Reflexion über eigene Werte erhöht Erfolg bei Jobsuche

Arbeitssuchende, die 15 Minuten über ihre eignen Werte schreiben, haben bessere Chancen einen Job zu finden, brauchen dafür weniger lang und erhalten mehr Stellenagebote

Reflexion über eigene Werte erhöht Erfolg bei Jobsuche

06.10.2023 Der Verlust des Arbeitsplatzes ist für viele Menschen nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine psychische Belastung. Die Betroffenen sind gestresst, haben Angst um ihren Status und beginnen an sich selbst zu zweifeln. Dies erschwert die Jobsuche, denn wer seinen Wert in Frage stellt, traut sich weniger zu und bewirbt sich in der Regel seltener und schlechter.

An diesem Punkt setzt eine neue Studie an, an der Forschende der ETH Zürich beteiligt waren: Sie zeigt, dass bereits eine 15-​minütige Reflexionsübung, die den Glauben an sich selbst stärkt,  die Chancen auf einen neuen Job erhöht.

«Menschen, die sich vergewissern wer sie sind und wofür sie einstehen, fällt es leichter, sich gegenüber potenziellen Arbeitgebern überzeugend zu vermarkten. Dies erhöht ihre Chancen bei der Stellensuche», erklärt Gudela Grote die Ergebnisse der Studie. Grote ist Professorin für Arbeits-​​ und Organisationspsychologie an der ETH Zürich und hat die Studie gemeinsam mit ihrem ehemaligen Doktoranden Julian Pfrombeck, der inzwischen Assistenzprofessor an der Chinese University of Hong Kong ist, initiiert.

15 Minuten über die eignen Werte nachdenken

Die Forschenden führten zwei Experimente mit insgesamt 866 arbeitslosen Personen durch. Ein Drittel davon war älter als 50 Jahre. 532 Personen waren beim staatlichen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) der Stadt Zürich als arbeitslos gemeldet. 45,9 Prozent davon hatten ein Hochschulstudium abgeschlossen. Bei den restlichen 334 Versuchsteilnehmenden, die online rekrutiert wurden, handelte es sich um Arbeitssuchende, die in den USA oder Europa lebten. In dieser Gruppe hatten 37,4 Prozent einen universitären Abschluss.

In beiden Experimenten wurden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Beiden Gruppen legten die Forschenden eine Liste von 13 Werten vor. Darunter befanden sich Werte wie Gesundheit, Sport und Fitness, Natur, Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen oder Freude am Lernen. «Wir haben bewusst sehr allgemeine Werte gewählt, da wir die Stellensuchenden nicht daran erinnern wollten, dass ihnen womöglich gewisse Fähigkeiten fehlen», sagt Grote.

Anschliessend hatte eine Gruppe 10 bis 15 Minuten Zeit, um in einem Text zu begründen, warum zwei bis drei dieser Werte für sie persönlich wichtig sind und wie sich diese in ihrem Leben gezeigt haben. Auch die Kontrollgruppe schrieb in der gleichen Zeit einen kurzen Text über zwei bis drei dieser Werte. Der Fokus lag dabei jedoch auf jenen Werten, die sie als am wenigsten wichtig erachteten. Sie sollten aber begründen, warum diese Werte für andere Menschen wichtig sein könnten.

Alle profitieren, auch Arbeitssuchende über 50

Die deutlichen Ergebnisse überraschten selbst die Autor:innen: Wer 15 Minuten über sich selbst und seine Werte nachdenkt, hat bessere Chancen einen Job zu finden, braucht dafür weniger lang und erhält mehr Stellenagebote. Besonders erstaunt hat die Forschenden, dass sowohl Menschen über 50 als auch Langzeitarbeitslose gleichermassen von der Reflexionsübung profitierten, wie jüngere Arbeitssuchende. Diese beiden Gruppen haben oft grössere Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden. 

Im Online-​Experiment verdoppelten sich die Erfolgschancen nach vier Wochen einen Job zu finden: 13,7 Prozent der Personen, die die Reflexionsübung  machten, waren erfolgreich. In der Kontrollgruppe waren es lediglich 6,2 Prozent. Bei den Arbeitssuchenden des Zürcher RAV verdreifachen sich die Erfolgschancen gar: Knapp elf Prozent der Arbeitssuchenden, die in einem kurzen Text skizzieren, wofür sie stehen, fanden nach vier Wochen wieder einen Job. In der Kontrollgruppe waren es 3,4 Prozent.

Nach acht Wochen liess der Effekt allerdings nach und war statistisch nicht mehr signifikant. «Das könnte damit zusammenhängen, dass die Selbstreflexionsübung einen Motivationsschub auslöste, dessen Wirkung nach einiger Zeit nachliess», erklärt Erstautor Julian Pfrombeck. Die Forschenden konnten zudem ausschliessen, dass die Versuchsteilnehmenden im Vergleich zur Kontrollgruppe eher Jobs annahmen, die schlechter bezahlt waren und weniger gut zu ihren Bedürfnissen passten.

Kürzere Arbeitslosigkeit und mehr Jobangebote

Arbeitssuchende aus Zürich, die Selbstbestätigung praktizierten, waren im Durchschnitt 2,56 Tage kürzer beim RAV registriert als Personen der Kontrollgruppe. «Diese Differenz mag gering erscheinen, doch ausgehend von einem durchschnittlichen Taggeld in Zürich könnte man durch Selbstbestätigung rund 500 Schweizer Franken pro Person einsparen», erklärt Pfrombeck.

Die Studie zeigt ausserdem, dass die Versuchsteilnehmenden nach der Reflexionsübung binnen vier Wochen mehr Stellenangebote erhielten: Sowohl in der online Studie als auch bei den Arbeitssuchenden des Zürcher RAV erhielt etwa jede fünfte Person, die die Übung durchführte, ein zusätzliches Jobangebot. Wiederum nahm der Effekt nach acht Wochen ab.

Den Bewerbungsprozess besser bewältigen

«Indem man Arbeitssuchende dazu anregt, über wichtige persönliche Werte nachzudenken, stärkt man ihr Selbstvertrauen. Sie sehen sich dann eher als wertvolle Menschen, die einen Beitrag bei der Arbeit und in der Gesellschaft leisten können», ordnet ETH-​Professorin Grote die Ergebnisse ein.

Die Forschenden gehen davon aus, dass die Reflexion über die eignen Werte den Arbeitssuchenden dabei hilft, den von Rückschlägen gepflasterten Bewerbungsprozess besser zu bewältigen. Sie sind dann eher in der Lage ihre eigenen Stärken und Werte zu erkennen und diese auch potenziellen Arbeitgebern zu vermitteln.

Literaturhinweis: Pfrombeck J, Galinsky A, Nagy N, North M, Brockner J, and Grote G, Self-​affirmation increases reemployment success for the unemployed, The Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) 2023 Vol. 120 No. 0, doi: externe Seite10.1073/pnas.2301532120call_made.

Quellenangabe: Pressemitteilung ETH Zürich

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