Können viele psychische Erkrankungen auf nur 3 Faktoren zurückgeführt werden?

Ein Drei-Faktoren-Modell für häufige, früh auftretende psychiatrische Störungen: Temperament, Widrigkeiten in der Kindheit und Dopamin

09.12.2021 Die Ursachen psychiatrischer Störungen sind nur unzureichend bekannt. Nun gibt es unter der Leitung von Forschern der McGill University Hinweise darauf, dass ein breites Spektrum früh einsetzender psychiatrischer Probleme / Erkrankungen (von Depressionen, Angststörungen und Süchten bis hin zu Legasthenie, Bulimie und ADHS) größtenteils auf die Kombination von nur drei Faktoren zurückzuführen sein könnte.

  • Der erste ist biologisch – in Form von individuellen Schwankungen im Dopamin-Belohnungsweg des Gehirns.
  • Der zweite ist sozialer Natur und weist auf die wichtige Rolle von Vernachlässigung oder Missbrauch/Misshandlung in der frühen Kindheit hin.
  • Der dritte ist psychologischer Natur und bezieht sich auf das Temperament bzw. die Persönlichkeitseigenschaften, insbesondere auf die Tendenz zur Impulsivität und die Schwierigkeit, Gefühle zu kontrollieren.

Diese Erkenntnisse haben Auswirkungen auf das Verständnis der Ursachen für eine Vielzahl psychischer Störungen und auf die Merkmale, die bei der Frühintervention berücksichtigt werden sollten.

Bis vor kurzem ging man davon aus, dass psychiatrische Störungen eigenständige Krankheitsentitäten (Symptomenkomplexe) mit jeweils eigenen Ursachen darstellen, sagt Marco Leyton, Hauptautor der kürzlich in der Zeitschrift Neuropsychopharmacology veröffentlichten Studie, Professor an der Abteilung für Psychiatrie von McGill und leitender Wissenschaftler am Forschungsinstitut des McGill University Health Centre. Die vorliegende Studie widerlegt diese Vorstellung und deutet stattdessen darauf hin, dass die meisten früh auftretenden psychischen Störungen weitgehend auf unterschiedliche Ausprägungen einer kleinen Anzahl biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren zurückzuführen sind.

Erste Studie, die drei Schlüsselfaktoren kombiniert: Temperament, Trauma und Dopamin

Frühere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass jeder der drei Faktoren für sich genommen zumindest moderate Auswirkungen auf die Entwicklung von psychischen Erkrankungen hat.

Im Vergleich dazu hatten die Autoren dieser neuen Studie zum ersten Mal die Möglichkeit, alle drei Faktoren gemeinsam zu untersuchen. 52 junge Menschen (30 Frauen und 22 Männer) aus Montreal und Quebec City, die seit ihrer Geburt von Jean Séguin (Université de Montréal) und Michel Boivin (Université Laval) beobachtet wurden, unterzogen sich bildgebenden Untersuchungen des Gehirns (PET und MRT), bei denen Merkmale der Dopamin-Belohnungsbahn gemessen wurden.

Diese Hirnmerkmale wurden dann mit Informationen über ihre Temperamente und ihre frühere Lebensgeschichte kombiniert.

Hohe Genauigkeit und potenzieller Vorhersagewert des Ansatzes

Auffallend ist, dass diese Kombination von nur drei Faktoren mit einer Genauigkeit von über 90 % vorhersagte, welche Teilnehmer entweder in der Vergangenheit oder während der dreijährigen Nachbeobachtungszeit der Studie psychische Probleme hatten.

Da die Ergebnisse so neu und potenziell so wichtig sind, hat das CIHR zusätzliche zwei Millionen Dollar bereitgestellt, um die Stichprobengröße zu verdoppeln und die Teilnehmer bis zu ihrem Alter von Mitte 20 zu begleiten.

Und die Ergebnisse müssen repliziert werden, sowohl in größeren als auch in ethnisch vielfältigeren Gruppen, betont die Erstautorin der Studie Maisha Iqbal. Wenn sich die Ergebnisse wiederholen lassen, könnte diese Forschungsarbeit verändern, wie wir über psychische Krankheiten denken, sagt sie.

© Psylex.de – Quellenangabe: Neuropsychopharmacology, 2021; DOI: 10.1038/s41386-021-01187-z




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