Darm, Darmflora und Psyche

Psychosomatik

News/Forschungsartikel, die sich mit den Auswirkungen von Stress und Ärger bzw. der Psyche auf den Darm bzw. die Darmflora und umgekehrt beschäftigen.

Darmbakterien beeinflussen Verhalten und Stimmung

21.08.2014 Die in unserem Verdauungstrakt lebenden Bakterien (Darmflora) wirken auf unsere Psyche, unser Verlangen (Craving) und die Stimmung und können uns dementsprechend auch zur Entwicklung eines Übergewichts beitragen laut einer in BioEssays herausgegebenen neuen Analyse.

Bei der Durchsicht wissenschaftlicher Studien fanden Forscher mehrerer US-amerikanischer Universitäten heraus, dass die in unserem Verdauungstrakt lebenden Mikroben, uns bestimmte Nahrungsmittel (die sie fürs Wachstum benötigen) als besonders schmackhaft erscheinen lassen, so dass wir diese vermehrt konsumieren.

Darmbakterien im Wettstreit

Jede bakterielle Spezies gedeiht auf bestimmten Nährstoffen. Manche bevorzugen z.B. Fett und andere Zucker. Sie stehen im Wettstreit um die Nahrung und versuchen eine Nische innerhalb ihres Ökosystems (unser Verdauungstrakt) zu bewahren.

Während der genaue Mechanismus immer noch unbekannt ist, glauben die Forscher, dass diese Gemeinschaft unterschiedlicher Mikroben - bekannt als Mikrobiom des Darms oder Darmflora - unsere Nahrungsauswahl durch das Freisetzen von Signalmolekülen in unserem Darm beeinflussen können. Da die Eingeweide mit dem Immunsystem, dem endokrinen System und dem Nervensystem verbunden sind, können diese Signale unsere Physiologie und unsere Psyche, unser Verhalten beeinflussen.

Bakterien innerhalb der Eingeweide sind manipulativ, sagte Carlo Maley vom Zentrum für Evolution und Krebs der University of California. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Ernährungsinteressen in der Darmflora; einige gehen konform mit unseren Diätzielen und andere nicht.

Die guten Nachrichten sind, dass die Beeinflussung in beide Richtungen gehen kann, und die Bakterienzusammensetzung sich leicht verändern lässt. Wir können die Kompatibilität dieser Mikroben dadurch beeinflussen, indem wir unser Essverhalten ändern (also ändern, was wir essen), sagte Maley, mit beachtlichen Veränderungen innerhalb von 24 Stunden.

Verhaltens- und Stimmungsveränderung

Joghurt
Indischer Joghurt (Dahi)

Unsere Ernährung hat eine gewaltige Auswirkung auf die Mikroben in unserem Darm, sagte Maley. Es ist ein vollständiges Ökosystem, und es entsteht und verändert sich in Minuten. Es gibt sogar spezialisierte Bakterien, die Seegras verdauen, vorgefunden bei in Japan lebenden Menschen, wo Seegras in der Nahrung sehr beliebt ist.

Mikroben haben die Möglichkeit, Verhalten und Stimmung zu manipulieren, indem sie

sagte Koautorin Athena Aktipis vom Center for Evolution and Cancer der UCSF.

Bei Mäusen steigern bestimmte Bakterienstämme das ängstliche Verhalten. Bei Menschen, so fand eine andere Studie, verbesserte das Trinken eines probiotischen Joghurts (Lactobacillus casei enthaltend) die Stimmung depressiver Menschen.

Die Forscher schlugen weitere Forschungen vor, um den Einfluss dieser Mikroben auf uns zu bestimmen. Zum Beispiel: Könnte die Transplantation von bestimmten Darmbakterien, die Seegrasnährstoffe benötigen, dazu führen, dass die Person (mehr) Seegras isst?

Prävention und Behandlung von Krankheiten

Die Erforschung der Darmflora könnte viele Möglichkeiten zur Prävention und Behandlung von Krankheiten wie Depression, Fettleibigkeit, Diabetes und Krebs im gastrointestinalen Trakt eröffnen. Wir beginnen grade erst, an der Oberfläche zu kratzen; die Wichtigkeit der Darmflora für die menschliche Gesundheit darf nicht unterschätzt werden, sagte Aktipis.

Es ist sehr ermutigend, dass sich die Darmflora schnell durch unser Ernährungsverhalten und Nahrungsmittelergänzungen, oder Antibiotika verändern läßt. Ein Gleichgewicht der Kräfte unter den bakteriellen Arten in unserer Darmflora herzustellen, würde uns ein gesünderes Leben ermöglichen können, sagten die Forscher.

Quelle: BioEssays / University of California, San Francisco (UCSF), Arizona State University, and University of New Mexico, August 2014

Stress während Schwangerschaft verschlechtert Darmflora des Babys

27.01.2015 Frauen, die während der Schwangerschaft sehr gestresst sind, werden wahrscheinlicher Babys mit einem schlechteren Mix der Darmmikrobioten und mit mehr Darmproblemen und allergischen Reaktionen zur Welt bringen. Dies wiederum kann psychische und körperliche Probleme beim sich entwickelnden Kind mit sich bringen.

Stress in der Schwangerschaft

Stress während der Schwangerschaft ist oft mit physischen und psychologischen Problemen beim Kind verbunden.

Aber warum? Könnte eine Ursache in der Darmflora des Säuglings liegen?

Eine in Psychoneuroendocrinology veröffentlichte Pilotstudie über diesen Zusammenhang bei Menschen hat gezeigt, dass Babys von Müttern, die in der Schwangerschaft Stress erfahren haben, eine schlechtere Zusammensetzung der Mikrobioten im Darm hatten.

In dieser Studie wurden Stress- und Angstniveau von schwangeren Frauen mittels Fragebögen und Speichel (Hormon Cortisol) gemessen. Außerdem wurden Fäzesproben von 56 Babys entnommen (ab dem 7.Tag bis zum 4. Monat nach der Geburt).

Variation der Darmflora

Es zeigte sich ein Zusammenhang zwischen den Müttern, die über ein hohes Stressniveau berichteten und erhöhtes Cortisol zeigten, und der Vielfältigkeit der Darmflora der Babys, selbst wenn die Analysen Stillen und postnatalen Stress in Betracht zogen.

Unterschiedlicher Bakterienmix: Mütter mit viel Stress und hohem Cortisol brachten Babys zur Welt, die mehr Proteobakterien und weniger Milchsäurebakterienen und Actinobakterien in ihrer Darmflora hatten.

Dies ist eine schlechte Mikrobiotenmischung, was sich auch durch die Beziehung zwischen der Präsenz dieser Darmbakterien und einem höheren Vorkommen von Darmproblemen und allergischen Reaktionen bei den Babys in dieser Forschungsstudie widerspiegelt.

Zugrundeliegende Mechanismen

Die Forscher glauben, dass der Mechanismus für die Gesundheitsprobleme der Kinder durch den erhöhten Stress in der Schwangerschaft ausgelöst wird. Wahrscheinlich würde es der Entwicklung dieser Kinder sehr zugute kommen, wenn man ihnen andere Bakterien verabreichen würde, sagte Carolina de Weerth vom Fachbereich für Psychologie der Radboud Universität Nijmegen.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Radboud Universität Nijmegen, Psychoneuroendocrinology (2015), dx.doi.org/10.1016/ j.psyneuen. 2015.01.006; Jan. 2015

Fett, Zucker wirken auf Darm-Bakterien und beeinflussen Denken

Eine Studie der Oregon State University zeigt, dass eine Ernährung mit viel Fett oder auch viel Zucker eine Veränderung der Darmflora mit sich bringt, was wiederum mit einem Flexibilitätsverlust im Denken einherzugehen scheint.

Diese Wirkung zeigte sich bei einer Ernährung mit viel Zucker besonders stark, wobei sich auch eine Beeinträchtigung des frühen Lernens im Lang- und Kurzzeitgedächtnis bemerkbar machte.

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Bild: Jeremy Blackwood

Die in der Zeitschrift Neuroscience veröffentlichten Befunde stimmen mit einigen früheren Studien zur Wirkung von Fett und Zucker auf kognitive Funktion und Verhalten überein, und legen nahe, dass einige dieser Probleme mit der Veränderung der Darmflora - einer komplexen Mischung aus bis zu 100 Billionen Mikroorganismen im Verdauungssystem - verbunden sind.

Die Forschung wurde mit Labormäusen durchgeführt, die verschiedene Diäten bekamen, und dann verschiedene Tests absolvierten: wie z.B. ein Wasserlabyrinth, um Veränderungen ihrer geistigen und physischen Funktionen zu überprüfen. Außerdem wurden die Auswirkungen auf die verschiedenen Bakterienarten kontrolliert.

Mäuse haben sich als besonders gute Studienmodelle für Menschen hinsichtlich Altern, räumliches Gedächtnis, Fettleibigkeit und andere Dinge erwiesen, sagen die Forscher.

Mikrobiom kommuniziert mit Gehirn

Es wird zunehmend deutlicher, dass unsere Darmbakterien - oder unser Mikrobiom - mit dem menschlichen Gehirn kommunizieren können, sagte Studienautorin Kathy Magnusson.

Bakterien können Bestandteile freisetzen, die als Neurotransmitter wirken, sensorische Nerven oder das Immunsystem stimulieren und ein breites Spektrum an biologischen Funktionen beeinflussen, sagte sie. "Wir sind uns nicht sicher, welche Nachrichten gesendet werden, aber wir verfolgen die Wege und die Effekte zurück."

Leistungsverschlechterung 4 Wochen nach Ernährungsumstellung

In dieser Studie begann die Performance der Mäuse bei verschiedenen Tests bereits nach nur vier Wochen auf einer hohen Fett- oder Zuckerkost zu fallen, verglichen mit Tieren auf einer normalen Ernährung.

Eine der ausgeprägtesten Veränderungen konnten die Forscher bei der kognitiven Flexibilität feststellen.

Die Beeinträchtigung der kognitiven Flexibilität in dieser Studie war ziemlich stark, sagte Magnusson. Als Beispiel führte sie den täglich gefahrenen Weg nach Hause an, der eines Tages durch eine Baustelle blockiert ist - und ein neuer Heimweg gefunden werden muss.

Eine Person mit einem hohen Niveau kognitiver Flexibilität würde sich sofort anpassen und die nächstbeste Strecke nach Hause bestimmen. Und natürlich am folgenden Morgen die neue Strecke benutzen - ohne große Probleme. "Mit einer beeinträchtigten Flexibilität kann es ein langer, langsamer und anstrengender Heimweg sein", sagte sie.

Diese Studie wurde mit Jungtieren gemacht, da diese normalerweise ein gesünderes biologisches System haben. Magnusson sagte, diese wären besser in der Lage, pathologischen Einflüssen ihrer Darmflora zu widerstehen. Die Befunde könnten sogar noch ausgeprägter bei älteren Tieren oder Menschen mit beeinträchtigten Verdauungssystemen sein, sagte sie.

Westliche Kost

Was oft die "westliche Kost" genannt wird (Nahrungsmittel mit viel Fetten und Zuckern mit einfachen Kohlenhydraten), ist mit vielen chronischen Krankheiten in den westlichen Industrieländern verbunden, inklusive der Adipositassepidemie und einem erhöhten Auftreten der Alzheimer.

Wir wissen seit einer Weile, dass viel Fett und Zucker nicht gesund für uns sind, sagte Magnusson. Diese Forschungsarbeit legt nahe, dass Fett und Zucker gesunde bakterielle Systeme verändern, und das ist einer der Gründe, warum diese Nahrung nicht gut ist. Es ist nicht nur die Nahrung, die unser Gehirn beeinflussen kann, sondern die Wechselwirkung zwischen der Nahrung und den mikrobiellen Veränderungen.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Oregon State University, Neuroscience; Juni 2015

Angst erhöht Risiko gastrointestinaler Infektionen und langfristiger Komplikationen

07.07.2015 Ein Forscherteam des VIB (Vlaams Instituut voor Biotechnologie), der KU und UZ Leuven hat Bedeutendes über die Verbindung zwischen psychologischen Faktoren und dem Immunsystem herausgefunden. Ihre Befunde basieren auf einem schlimmen Fall von Wasserkontamination in Belgien.

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Wasserkontamination und Magen-Darm-Infektionen

Im Dezember 2010 sahen sich die belgischen Gemeinden Schelle und Hemiksem aus der Provinz Antwerpen mit einer Magen-Darm-Katarrwelle bei mehr als 18.000 Menschen konfrontiert, die durch kontaminiertes Trinkwasser hervorgerufen worden war.

Während des Ausbruchs gründeten die Forscher der VIB und der KU Leuven eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe, um die Langzeitauswirkungen des Vorfalls zu untersuchen. Diese wurde von Guy Boeckxstaens und Adrian Liston geleitet.

Sie folgten den Patienten von Beginn der Kontamination bis zu einem Jahr nach dem Ausbruch und fanden heraus, welche Faktoren das Risiko für langfristige Komplikationen veränderten.

Ängstlichkeit und Depression beeinflussen Immunsystem

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Personen mit größerer Angst oder Depression vor der Wasserverunreinigung schwerere gastrointestinale Infektionen entwickelten.

Dieselben Personen hatten auch noch ein Jahr später ein erhöhtes Risiko für die langfristige Komplikation: Reizdarmsyndrom - mit intermittierenden Unterleibskrämpfen, Durchfall oder Verstopfung nach der initialen Kontamination.

Reizdarmsyndrom

Boeckxstaens sagt, dass das Reizdarmsyndrom eine Erkrankung mit chronischen Unterleibsschmerzen und verändertem Stuhlgang sei. Dies ist eine verbreitete Erkrankung mit hohen sozioökonomischen Kosten, doch über die Ursachen ist nicht sehr viel bekannt.

Die Untersuchung stellte fest, dass Angst und Depression die Immunreaktion in Bezug auf gastrointestinale Infektionen verändert, was zu schwerwiegenderen Symptomen und der Entwicklung des chronischen Reizdarmsyndroms führen kann.

Psychologische Faktoren: Schlüssel bei der Prävention langfristiger Komplikationen

Die Befunde der Studie liefern wertvolle neue Einblicke in die Ursachen für Reizdarmsyndrom und unterstreichen die Verbindung zwischen psychologischen Faktoren und dem Immunsystem, sagten die Forscher in der Zeitschrift Gut.

Adrian Liston sagte: "Diese Ergebnisse heben die Wichtigkeit psychologischer Unterstützungsmaßnahmen und sozialen Dienstleistungen noch einmal hervor. Wir müssen verstehen, dass Gesundheit, die Gesellschaft und die Ökonomie voneinander nicht unabhängig sind, und wenn wir Depression und Angst ignorieren, kann das zu höheren langfristigen Behandlungskosten führen."

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Vlaams Instituut voor Biotechnologie, KU Leuven, UZ Leuven, BMJ; Juni 2015

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