Bulimie, Ess-Brech-Sucht, Bulimia nervosa:
Das Gehirn

Psychische Störungen - Gestörtes Essverhalten

Unter Stress reagiert das Gehirn von Bulimikerinnen anders auf Nahrung

12.07.2017 Magnetresonanztomographie-Scans deuten darauf hin, dass die Gehirne von Frauen mit Bulimia nervosa anders auf Bilder von Lebensmitteln nach stressenden Ereignissen reagieren als die Gehirne von Frauen ohne Bulimie.

Bei Bulimikerinnen fanden die Forscher einen verminderten Blutfluss in einem Teil des Gehirns, der mit der Selbstreflexion verbunden ist, verglichen mit einem erhöhten Blutfluss bei Frauen ohne Bulimie. Dies legt nahe, dass Bulimikerinnen Nahrung einsetzen, um negative Gedanken über sich selbst zu vermeiden, sagten die Wissenschaftler.

Stress: Auslöser für Essattacken

Stress gilt als ein Auslöser für Essattacken bei Patienten mit Bulimia nervosa, aber es gibt wenig Forschung darüber, wie Menschen mit dieser Störung auf Lebensmittel-Stimuli reagieren und sie im Gehirn verarbeiten.

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Bild: Gerd Altmann

Die Forscher führten zwei Experimente durch, in denen insgesamt 27 Bulimikerinnen und ebenso viele Kontrollpersonen im Labor die gleiche Mahlzeit aßen. Nachdem sie etwa eine Stunde gewartet und sich mit einem MRT-Scanner vertraut gemacht hatten, traten sie dann in den Scanner ein.

Ihnen wurden eine Reihe von neutralen Bildern wie Blätter oder Möbel gezeigt, gefolgt von einer Reihe von Bildern mit fettreichen / zuckerhaltigen Lebensmitteln wie Sahneeis, Kuchen, Pizza oder Pasta mit Käsesoße.

Die Teilnehmer sollten dann an einem unlösbaren Matheproblem arbeiten, wodurch Stress ausgelöst und ihr Ego 'bedroht' wurde. Sie traten dann wieder in den Scanner ein und betrachteten verschiedene Fotos von fetten / zuckerhaltigen Lebensmitteln. Nach jeder Aktivität im Scanner bewerteten die Frauen ihren Stress und ihren Heißhunger.

Essen gegen Stress

Die Forscher stellten in beiden Experimenten fest, dass jede der Frauen nach der Stress-Aufgabe ein erhöhtes Stress-Niveau zeigte, und dass jede berichtete, dass das Stressgefühl wieder abnahm, wenn sie die Bilder mit kalorienreichen Lebensmitteln erneut sahen.

Auch vergrößerte sich das Verlangen (Craving) jedes Mal, wenn die Teilnehmerinnen die Lebensmittelbilder sahen, sagte Studienautorin Sarah Fischer von der George Mason Universität.

Was überraschend war: Obwohl die Muster der selbstberichteten Ergebnisse für beide Gruppen ähnlich waren, zeigten die beiden Gruppen sehr unterschiedliche Reaktionen im Gehirn bei ihren MRT-Scans, so Fischer.

Unterschiedlicher Blutfluss im Precuneus

Frauen mit Bulimie zeigten einen niedrigeren Blutfluss in einer Hirnregion namens Precuneus. Bei Frauen ohne diese Essstörung erhöhte sich der Blutfluss in dieser Region. Der Precuneus spielt eine Rolle bei der Selbstreflexion - also dabei, wenn man über sich selbst nachdenkt.

Man würde einen erhöhten Blutfluss in dieser Region erwarten, wenn jemand selbstreflektiert, grübelt oder selbstkritisch ist, sagte Fischer.

Die Ergebnisse des 2. Experimentes bestätigten die des ersten.

Essen lenkt ab von Selbstreflexion, Selbstkritik

Studienautorin Brittany Collins vermutet, dass dieser verminderte Blutfluss in dieser Region des Gehirns bei den Bulimikerinnen darauf hindeutet, dass die Nahrungsaufnahme das selbstkritische Denken bei Bulimikern abschaltet und ihnen etwas gibt, auf das sie sich fokussieren können - anstatt auf die schmerzlichen Aussichten beim Umgang mit ihren eigenen Mängeln.

Psychologen haben bereits zuvor vermutet, dass Binge-Eating (Essattacken) bulimischen Frauen einen alternativen Fokus zu den negativen Gedanken über sich selbst bietet, die durch Stress ausgelöst werden können. Diese Forschungsbefunde unterstützen diese Theorie, so Collins im Fachblatt Journal of Abnormal Psychology.

Flucht vor der Selbsterkenntnis

Die Erkenntnisse stehen im Einklang mit der Charakterisierung von Binge-Eating als Flucht vor der Selbsterkenntnis und unterstützen die Theorie zur Emotionsregulation, wonach Frauen mit Bulimie es vermeiden, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, weil es sich um negative Gedanken in Bezug auf Leistung oder soziale Vergleiche handelt, und deshalb eher den Fokus auf einen konkreteren Stimulus - wie Essen - verschieben, sagte Collins.

Die Ergebnisse dieser Experimente könnten auch eine neurobiologische Grundlage für die Nutzung von Lebensmitteln als Distraktor in stressigen Zeiten bei Frauen mit der Störung nahelegen, sagte sie. Weitere Studien sind erforderlich, um diese Befunde zu bestätigen, schreiben die Wissenschaftlerinnen.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: George Mason Universität; American Psychological Association, Journal of Abnormal Psychology - DOI: 10.1037/abn0000242; Juli 2017

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