Gesichtserkennung im Gehirn

Von Angesicht zu Angesicht

Gesichter lassen sich durch persönliche Begegnungen besser merken als über digitale Kontakte

27.05.2021 Das menschliche Gehirn merkt sich Gesichter nach einem persönlichen Treffen besser als nach dem Betrachten von Fotos oder Videos. Das haben Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Universität Jena herausgefunden. In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Journal of Neuroscience“ veröffentlicht das Forschungsteam um Prof. Dr. Gyula Kovács und Dr. Géza Gergely Ambrus EEG-Daten, die zeigen, dass sich die Vertrautheit eines Gesichts im Gehirn des Betrachters messbar intensiver verankert, wenn es persönlich wahrgenommen wird.

Gesichter erkennen und sich merken, das ist für den Menschen seit Beginn seiner Evolution überlebenswichtig: Schon im Babyalter erkennen wir vertraute Personen und lernen zeitlebens weitere hinzu. Zu erkennen, wer der eigenen Sippe angehört, wer uns wohl gesonnen ist und wer nicht, hilft im persönlichen Umgang und stabilisiert das soziale Gefüge – damals wie heute. Bis zum Erwachsenenalter hat ein Mensch so durchschnittlich 5.000 Gesichter kennengelernt und kann sie von unbekannten unterscheiden.

Trotz intensiver Forschungsarbeit wissen wir jedoch immer noch wenig darüber, wie sich die neuronalen Repräsentationen im Gehirn entwickeln, wenn uns jemand vertraut wird“, sagt Prof. Kovács. Um diese Vorgänge besser zu verstehen, haben der Neurowissenschaftler und sein Team für die vorgelegte Studie EEG-Experimente durchgeführt. Darin haben sie Probandinnen und Probanden in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe bekam Fotos von Prominenten gezeigt, die sie nicht kannten. Die zweite Gruppe musste sich eine Fernsehsendung mit unbekannten Schauspielerinnen und Schauspielern ansehen. Eine dritte Gruppe unterhielt sich mit zwei Labormitgliedern persönlich. Dabei zeichneten die Forscher die Gehirnaktivität der Probanden auf, während sie Fotos der Prominenten, der Schauspieler der Sendung oder der Labormitglieder betrachteten.

In weniger als einer halben Sekunde wissen wir, ob wir ein Gesicht kennen oder nicht

Die EEG-Untersuchungen lieferten wichtige Hinweise darüber, wie sich die Repräsentationen im Gehirn verändern, wenn wir ein Gesicht kennenlernen. Bereits nach ca. 400 Millisekunden – weniger als einer halben Sekunde – zeigen sich über den rechten temporalen Kortex messbare Gehirnaktivitäten, ein Zeichen dafür, dass Gesichter als „bekannt“ wahrgenommen werden. Das Ausmaß der Vertrautheit (der Ausschlag des EEG-Signals) war jedoch abhängig davon, wie die Probandinnen und Probanden die Gesichter gezeigt bekommen haben. Es war besonders stark sichtbar nach dem persönlichen Kontakt, schwächer nach der Fernsehsendung, aber nicht messbar nach dem Betrachten von Fotos.

Wenn wir das Gesicht einer Person sehen, wissen wir oft sofort, ob wir sie schon einmal gesehen haben oder nicht“, ordnet Prof. Kovács die Ergebnisse ein. „Unsere Experimente zeigen, dass sich dieses Gefühl der Vertrautheit besonders stark und dauerhaft nach einer persönlichen Begegnung einprägt.“ Wollen wir einander also wirklich kennenlernen, so das Fazit der Forschenden, müssen wir uns persönlich treffen.

Quellenangabe: Pressemitteilung Universität Jena

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