Anorexie, Magersucht, Anorexia Nervosa:
Tiefe Hirnstimulation, 'Hirnschrittmacher'

Psychische Störungen - Gestörtes Essverhalten

'Hirnschrittmacher' vielversprechend bei Anorexie

22.03.2013 Tiefe Hirnstimulation bei Patienten mit behandlungsresistenter Anorexie könnte helfen Körpergewicht, Stimmung und Angst zu verbessern, laut einer neuen Forschungsstudie.

Ein Team von Forschern vom Neuroscience Centre des Toronto Western Hospital und dem University Health Network in Toronto untersuchten die Wirkung von tiefer Hirnstimulation bei sechs Patienten mit Anorexia nervosa.

Langjährige behandlungsresistente Anorexie-Patienten

Die Patienten, die ein durchschnittliches Alter von 38 hatten, litten seit Jahren an der Krankheit. Zusätzlich zu Anorexie litten alle Patienten außerdem auch an psychiatrischen Krankheiten wie Depression und Zwangsstörung.

Alle Patienten hatten auch verschiedene medizinische Komplikationen erlitten, die mit ihrer Anorexie verbunden waren. Die Forscher berichten, dass die sechs Patienten zahlreiche Einweisungen ins Krankenhaus während ihrer Krankheit hatten.

Funktionsweise des Hirnschrittmachers

Tiefe Hirnstimulation bei Anorexie

In dieser Phase I Sicherheitsstudie wurden die Patienten mit dem neurochirurgischen Verfahren der tiefen Hirnstimulation behandelt, welches die Aktivität des dysfunktionalen Gehirnteils reguliert. Neuroimaging hat gezeigt, dass es strukturelle und funktionelle Unterschiede bei Anorexie Patienten (verglichen mit gesunden Menschen) in Gehirnteilen gibt, die Stimmung, Angst und Körperwahrnehmung regulieren laut den Forschern.

Die Patienten waren während des Verfahrens wach. Die Elektroden wurden in einen bestimmten Teil des mit Emotionen verbundenen Gehirns implantiert. Während des Verfahrens wurde jede Elektrode dann stimuliert, um nach Änderungen in der Stimmung, Angst oder unerwünschten Wirkungen zu suchen, bemerkten die Forscher.

Nach der Implantation wurden die Elektroden an einen unterhalb des rechten Schlüsselbeins implantierten Impulsgenerator angeschlossen, ähnlich einem Herzschrittmacher (deshalb auch der - nicht ganz korrekte - Name Hirnschrittmacher).

Tiefe Hirnstimulation zeigte Wirkung

Tests wurden nach Aktivierung des Impulsgenerators nach einem, drei und sechs Monaten gemacht. Nach neun Monaten hatten drei der sechs Patienten an Gewicht gewonnen, mit einem Körpermaßindex (BMI) bedeutend größer als sie jemals hatten. Für diese Patienten war dies die längste Periode anhaltender Gewichtszunahme, seit der Beginn ihrer Krankheit, berichteten die Forscher.

Vier der sechs Patienten erfuhren auch Änderungen bei Depression und Angst, dem Drang zu Fressattacken und Erbrechen und anderen Symptomen, die mit Anorexie verbunden sind, wie fixe Ideen und Zwänge. In Folge dieser Änderungen beendeten zwei der Patienten ein stationäres Programm für Essstörungen zum ersten Mal im Verlauf ihrer Krankheit laut den Forschern.

Die Behandlung der tiefen Hirnstimulation wird immer noch als experimental betrachtet. Sie könnte ihre Wirkung (die Änderung der Abnormitäten) durch die Stimulierung eines spezifischen Gebiets zeigen, welches mit Stimmung und Depression, Ängsten, Zwängen und fixen Ideen, verbunden ist, sagen die Forscher.

Quelle: University Health Network

Tiefe Hirnstimulation bei Patientinnen mit chronischer Magersucht

28.02.2017 In einer (weiteren) kleinen Studie mit 16 therapieresistenten Anorektikerinnen im Alter zwischen 21 und 57 Jahren, die im Durchschnitt seit 18 Jahren unter Anorexia nervosa litten und stark untergewichtig waren (mit einem durchschnittlichen Körpermassenindex (BMI) von 13,8) wurde Sicherheit und Wirksamkeit der Tiefen Hirnstimulation (zuweilen auch als 'Hirnschrittmacher' bezeichnet) untersucht.

Bei allen Patientinnen wurden Elektroden in den Gyrus subcallosus eingeführt, der eine Rolle bei der Kontrolle dysfunktionalen Verhaltens spielt. Mit Hilfe von PET-Scans überprüften sie die Veränderungen bei der Gehirnaktivität im Laufe der einjährigen Behandlung.

Nebenwirkungen

Die Behandlung zeigte wenige schwere Nebenwirkungen laut den Forschern:
5 Patientinnen hatten länger als üblich Schmerzen nach der Operation (3-4 Tage) und eine hatte eine Infektion an der Operationsstelle, weshalb die Elektroden herausgenommen und erneut eingeführt werden mussten.

Die meisten unerwarteten Ereignisse traten im Zusammenhang mit der chronischen Magersucht der Patientinnen auf - wie sehr niedrige Natrium- und Kalium-Spiegel. Eine Patientin zeigte ungeklärte Krämpfe für mehrere Monate, nachdem ihr die Elektroden implantiert worden waren.

Während der Studie baten zwei Anorektikerinnen, dass man ihnen die Elektroden entfernen sollte, was aber möglicherweise im Zusammenhang mit ihrer Gewichtszunahme stand. Das bedeutete, dass nur 14 Patientinnen bis zum Ende der Behandlung dabeiblieben, schreiben die Forscher im Fachblatt The Lancet Psychiatry.

Psychische Symptome

Bei allen Patientinnen verbesserten sich die psychischen Symptome im Laufe der Behandlung, wobei es zu einer Reduktion der Angst-Symptome (5 Patientinnen) und Depression (10 Patientinnen) und einem Anstieg der Stimmung kam. Sie berichteten auch über eine bessere Lebensqualität.

Gewichtszunahme

Während sich die psychologischen Symptome verbesserten, kurz nachdem die Tiefe Hirnstimulation begann, erhöhte sich das Gewicht erst nach drei Monaten, was darauf hinweist, dass die Besserung der psychischen Verfassung voranging bzw. sogar erst die Veränderungen beim Gewicht ermöglichten.

Im Verlauf der Studie gab es eine durchschnittliche Zunahme beim Gewicht von 3,5 Punkten beim BMI auf durchschnittlich 17,3, und sechs Teilnehmerinnen erreichten einen normalen BMI (von 18,5 oder mehr).

Veränderte Gehirnaktivität

Auch stellten die Forscher um Dr. Nir Lipsman von der Universität Toronto Veränderungen bei den mit Anorexie verbundenen Gehirnregionen fest. Dazu gehörte weniger Aktivität in Putamen, Thalamus, Kleinhirn und mehr Aktivität in den peripheren kortikalen Gebieten, die auch mit sozialer Wahrnehmung und Verhalten verbunden werden.

Allerdings gab es keine Kontrollgruppe und die Studie war klein, so dass die Befunde erst in weiteren Studien überprüft und repliziert werden müssen.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität Toronto, The Lancet Psychiatry - DOI: 10.1016/S2215-0366(17)30076-7; Feb. 2017

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