Psychische Störungen, Krankheiten, Erkrankungen:
Stigmatisierung, Stigma

Klinische Psychologie - psychische Krankheitsbilder

Stigmatisierung und Behandlung

01.03.2014 Menschen mit einer psychischen Erkrankung erhalten aufgrund der mit der Diagnose verbundenen Stigmatisierung oftmals nicht die benötigte Hilfe laut einer aktuellen Studie.

Die Forschungsstudie des King's College London analysierte 144 internationale Studien mit 90.189 Teilnehmern.

Es zeigte sich, dass etwa jeder Vierte eine psychische Erkrankung hat und bis zu 75 Prozent der Betroffenen in den USA und Europa keine Behandlung erhalten.

Stigmatisierung wurde am vierthäufigsten als Grund dafür angegeben, klinische Hilfe nicht in Anspruch zu nehmen; andere waren z.B.: Besorgnis hinsichtlich der Diskretion und die Annahme, dass Hilfe nicht notwendig wäre.

Innerhalb dieser "Stigma-Gruppe" suchten am wenigsten

Koautor Professor Graham Thornicroft sagt in der Zeitschrift Psychological Medicine:

"Die tiefe Abneigung davor, 'ein psychisch Kranker' zu sein, bedeutet, dass die Menschen für Monate, Jahre oder überhaupt nicht einen Arzt aufsuchen, was wiederum ihre Genesung verzögert."

Die Forscher ermutigen die Menschen, über psychische Probleme und Erkrankungen zu sprechen und Anti-Stigma-Kampagnen zu starten, um diesen Trend umzukehren.

Quelle: King's College London, Feb. 2014

Stigmatisierung psychisch Kranker als gefährlich

18.04.2017 Eine aktuelle Studie untersuchte, für wie gefährlich Menschen mit psychischen Erkrankungen eingeschätzt werden und welche Gründe es dafür gibt.

Hintergrund der psychologischen Studie ist, dass psychisch Erkrankte von einer sozialen Stigmatisierung betroffen sind. Dies führt laut den Wissenschaftlern zu weiteren psychischen Folgen wie Ängstlichkeit, Stress und einer verringerten Selbstwertschätzung der Diskriminierten. Oft wird auch der Beginn einer Psychotherapie vermieden, um dieser 'Brandmarkung' zu entgehen.

"Wir wollen verstehen, ob eher das Wahrnehmen von Symptomen oder die Information, dass jemand in psychiatrischer Behandlung war, stigmatisierend wirkt", sagte Studienautor Prof. Christian Huber von der Universität Basel.

Stigma der Gefährlichkeit

Insbesondere interessierte die Psychologen und Psychiater der in Scientific Reports herausgegebenen Studie die Wahrnehmung der Gefährlichkeit von psychiatrisch erkrankten Personen, denn hier ist eine besonders starke Stigmatisierung zu beobachten. Obwohl nur wenige psychiatrische Krankheiten mit einem erhöhten Risiko für Gewalttätigkeiten verbunden sind, sind die meisten psychisch Kranken nicht gewalttätig, trotzdem wird diese Personengruppe oft insgesamt als gewalttätig und gefährlich eingestuft.

Stigmatisierung und Behandlung psychischer Erkrankungen

Für ihre Studie interviewten sie 10.000 Personen in Basel, wobei die Teilnehmer Einschätzungen zur Gefährlichkeit von Personen aufgrund von Fallberichten abgeben sollten.

In den Fallgeschichten wurden entweder die Symptome von verschiedenen psychischen Störungen (Alkoholismus, Psychose, Borderline-Störung) oder der Behandlungsort (Krankenhaus, Psychiatrie) geschildert.

Vorurteile

Es zeigte sich, dass Behandlungsort und Verhaltensauffälligkeiten generell bereits das Stigma Gefährlichkeit hervorriefen.

Die geschilderten Personen wurden als gefährlicher eingestuft, wenn deren Symptome geschildert wurden. Alkoholiker wurden als besonders gefährlich eingeschätzt.

Die Psychologen und Psychiater der Forschungsarbeit sehen eine Mitschuld für die Stigmatisierung darin, wie die heutige Psychiatrie ihre Patienten behandelt. So rief die Fallbeschreibung einer Therapie auf einer psychiatrischen Station in einem Allgemeinkrankenhaus ein geringeres Bedrohungsgefühl hervor, als die Schilderung der Behandlung in einer psychiatrischen Klinik.

Entstigmatisierung

Auch vorherige persönliche Begegnungen der Teilnehmer mit psychisch erkrankten Menschen oder Besuche in einer Psychiatrie hatten Vorurteile und Bedrohungsgefühle abgebaut, schreiben die Wissenschaftler.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kampagnen zur Entstigmatisierung die Bevölkerung realistisch über das geringe Gefahrenpotenzial von Menschen mit psychischen Erkrankungen aufklären sollten", schreibt Prof. Undine Lang.

Entstigmatisierung könnte durch den Transfer der stationär-psychiatrischen Behandlung aus psychiatrischen Spezialkliniken in Allgemeinkrankenhäuser erreicht und die Ausgrenzung der Patienten so verringert werden, schreiben die Forscher.

Dies tun die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel bereits, indem sie die "psychiatrische Kriseninterventionsstation ausgebaut, welche sich im Universitätsspital Basel befindet, sowie eine Akutambulanz im Stadtzentrum geschaffen" haben, durch die ein niedrigschwelliger Kontakt "mit der Psychiatrie ohne Voranmeldung" möglich ist, schließt Lang.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: Universität Basel, Scientific Reports - doi: 10.1038/srep45716; April 2017

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