Bipolare Störung: Saisonale Effekte durch Tageslicht-Schwankungen

Depressive Störungen mit saisonalem Muster werden stärker durch den Standort und die täglichen Veränderungen des Sonnenlichts beeinflusst als durch durchschnittliche saisonale Veränderungen

31.01.2022 Neue Forschungsergebnisse von Sandra Rosenthal von der Vanderbilt University und Kollegen deuten darauf hin, dass die Rate der Veränderung der Sonneneinstrahlung – d. h. die Menge der Sonneneinstrahlung, die in einem bestimmten Zeitraum an einem bestimmten Ort den Boden erreicht – einen größeren Einfluss auf saisonal-abhängige depressive Störungen hat als die üblichen jahreszeitlichen Veränderungen des Sonnenlichts.

Die Forschung ist für Rosenthal eine persönliche Angelegenheit, da sie Erfahrungen mit saisonalen Schwankungen ihrer bipolaren Störung hat. „In der dritten Augustwoche ging ich immer zum Arzt, weil ich mich immer krank fühlte, als hätte ich Mono“, sagt sie. „Als ich anfing, auf diese genauen Daten zu achten, und nach einem aufschlussreichen Gespräch mit der Expertin für bipolare Störungen, Kay Jamison, wurde mir klar, wie verbreitet dieses saisonale Muster ist.“

Tägliche Schwankungen der Sonneneinstrahlung

Die täglichen Veränderungsraten nehmen in der Regel dramatisch zu und erreichen ihren Höhepunkt um die Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche, während sie um die Sommer- und Wintersonnenwende relativ konstant bleiben.

Frühere Untersuchungen haben einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten bipolarer Störungen und der Jahreszeit bestätigt, insbesondere bei Menschen, die weiter vom Äquator entfernt leben und daher im Laufe des Jahres größeren Unterschieden in der Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind.

Die Studie

Durch das Heranzoomen von Gebieten mit einer Fläche von 11 Quadratmeilen – der halben Größe der Insel Manhattan – konnte das Team für 51 Orte in der nördlichen und südlichen Hemisphäre feststellen, in welchem Monat die Sonneneinstrahlung am stärksten schwankt. Die Verwendung kleiner Gebiete war für die Forschung wichtig, da selbst Städte auf demselben Breitengrad – z. B. Oslo in Norwegen und Helsinki in Finnland – zur selben Jahreszeit sehr unterschiedliche Sonneneinstrahlungswerte aufweisen können.

Faktoren wie Bewölkung, Luftfeuchtigkeit, Schadstoffgehalt der Atmosphäre, Höhenlage und sogar Naturkatastrophen wie Waldbrände und Vulkanausbrüche können sich darauf auswirken, wie viel Sonnenstrahlung tatsächlich den Boden erreicht.

Suprachiasmatischer Nukleus

Aus den Daten schließen Rosenthal und ihre Kollegen auf einen Zusammenhang zwischen dem suprachiasmatischen Nukleus des Gehirns und den Symptomen der bipolaren Störung. Der suprachiasmatische Nukleus fungiert als Sensor für jahreszeitliche Veränderungen des Tageslichts und als Regulator der Melatoninsekretion der Zirbeldrüse.

Rosenthal und ihre Kollegen argumentieren, dass der SCN eine Schlüsselrolle bei der Messung der Änderungsrate der Sonneneinstrahlung spielt, die sich dann auf nachgeschaltete Signalwege auswirkt, die mit der bipolaren Störung zusammenhängen.

Schlaf-Wach-Rhythmus, Melatoninausschüttung und Stressreaktion

Das saisonale Muster, das mit den Veränderungen des Sonnenlichts zusammenhängt, ist auf der Grundlage früherer Forschungen zur bipolaren Störung nicht völlig überraschend. Bei vielen Patienten mit bipolarer Störung kommt es zu Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, zu einer veränderten Melatoninausschüttung und zu einer Störung der Stressreaktion im Zusammenhang mit dem natürlichen zirkadianen Rhythmus des Körpers. Sogar die übliche Behandlung von Menschen mit bipolarer Störung mit Lithium deutet auf einen Zusammenhang mit dem zirkadianen Rhythmus hin, da Lithium bekanntermaßen auch die zentralen Uhrgene beeinflusst.

Rosenthal schlägt Gesundheitsdienstleistern vor, die Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Symptomen der bipolaren Störung und den Daten zur Sonneneinstrahlung an einem bestimmten Ort zu untersuchen, anstatt nur die Jahreszeit zu berücksichtigen. Städte wie Los Angeles unterstreichen die Bedeutung dieses Aspekts, da die Sonneneinstrahlung dort paradoxerweise im Oktober zunimmt, wenn die Santa-Ana-Winde die Meereswolkenschicht auf das Meer hinausschieben.

Obwohl die jahreszeitlichen Auswirkungen auf die bipolare Störung bei den Patienten sicherlich unterschiedlich sind, können die neuen Erkenntnisse es ihnen ermöglichen, ihre Symptome über das Jahr hinweg zu verfolgen und nach Hinweisen auf die Auswirkungen des Sonnenlichts zu suchen. Das Erkennen von Symptommustern und deren Zusammenhang mit den jährlichen Veränderungen der Sonneneinstrahlung kann das Selbstmanagement verbessern und auch die Krankheit entstigmatisieren, sagt Rosenthal. Die Forscher hoffen, dass diese Informationen für die Aufklärung und das Selbstmanagement vieler bipolarer Patienten von Nutzen sein werden.

© Psylex.de – Quellenangabe: Vanderbilt University

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