Psychose-Spektrum-Syndrom

Psychische Erkrankungen / Psychotische Störungen

'Schizophrenie' existiert nicht, sagt Experte

08.02.2016 Die Bezeichnung 'Schizophrenie' mit ihrem Beigeschmack einer hoffnungslosen chronischen Gehirnkrankheit sollte fallengelassen werden und durch etwas wie 'Psychose-Spektrum-Syndrom' ersetzt werden, schreibt Professor Jim van Os von der Maastricht Universität im British Medical Journal.

Er sagt, dass bereits einige zu einer Aktualisierung der psychiatrischen Klassifizierungen aufgerufen hätten - insbesondere des Ausdrucks "Schizophrenie". Japan und Südkorea haben bereits diesen Begriff aufgegeben.

Komplizierte Klassifikation


Bild: Gerd Altmann

Die offizielle Liste psychischer Störungen, die Ärzte zur Diagnose der Patienten verwenden, entnehmen sie dem ICD-10 (International Classification of Diseases, 10. Revision) und dem DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Ausgabe).

Professor Wagen Os sagt jedoch, dass die Klassifizierung kompliziert ist - besonders bei den psychotischen Erkrankungen.

Psychotische Störungen werden gegenwärtig unter vielen Kategorien klassifiziert: Schizophrenie, schizoaffective Störung, wahnhafte Störung, Depression oder bipolare Störung mit psychotischen Merkmalen und anderen Störungen, erklärt er.

Symptom-Cluster

Aber Kategorien wie diese "stellen keine Diagnosen diskreter Krankheiten dar, weil diese unbekannt bleiben; eher beschreiben sie, wie Symptome sich clustern können, und so Gruppierungen von Patienten ermöglichen."

Dies ermöglicht Klinikern z.B. zu sagen: "Sie haben Symptome von Psychose und Manie, und wir klassifizieren das als schizoaffektive Störung". Wenn die psychotischen Symptome verschwinden, können wir es als bipolare Störung klassifizieren. Wenn andererseits die Maniesymptome verschwinden und die Psychose chronisch wird, können wir es als Schizophrenie diagnostizieren.

"So funktioniert unser Klassifizierungssystem. Wir wissen nicht genug, um wirkliche Krankheiten zu diagnostizieren, also verwenden wir ein System der Klassifikation basierend auf den Symptomen."

Unterschiedliche Beschreibungen

Würde jeder die Terminologie von ICD-10 und DSM-5 auf diese Weise verwenden, gäbe es kein Problem, sagte er. Aber dies wird im Allgemeinen nicht vermittelt und insbesondere nicht bei der wichtigsten Kategorie psychotischer Erkrankungen - der Schizophrenie.

Zum Beispiel beschreibt die American Psychiatric Association (Herausgeber des DSM) auf ihrer Webseite Schizophrenie als eine "chronische Störung des Gehirns" und akademische Zeitschriften beschreiben sie als eine "unheilbare neurologische Störung", eine "verheerende, hoch-vererbbare Erkrankung" oder eine "Gehirnkrankheit mit überwiegend genetischen Risikofaktoren".

Diese Sprache geht hoch-suggestiv von einer bestimmten, genetischen Gehirnerkrankung aus, schreibt van Os. Doch merkwürdigerweise wird diese Wortwahl nicht für andere Kategorien psychotischer Erkrankungen verwendet, obwohl diese 70% der psychotischen Störungen ausmachen.

Extreme Vielfalt im Spektrum-Syndrom

Wissenschaftliche Belege legen nahe, dass die verschiedenen psychotischen Kategorien als Teil desselben Spektrum-Syndroms betrachtet werden können, fügt er hinzu. Jedoch zeigen Menschen mit diesem Psychose-Spektrum-Syndrom eine extreme Vielfalt (Heterogenität) - sowohl zwischen als auch innerhalb der Individuen - bei Psychopathologie, Ansprechen auf die Behandlung und Resultaten an.

Van Os glaubt, dass man am besten die Öffentlichkeit informiert und die Patienten diagnostiziert, indem man die 'unheilbare' Schizophrenie als die einzige Kategorie - die wichtig ist - vergisst "und Gerechtigkeit dem breiten und heterogenen - und wirklich existierendem - Psychose-Spektrum-Syndrom zuteil werden lässt".

Deshalb sollte das ICD-11 den Terminus "Schizophrenie" entfernen, schliesst er.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Maastricht Universität, British Medical Journal; Feb. 2016

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