Dogmatische Menschen informieren sich seltener und neigen so zu Fehlurteilen

21.11.2020 Eine aktuelle Studie von Neurowissenschaftlern am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen und am University College London (UCL) zeigt, dass sich Menschen mit dogmatischen Ansichten seltener informieren als der Durchschnitt, selbst wenn es um die einfachsten Entscheidungen geht.

Dogmatische Menschen sind oft der Ansicht, dass ihre Weltanschauung der absoluten Wahrheit entspricht. In Folge weigern sie sich häufig, ihre Meinung zu ändern. Zum Beispiel im Zusammenhang politischer Fragestellungen. Ihr Verhalten polarisiert dadurch manchmal erheblich. Die kognitiven Grundlagen dieser Engstirnigkeit sind jedoch wissenschaftlich noch immer wenig verstanden.

Muster und Prozesse des Dogmatismus

Lion Schulz vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik ist Erstautor der Studie.

Um diese Fragestellungen näher zu untersuchen, baten Schulz und seine Kollegen über 700 Probanden eine einfache Entscheidungsaufgabe zu erfüllen, bei der die eigene Meinung keine Rolle spielte. Die Teilnehmer sahen auf ihrem Monitor zwei Kästchen mit flimmernden Punkten und mussten entscheiden, welches der Kästchen mehr Punkte enthielt.

Nach diesem ersten Schritt folgte der entscheidende Teil des Experimentes. Bevor die Probanden ein abschließendes Urteil abgaben, für dessen Genauigkeit sie honoriert wurden, konnten sie zwischen zwei Möglichkeiten wählen. Entweder konnten sie sich dafür entscheiden, dass ihnen die bisherigen Informationen ausreichten, um eine abschließende Entscheidung zu treffen.

Oder sie konnten auswählen, die Kästchen noch einmal zu sehen, nun aber mit einer besseren Auflösung. Dafür mussten sie zwar einen kleinen Teil ihrer Bezahlung einbüßen, konnten aber die abschließende Entscheidung deutlich präziser treffen.

In den Neurowissenschaften werden bewusst solch einfache Versuchsaufbauten genutzt um kognitiven Prozessen auf die Spur zu kommen. „Dieses Experiment minimiert Störvariablen und lässt uns so präzise die Denkprozesse identifizieren, die zu dogmatischen Überzeugungen beitragen“, erklärt Mitautor Max Rollwage vom University College London.

Dogmatische Menschen zeigten sich im Durchschnitt auch nicht sicherer in ihrer zuerst getroffenen Entscheidung. Schulz und seine Kollegen stellten jedoch fest, dass die starrsinnigeren Probanden weniger Interesse an den hilfreichen Zusatzinformationen hatten: Sie informierten sich weniger.

Fleming schlussfolgert: „Es ist bemerkenswert, dass wir in diesem einfachen Spiel Verbindungen zwischen Dogmatismus und Informationssuche feststellen konnten. Das sagt uns, dass Dogmatismus in der realen Welt nicht nur ein Merkmal bestimmter Gruppen oder Meinungen ist, sondern möglicherweise von grundlegenderen kognitiven Prozessen angetrieben wird.“

Informationen immer prüfen

Wir leben in einer Welt voller unklarer oder falscher Informationen, die schnell geteilt, übernommen und für wahr gehalten werden. Die Studie unterstreicht, dass die bloße Verfügbarkeit korrigierender Informationen nicht notwendigerweise bedeutet, dass wir diese auch nutzen.

„Dies ist in unserer heutigen Zeit besonders relevant. Noch nie hatten wir so viel Freiheit zu entscheiden, ob wir genug zu einem bestimmten Thema gelesen haben – oder ob wir lieber doch nochmal eine vertrauenswürdige Quelle zu Rate ziehen sollten“, sagt Lion Schulz.

„Es ist wichtig zu betonen, dass die Unterschiede zwischen mehr und weniger dogmatischen Menschen durchaus fein waren. Auch können wir noch nicht exakt vorhersagen, wie sich unsere Resultate verändern, wenn es um ‚echte‘ Informationen geht, wie zum Beispiel politische Nachrichten“, fügt Schulz hinzu.

„Unsere Forschung kann dennoch als Denkanstoß dienen, ob wir uns nun für dogmatisch halten oder nicht: Wenn wir unsicher sind, ist es vielleicht ratsam, uns noch einmal gut zu informieren.“

Die Forscher versuchen nun, die kognitiven Algorithmen hinter dem Entscheidungsverhalten der Probanden weiter zu entschlüsseln. Ihr besonderes Augenmerk liegt darauf, was Menschen dazu veranlasst, sich bei Unsicherheit zu informieren, und was sie davon abhält.

Die Studie wurde heute in PNAS veröffentlicht.

Quellenangabe: Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik

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