Alkohol und Empathie

Die Gehirne von Alkoholtrinkern müssen härter arbeiten, um Empathie für andere zu empfinden

13.09.2020 Eine Studie der University of Sussex zeigt, dass alkoholtrinkende Menschen weitreichendere Hirnfunktionsstörungen aufweisen als bisher angenommen.

Die in NeuroImage: Clinical veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass das Gehirn von Rauschtrinkern sich mehr anstrengen muss, um Empathie (Mitgefühl) für die Schmerzen anderer Menschen zu empfinden.

Rauschtrinken wird definiert als: Trinken von 60 g reinen Alkohol (entspricht etwa drei Viertel einer Flasche Wein oder etwa 1,4 Liter Bier) bei mindestens einer Gelegenheit in den letzten 30 Tagen; etwa 30% aller Erwachsenen (über 15 Jahre) erfüllen dieses Kriterium in vielen Ländern Westeuropas.

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Bild: SplitShire

An der Studie nahmen 71 Teilnehmer (aus Frankreich und dem Vereinigten Königreich) teil, deren Gehirnaktivität in fMRT-Scannern beobachtet wurde, während sie eine Aufgabe zur Schmerzwahrnehmung durchführten. Die Hälfte dieser Personen wurde als Binge-Trinker (Rauschtrinker) eingestuft, die andere Hälfte nicht. Die Rauschtrinker waren nüchtern, während sie beobachtet wurden.

Bei der Aufgabe wurde den Teilnehmern ein Bild eines verletzten Körpertels gezeigt, und sie sollten versuchen sich vorzustellen, dass es sich entweder um ihr eigenes Körperteil oder um das einer anderen Person handelte, und angeben, wie viel Schmerz sie mit dem Bild verbinden (Empathie-Aufgabe).

Die Teilnehmer, die Alkohol bis zum Rausch tranken, hatten mehr Mühe als die nicht-trinkenden Teilnehmer, wenn sie versuchten, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen, die den Schmerz empfindet: Sie nahmen sich mehr Zeit, um darauf zu reagieren, und die Scans zeigten, dass ihr Gehirn (s.a. Alkohol und das Gehirn) härter arbeiten und mehr neuronale Ressourcen nutzen musste, um zu erkennen, wie intensiv eine andere Person Schmerzen empfinden würde.

Die Studie offenbarte auch eine weiter verbreitete Funktionsstörung als bisher angenommen; ein visuelles Areal des Gehirns, das an der Erkennung von Körperteilen beteiligt ist, zeigte bei den Alkohol-Trinkern ungewöhnlich hohe Aktivierungswerte. Dies traf bei den Nicht-Binge-Trinkern nicht zu, die sich die gleichen Bilder ansahen.

Als die Alkoholtrinker gebeten wurden, sich den verletzten Körperteil auf dem Bild als ihren eigenen vorzustellen, unterschied sich ihre Schmerzeinschätzung nicht von der der nichttrinkenden Personen.

Ein geringeres Empathievermögen bei Rauschtrinkern kann das Trinken von Alkohol fördern, da es die Wahrnehmung des eigenen Leidens oder des Leidens anderer während eines Trinkgelages abschwächen kann, kommentiert Studienautorin Theodora Duka vom Fachbereich Psychologie der University of Sussex.

Im Alltag bedeutet dies, dass sich an Saufgelage beteiligende Alkoholtrinker empathische Probleme bekommen können. Es ist nicht so, dass Binge-Trinker weniger Einfühlungsvermögen empfinden - es ist nur so, dass sie mehr Gehirnressourcen einsetzen müssen, um dies zu erreichen. Unter bestimmten Umständen, wenn die Ressourcen begrenzt sind, kann es für Rauschtrinker jedoch schwierig sein, eine empathische Reaktion gegenüber anderen zu entwickeln, schreibt Studienautorin Charlotte Rae.

© PSYLEX.de - Quellenangabe: NeuroImage: Clinical (2020). DOI: 10.1016/j.nicl.2020.102322

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