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Teufelskreis bei Arbeitsstress wird von Burn-out weiter angetrieben

04.11.2020 Stress und Überlastung am Arbeitsplatz nehmen weltweit zu und werden häufig als Ursache von Burn-out betrachtet. Tatsächlich zeigt eine neue Studie, dass sich Stress bei der Arbeit und Burn-out gegenseitig aufschaukeln. Entgegen der allgemeinen Auffassung wirkt sich Burn-out jedoch viel stärker auf den Stress am Arbeitsplatz aus als umgekehrt.

„Das bedeutet, je weiter sich Burn-out entwickelt, umso mehr Stress, wie zum Beispiel Zeitdruck, nehmen die Menschen bei der Arbeit wahr“, erklärt Prof. Dr. Christian Dormann von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Dieser Effekt ist viel stärker als der umgekehrte Effekt, den Arbeitsstress auf Burn-out ausübt. Daher sollten Beschäftigte, die unter Burn-out leiden, rechtzeitig angemessene Unterstützung erhalten, um zunehmenden Arbeitsstress zu vermeiden und damit den Teufelskreis von Stress und Burn-out zu durchbrechen.

Als Symptome für Burn-out gelten Erschöpfung, Zynismus sowie geminderte Leistungsfähigkeit. „Das wichtigste Burn-out-Symptom ist tatsächlich das Gefühl, erschöpft zu sein – und zwar in einem Ausmaß, das sich nicht durch die normalen Erholungsphasen am Abend, am Wochenende oder im Urlaub beheben lässt“, so Dormann.

„Um sich vor weiterer Erschöpfung zu schützen, versuchen manche Betroffene, eine psychische Distanz zu ihrer Arbeit aufzubauen, sich also von der Arbeit und damit verbundenen Personen zu entfremden und zynischer zu werden“, ergänzt Dr. Christina Guthier. Sie hat die Studie im Rahmen ihrer Doktorarbeit, für die sie im Jahr 2020 den Dissertationspreis der Alfred Teves-Stiftung erhielt, in der Arbeitsgruppe von Dormann durchgeführt. Die Untersuchung wurde nun in der renommierten Fachzeitschrift Psychological Bulletin veröffentlicht.

Für die gemeinsame Veröffentlichung werteten Christina Guthier, Prof. Dr. Christan Dormann und Prof. Dr. Manuel Völkle von der Humboldt-Universität zu Berlin 48 Längsschnittstudien zu Burn-out und Arbeitsstress aus. In diesen Studien waren insgesamt 26.319 Teilnehmerinnen und Teilnehmer befragt worden.

Der Altersdurchschnitt betrug knapp 42 Jahre bei der Erstbefragung, 44 Prozent der Probanden waren Männer. Die Längsschnittstudien aus den Jahren 1986 bis 2019 stammten aus verschiedenen Ländern, darunter überwiegend europäische Länder sowie Israel, die USA und Kanada, Mexiko, Südafrika, Australien, China und Taiwan.

Abwärtsspirale stoppen, Rückkopplungseffekt von Burn-out auf Arbeitsstress abmildern

Die Ergebnisse stellen die übliche Sichtweise, dass Arbeitsstress die treibende Kraft bei Burn-out ist, infrage oder relativieren sie zumindest. „Burn-out kann, muss aber nicht von der Arbeitssituation angestoßen werden“, so Dormann.

Aber sobald der Prozess angeschoben wurde, entwickelt er sich schleichend und schaukelt sich allmählich auf. Schließlich führt Burn-out dazu, dass die Arbeit zunehmend als stressig empfunden wird: Die Arbeitsmenge ist zu viel, die Zeit zu knapp, der Arbeitsstress zu groß.

„Bei Erschöpfung nimmt die Belastbarkeit für gewöhnlich ab. Dadurch können bereits kleinere Aufgaben als deutlich anstrengender wahrgenommen werden“, erklärt Guthier. „Wir haben einen Effekt von Burn-out auf Arbeitsstress erwartet, jedoch die Stärke des Effekts war sehr überraschend“, so die Erstautorin des Beitrags.

Etwas abgemildert werden kann der Effekt, den Burn-out auf den empfundenen Arbeitsstress hat, wenn die Beschäftigten mehr Kontrolle über ihre eigene Arbeit haben und Unterstützung aus dem Kreis der Kolleginnen und Kollegen oder von Vorgesetzten erhalten.

Laut Dormann eröffnet sich aufgrund dieser bisher einzigartigen Datengrundlage ein neues Forschungsfeld, weil dieser starke Rückkopplungseffekt von Burn-out auf Arbeitsstress bisher noch nicht untersucht wurde.

Die Fragen sind: Wie werden die Auswirkungen von Burn-out auf den wahrgenommenen Arbeitsstress verringert? Wie wird der Teufelskreis verhindert? Dormann und Guthier schlagen vor, Interventionen beim Führungsverhalten anzusetzen.

Beschäftigte sollten die Möglichkeit haben, jederzeit Rückmeldung zu ihrem Arbeitsstress zu geben, und wertgeschätzt werden. Außerdem könnte – vielleicht nicht zuletzt – auch richtige Erholung helfen, die Abwärtsspirale zu stoppen.

Quellenangabe: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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