlichen Denkens führen zu mehreren bestimmten Fehlern, die besonders Psychotherapeuten zeigen, wenn sie Aussagen über die Wirksamkeit ihrer Therapien machen. Lilienfelds Team nennt diese Fehler "Ursachen für falsche therapeutische Wirksamkeit" oder CSTE (causes of spurious therapeutic effectiveness). Die Autoren haben eine Taxonomie (Systematik) mit 26 dieser CSTEs in drei Kategorien erschaffen.

Ursachen für falsche therapeutische Wirksamkeit - 3 Kategorien

  1. Die erste Kategorie umfasst 15 Fehler, die zu der Wahrnehmung führen, dass sich der Zustand eines Patienten gebessert hat, obwohl objektiv keine Verbesserung festzustellen ist.
    Beispiele für diese Kategorie sind: palliativer Nutzen (wenn sich der Klient hinsichtlich seiner Symptome besser fühlt, ohne dass es tatsächlich konkrete Verbesserungen zeigen); konfuses Verständnis hinsichtlich der Fortschritte (wenn der Patient seine Probleme besser versteht, aber tatsächlich keine Fortschritte zeigt); und der Praxisfehler des Therapeuten (die Präsentation eines Klienten in der Sitzung mit dessen Verhalten im Alltagsleben verwechseln).

  2. Die zweite Kategorie besteht aus Fehlern, die Therapeuten und ihre Kunden annehmen lassen, dass die Symptomverbesserungen aufgrund der Therapie und nicht aufgrund anderer Faktoren, wie eine natürliche Genesung, auftraten.
    Unter diesen acht Fehlern befinden sich z.B.: dass viele Störungen zyklisch auftreten (Erholungsphasen wechseln sich mit Phasen intensiverer Symptome ab); ignorieren des Einflusses von äußeren Faktoren, wie eine verbesserte Beziehung oder Job-Situation; und der Einfluss des Erwachsenwerdens (Störungen bei Kindern und Jugendlichen können einfach während ihrer Entwicklung verschwinden):

  3. Die dritte Kategorie Fehler sind diejenigen, die zur Annahme führen, dass Verbesserungen Ursachen einzigartiger Merkmale einer Therapie sind, statt Faktoren, die allen Therapien gemeinsam sind.
    Beispiele: ignorieren des Placeboeffekts (Verbesserungen, die aufgrund von Erwartungen kommen) und Neuheitseffekte (Verbesserungen, die herrühren durch den Enthusiasmus eines Psychotherapie-Klienten).

Um angemessen auf diese vielen CSTEs zu reagieren, sagt das Lilienfeld-Team, müssen spezielle Untersuchungsmethoden entwickelt und eingesetzt werden.

CSTEs unterstreichen die dringende Notwendigkeit, Psychotherapeuten / Klinikern, Forschern und Studenten Demut einzuimpfen, schließen Lilienfeld und seine Kollegen. "Wir sind alle dafür anfällig, die CSTEs zu vernachlässigen / ignorieren, nicht aus Mangel an Intelligenz, aber wegen inhärenten (uns innewohnenden) Beschränkungen in der menschlichen Informationsverarbeitung."

Als Folge sollten alle psychologischen / psychiatrischen Angehörigen der Gesundheitsberufe und die Klienten/Patienten skeptisch bei zuversichtlichen Ausrufen hinsichtlich eines Behandlungsdurchbruchs in der Abwesenheit von genau ermittelten Ergebnisdaten sein.

© PSYLEX.de - Quelle: Emory University, Juli 2014

Wird die Wirksamkeit von Psychotherapie überbewertet / überschätzt?

02.04.2017 Die meisten Menschen, die psychotherapeutisch behandelt werden, scheinen daraus einen Nutzen ziehen zu können - die Psychotherapie scheint wirksam zu sein. Woher wissen wir das? Aus vielen Metaanalysen, die die Resultate vieler - manchmal hunderter - Studien zusammenfassen.

Und auf der Grundlage dieser Metaanalysen wird geschätzt, dass Psychotherapie etwa für ungefähr 80 Prozent der Menschen wirksam ist (etwa 10 Prozent der Klienten zeigen nachteilige Wirkungen - die sogenannten Nebenwirkungen).

Die meisten Metaanalysen sind unzureichend

Doch nun haben Forscher um Evangelos Evangelou von der Universität Ioannina in Griechenland zeigen können, dass die Qualität dieser Psychotherapie-Metaanalysen stark zu wünschen übrig lässt und sie schwere methodologische Mängel haben.

In ihrer in der Fachzeitschrift Acta Psychiatrica Scandinavica veröffentlichten Übersichtsarbeit zu den Metaanalysen der Psychotherapie-Forschungsliteratur untersuchten Evangelou und sein Team jede Psychotherapieform und fast jede behandelte psychische Erkrankung (insgesamt 5.157 Studien).

Nahezu 80 Prozent der veröffentlichten Psychotherapie-Metaanalysen berichteten über einen deutlichen und positiven Nutzen von Psychotherapie.

Das klingt zunächst eindrucksvoll, doch nachdem die Wissenschaftler aktelle 'state-of-the-art' Tests auf die Robustheit der Ergebnisse anwandten, blieben nur noch 16 von den 247 Metaanalysen mit "überzeugenden Belegen" für eine Wirksamkeit übrig.

Weitere Befunde

Evangelou und sein Team schließen, dass das Feld der Psychotherapieforschung härter und besser arbeiten muss, um sicherzustellen, dass nicht nur positive, sondern auch die negativen Ergebnisse veröffentlicht werden.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität Ioannina, Acta Psychiatrica Scandinavica - DOI: 10.1111/acps.12713; April 2017

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