Psychogene Sehstörungen, Sehverluste

Psychologie Lexikon - Psychogene Störungen

Wenn psychischer Stress das Sehvermögen verschlechtert

10.07.2018 Eine im EPMA Journal veröffentlichte Studie berichtet, dass chronischer Distress (psychische Belastung) - der wie vorherige Forschungen zeigten, für Verluste der Sehkraft verantworlich sein kann - auch essentiell und ursächlich das Sehen verschlechtert.

Teufelskreis

Um den Teufelskreis von Distress und sich verschlechternden Sehfähigkeiten zu stoppen, sollte in die Behandlung auch Strategien zum Stressabbau, z.B. durch psychologische Beratung einfließen, schreiben die Studienautoren.


Bild: Tobias Dahlberg

Die Studie zum psychogenen Sehverlust basiert auf einer umfassenden Analyse vieler Forschungsarbeiten über die Verbindung zwischen psychischen Stress und Sehstörungen bzw. Augenerkrankungen. Laut den Autoren zeigen einige Fallberichte, wie Distress den Sehverlust einleitet und wie der Abbau von Stress die Sehfähigkeit verbessert.

"Es gibt deutliche Hinweise auf eine psychosomatische Komponente des Sehverlustes, denn Stress ist eine wichtige Ursache - und nicht nur eine Folge - des fortschreitenden Sehverlustes infolge von Erkrankungen wie Glaukom und Optikusneuropathie", sagt Prof. Dr. Bernhard Sabel von der Medizinischen Psychologie der Universität Magdeburg. Prof. Sabel hat auch einen ganzheitlichen Ansatz zur Behandlung psychogener Sehstörungen entwickelt, der "Stressmanagement, Patientenaufklärung und Techniken zur Wiederherstellung der Sehkraft am SAVIR-Center für Sehstörungen in Magdeburg" beinhaltet.

Chronischer Stress und langfristig erhöhte Cortisolwerte

"Kontinuierlicher Stress und langfristig erhöhte Cortisolwerte können sich negativ auf das Auge und das Gehirn auswirken, da das vegetative Nervensystem unausgeglichen ist, die Blutgefäße dysreguliert werden und der Augeninnendruck steigt", sagt er.

Also sind Auge und Gehirn an den Sehstörungen beteiligt. Viele Betroffene vermuten, dass "psychischer Stress zu ihrem Sehverlust beigetragen habe", aber nur relativ wenige wissenschaftliche Forschungsarbeiten berichteten über das Verhältnis von Stress, Sehbeeinträchtigungen und Wiederherstellung des Sehvermögens.

Der behandelnde Arzt

"Das Verhalten und die Worte des behandelnden Arztes können weitreichende Folgen für die Prognose des Sehverlustes haben. Vielen Patienten wird gesagt, die Prognose sei schlecht und dass sie sich darauf vorbereiten sollten, eines Tages blind zu werden. Selbst wenn dies bei weitem nicht sicher ist und eine vollständige Blindheit fast nie auftritt, bilden die daraus resultierende Angst und Besorgnis eine neurologische und psychologische Doppelbelastung mit physiologischen Folgen, die den Krankheitszustand oft verschlechtern", sagt Koautor Dr. Muneeb Faiq vom All India Institute of Medical Sciences, New Delhi, Indien.

So können z.B. erhöhter Augeninnendruck, endotheliale Dysfunktion (Flammer-Syndrom) und Entzündungen Auswirkungen von Distress sein, die weitere Schäden nach sich ziehen können.

Ganzheitliche Behandlung

Hirnstimulation, Entspannungstraining, Wiederherstellung der Sehfähigkeit, Coping von Angst und psychosoziale Unterstützung wirken chronischen Stress entgegen und leiten eine Entspannungsreaktion ein. Die Durchblutung des Auges kann so erhöht und das Sehvermögen verbessert werden.

Die Wissenschaftler würden sich wünschen, dass dieser ganzheitliche Behandlungsansatz bei Augenkrankheiten breiter eingesetzt werden sollte.

Entspannungs- und Stressreduktionstechniken (z.B. Meditation, progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Stressmanagementtraining, psychotherapeutische Verfahren) sollten nicht nur zusätzlich zu den konventionellen Therapien bei Sehverlusten eingesetzt werden, sondern auch als mögliche Behandlungen zur Prävention gegen das Fortschreiten des Sehverlustes, schreiben die Autoren.

Stressreduktion

Ärzte sollten sich um eine positive Einstellung und Optimismus bemühen bzw. vermitteln und die Betroffenen ausführlich informieren - besonders im Hinblick auf die Wichtigkeit der Stressreduktion.

"Stress-Reduktion sollte demnach ein ergänzendes Behandlungsziel sein", sagt Sabel, "denn eine ganzheitliche Ergänzung der augenärztlichen Behandlungen etwa mit Elektrostimulation und Entspannungsverfahren bietet neue Chancen, die Sehleistung bei Erkrankungen wie dem Glaukom oder der Schädigung des Sehnervs zu verbessern."

Die Wissenschaftler wünschen sich weitere klinische Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der psychogenen Sehstörungen, und um "die kausale Rolle von Stress bei verschiedenen Erkrankungen mit niedrigem Sehvermögen zu bestätigen und um verschiedene Anti-Stress-Therapien zur Verhinderung des Fortschreitens sowie zur Verbesserung der Sehkraft als Grundlage der psychosomatischen Ophthalmologie zu evaluieren".

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universitätsklinikum Magdeburg; Sabel, B.A., Wang, J., Cárdenas-Morales, L. et al. EPMA Journal (2018) 9: 133. https://doi.org/10.1007/s13167-018-0136-8

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