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Stressbelastung von Polizeikräften im Streifendienst

24.12.2020 Heidelberger Studie erfasst Stressoren – Klare Gesetzeslage und effektive Kommunikation gefordert.

Mit einer „mittleren Stressbelastung“ haben Polizeikräfte im Außendienst in den ersten Monaten der Corona-Pandemie auf neue Anforderungen reagiert. Allerdings schwankte das individuelle Erleben der Belastung sehr stark. So haben beispielsweise eine geringe Diensterfahrung oder die Wahrnehmung, unvorbereitet zu sein, als Risikofaktoren zu einer hohen Stressbelastung beigetragen.

Insgesamt jedoch konnte der Großteil der Polizeikräfte mit den Herausforderungen gut umgehen, wie die Befragung von Beamtinnen und Beamten in Deutschland sowie vier weiteren europäischen Ländern gezeigt hat. Die Studie wurde unter der Leitung von Privatdozentin Dr. Marie Ottilie Frenkel, Stressforscherin an der Universität Heidelberg, durchgeführt und enthält auch Vorschläge für verbessertes Krisenmanagement, das zu einer Stressreduzierung beitragen soll: Dazu gehört unter anderem eine effektive Kommunikation, auch über die Medien.

Im Rahmen der Studie, die Teil eines europäischen Forschungsprojektes ist, wurden mehr als 2.500 Beamtinnen und Beamte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Spanien befragt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von fünf Universitäten erhoben insbesondere die Stressoren im beruflichen und im privaten Umfeld ebenso wie individuelle, organisatorische und staatliche Bewältigungsstrategien sowie unterstützende Maßnahmen in der Polizeiarbeit. Sie arbeiteten dabei mit einem „Mixed Methods“-Ansatz, bei dem eine quantitative Erhebung von Daten durch eine qualitative Befragung mit individuellen Erfahrungsberichten ergänzt wurde. Insgesamt wurden vier Erhebungen zwischen Ende März und Anfang Juni dieses Jahres durchgeführt.

Während ein knappes Viertel der Befragten zu Beginn des Lockdowns angab, in der Polizeiarbeit selbst keine Auslöser für Stress zu erleben, waren rund 70 Prozent der Beamtinnen und Beamten im Streifendienst von unterschiedlichen Stressfaktoren betroffen. Dazu gehörten insbesondere das Risiko einer Infektion (23 Prozent) und eine als unübersichtlich erlebte Kommunikation (14 Prozent). Im Laufe der folgenden Monate stieg der Anteil der Polizeikräfte ohne wahrgenommene Stressoren auf mehr als ein Drittel. Gleichzeitig sank der Einfluss der stressauslösenden Faktoren „Infektionsrisiko“ (13 Prozent) sowie „Kommunikation“ (zwei Prozent).

Die Sorge, sich möglicherweise mit dem Corona-Virus zu infizieren, war in den Niederlanden über den gesamten Erhebungszeitraum mit rund 30 Prozent am stärksten ausgeprägt. In der Schweiz und Spanien spielten Fragen einer unzulänglichen Kommunikation mit rund drei Prozent nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die Höhe der Stressbelastung eines „durchschnittlichen“ Teilnehmers der Befragung lag auf einer Skala von eins bis sieben bei rund 3,5 – leicht abnehmend im Befragungszeitraum. Die höchsten Belastungswerte mit im Durchschnitt 4,0 zeigten sich bei den deutschen Beamtinnen und Beamten.

„Im Vergleich zu anderen kritischen, aber zeitlich begrenzten Polizeieinsätzen etwa bei Terroranschlägen stellt die Pandemie eine globale und langandauernde Bedrohung dar. Dadurch sind Polizeikräfte mit ganz neuen Anforderungen konfrontiert, die sich belastend auf sie auswirken können“, betont Dr. Frenkel. Nach den Worten der Wissenschaftlerin ist es jedoch die „Kernkompetenz der Polizei“, auf neuartige und unsichere Situationen reagieren zu können.

„Deshalb verfügen die Beamtinnen und Beamten auch über verschiedene Bewältigungsstrategien, die sie auf Stresssituationen vorbereiten. Ihre Wirksamkeit bestimmt, wie stark auch die Belastung während der Pandemie ist. Insbesondere die im Einsatztraining vermittelten Kompetenzen zur Kommunikation und Eigensicherung helfen ihnen, mit den Bürgerinnen und Bürger sicher zu interagieren“, sagt die Stressforscherin, die aus den Ergebnissen der Befragungen einen Katalog an Maßnahmen für einen besseres Krisenmanagement in der Pandemie-Situation abgeleitet hat.

Auf Regierungsebene bedarf es, so Dr. Frenkel, einer eindeutigen Gesetzeslage und einer effektiven Medienkommunikation, um eine höhere öffentliche Zustimmung für die Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit und polizeiliche Interventionen zu erreichen. Die Polizeibehörden sollten unter anderem durch klare interne Kommunikationskanäle und situationsbezogene Trainings zu einer größeren Handlungssicherheit der Beamtinnen und Beamten im Außendienst beitragen.

„Durch eine gezielte Aktivierung von bereits erlernten Bewältigungsstrategien und professionelle Hilfsangebote kann die wahrgenommene Stressbelastung reduziert und das Krisenmanagement langfristig verbessert werden“, erläutert die Wissenschaftlerin, die am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg forscht.

Die Studie „SHOT-COVID19“ ist eingebunden in das internationale Projekt SHOTPROS, das im Rahmen von „Horizon 2020“, dem Forschungs- und Innovationsprogramm der Europäischen Union, gefördert wird. In dem Verbundvorhaben arbeiten verschiedene Partner aus Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Rumänien und Schweden mit dem Ziel zusammen, ein innovatives Trainingsverfahren zu entwickeln, mit dem sich Entscheidungs- und Handlungsprozesse von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten in stressigen und hochriskanten Einsatzsituationen verbessern lassen. Dazu gehört auch eine Virtual-Reality-Lösung, um den Umgang mit kritischen Szenarien effizienter trainieren zu können.

Die Ergebnisse der Studie wurden im „Journal of Criminal Justice“ veröffentlicht.

Quellenangabe: Universität Heidelberg – M.O. Frenkel, L. Giessing, S. Egger-Lampl, V. Hutter, R.R.D. Oudejans, L. Kleygrewe, E. Jaspaert, H. Plessner: The impact of the COVID-19 pandemic on European police officers: Stress, demands, and coping resources. Journal of Criminal Justice (published online 19 October 2020)

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