Zur Psychologie des Schreiens: Der Freudenschrei

Pressemitteilung der Universität Zürich

Freudenschreie werden stärker wahrgenommen als Angst- oder Wutgebrüll

15.04.2021 Menschen schreien nicht nur aus Angst vor drohendem Unheil oder bei sozialen Konflikten. Ihre Schreie sind auch Ausdruck von Freude oder Begeisterung. Das Gehirn nimmt solche nicht-alarmierenden Schreie sogar besser wahr und verarbeitet sie effizienter als Schreie aus Wut oder Angst, wie Forschende der Universität Zürich erstmals zeigen.

Schreien kann Leben retten. So verwenden nicht-menschliche Primaten und andere Säugetierarten schreiähnliche Rufe häufig als Alarmsignal bei sozialen Konflikten, auftauchenden Raubtieren oder anderen Bedrohungen. Auch der Mensch nutzt Schreie, um Gefahr oder Aggressivität zu signalisieren. Menschen schreien aber auch, wenn sie starke Emotionen wie Verzweiflung und Freude erleben. Allerdings konzentrierte sich die Forschung bisher primär auf alarmierende Angstschreie.

Menschen reagieren rascher und empfindlicher auf positive Schreie

Ein Team des Psychologischen Instituts der Universität Zürich (UZH) unter der Leitung von Sascha Frühholz hat nun die Bedeutungen der ganzen Palette an menschlichen Schrei-Rufen untersucht. Ihren Ergebnissen zufolge existieren sechs emotional unterschiedliche Schrei-Typen: Sie signalisieren Schmerz, Wut, Angst, Vergnügen, Traurigkeit und Freude. «Überrascht hat uns, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer auf nicht-alarmierende und positive Schreie rascher, genauer und hinsichtlich ihrer Hirnaktivität empfindlicher reagierten, als wenn die Probanden schreiend Alarm schlugen», sagt Frühholz.

Gehirn verarbeitet Freudenschreie effizienter als Alarm-Rufe

Die Studie umfasste vier Experimente. Zwölf Teilnehmer wurden gebeten, positive und negative Schreie auszustossen, wie sie verschiedene Situationen hervorrufen können. Eine zweite Personengruppe bewertete die emotionale Natur der Schrei-Rufe und klassifizierte sie in entsprechenden Kategorien. Während sie die Schreie hörten, wurde ihre Hirnaktivität hinsichtlich Wahrnehmung und Erkennung sowie Verarbeitung und Zuordnung der Laute mit funktioneller Magnetresonanztomografie gemessen. «Die Hirnareale im vorderen Grosshirn, in der Hörrinde und im limbischen System waren bei erfreuten bzw. nicht alarmierenden Schrei-Rufen viel aktiver und stärker vernetzt als bei Alarm-Rufen», betont Frühholz.

Komplexere soziale Netzwerke bewirkten Prioritätenverschiebung

Bisher ging man davon aus, dass das kognitive System von Primaten und Menschen speziell darauf abgestimmt ist, Signale von Gefahr und Bedrohung – also auch Schreie – zu erkennen. Im Gegensatz zu Primaten und anderen Tierarten scheint sich die Schrei-Kommunikation des Menschen im Verlauf der Evolution weiter diversifiziert zu haben. Gemäss Sascha Frühholz stellt dies ein grosser evolutionärer Schritt dar: «Sehr wahrscheinlich schreit nur der Mensch, um auch positive Emotionen wie grosse Freude und Vergnügen zu signalisieren. Und im Vergleich zu Alarm-Rufen sind die positiven Schreie mit der Zeit immer wichtiger geworden», sagt Frühholz. Verantwortlich dafür dürften gemäss den Forschenden die kommunikativen Anforderungen der zunehmend komplexeren sozialen Beziehungen des Menschen sein.

Literatur: Sascha Frühholz, Joris Dietziker, Matthias Staib, Wiebke Trost. Neurocognitive processing efficiency for discriminating human non-alarm rather than alarm scream calls. PLOS Biology. 13 April 2021. DOI: 10.1371/journal.pbio.3000751

Quellenangabe: Universität Zürich

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