Soziologie der Angst

Soziologie der Angst

Die Soziologie der Angst beschäftigt sich mit der soziologischen Analyse menschlicher Ängste.

Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und den Ängsten

09.11.2017 Ängste als Herrschaftsinstrument: Warum die Sorge um den Zustand der Umwelt erwünscht ist, die vor der Überfremdung im eigenen Land aber nicht.

Eine aktuelle im Fachblatt The Sociological Review veröffentlichte Studie der Universität Bonn analysierte Ängste und Sorgen von Deutschen und Norwegern.

Ängste als Herrschaftsinstrument

Die Ängste und Sorgen der Menschen hängen zu einem großen Teil von der sozialen Schicht, dem finanziellen und dem kulturellen Background ab. Und so werden die Ängste der unteren Schichten von der herrschenden Schicht – der Bildungs- und Kulturelite – nicht verstanden und / oder abgewertet, schreiben der Forscher Dr. Andreas Schmitz und seine norwegischen Mitautoren: „Ängste seien insofern auch ein Herrschaftsinstrument“.

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Bild: Gerd Altmann

Dass die Ängste je nach Schicht und Einkommen verschieden sind, ist einleuchtend: Menschen mit wenig angespartem Geld, haben mehr Angst davor, ihre Arbeit zu verlieren, oder dass die Lebenshaltungskosten steigen, als Menschen, die finanziell abgesichert sind. Doch auch die Wohlhabenden und die Bildungselite haben Sorgen.

Die Studie wertete die Daten von 3.980 Norwegern aus, die 2011 zu ihren Ängsten befragt worden waren. Dabei waren auch Schulbildung, Beruf und finanzielle Situation erfasst worden.

„Wenn wir die geäußerten Befürchtungen mit den sozioökonomischen Angaben in Beziehung setzen, sehen wir auffällige Häufungen“, erklärt Schmitz.

So hatten Menschen mit geringem Einkommen und einem geringeren Bildungsabschluß sehr viel häufiger Angst vor Arbeitslosigkeit (5x so viel) als die ökonomischen Elite. Dagegen hatten Menschen mit höherer Bildung eher Angst vor Klimawandel bzw. Treibhauseffekt – weitgehend unabhängig von ihrer finanziellen Situation.

Habitus der Bildungsbürger

Diese Tendenzen können auch in Deutschland beobachtet werden. „Auch hierzulande hat jede Schicht ihre typischen Ängste“, sagt Schmitz. „Und auch bei uns treibt die Sorge vor Umweltverschmutzung und Klimawandel vor allem die Gebildeten um.“

Damit gehöre sie zum „Habitus“ der Kultur- und Bildungselite, schreibt der Soziologe: So trinke man als Bildungsbürger abends einen guten Rotwein und gehe gerne ins Theater; und dazu gehöre es eben auch, sich eher um das Weltklima zu soren.

„Ängste und Lebensstile gehören zusammen“, fasst Schmitz zusammen. „Sie sind Teil einer kohärenten Lebenswelt. Und diese hängt wiederum vom individuellen ökonomischen und kulturellen Kapital ab.“

Pierre Bourdieu

Schmitz führt den französischen Soziologen Pierre Bourdieu an, der darauf hinwies, dass „der Habitus auch ein Mittel gesellschaftlicher Abgrenzung sein kann: Wer meinen Lebensstil pflegt, meinen Geschmack teilt, meinen Dialekt spricht und, wie die neue Studie zeigt, zusätzlich meine Ängste fühlt, gehört zu meinem Milieu. Diese Distiktionsprozesse verlaufen dabei weitgehend unbewusst und in den alltäglichsten Situationen.“

Im europäischen Westen und Norden bestimme die Bildungs- und Kulturelite einen wesentlichen Bestandteil der öffentlichen Erörterung und Auseinandersetzungen. Sie bestimmt durch ihre Deutungshoheit, welche Lebensstile als sozial „legitim gelten dürfen“ (sie beanspruchen auch in gewisser Weise einen „Vorbildcharakter“) und welche nicht.

Angst vor einer „vermeintlichen“ Überfremdung

Und dies trifft auch auf die Ängste zu: Es ist richtig, vorbildlich und erstrebenswert, sich Sorgen um den Zustand der Umwelt zu machen – diese ist schließlich „objektiv begründet“, aber es ist nicht in Ordnung und nicht zu akzeptieren, Angst vor einer „vermeintlichen“ Überfremdung im eigenen Land zu haben, schreibt der Soziologe.

„Diese wird daher nicht selten in den Kontext individueller Ignoranz, wenn nicht gar der Pathologie gerückt“, schreibt er.

Und genau deshalb sind Ängste auch ein Herrschaftsinstrument: „Dass bestimmte Befürchtungen objektiv betrachtet fundierter sind als andere, steht dabei zwar außer Frage. Indem Eliten aber die ‚Überlegenheit‘ ihrer Sorgen kommunizieren und ihren Geltungsbereich universalisieren, inszenieren sie dabei immer auch ihre eigene gesellschaftliche Vorzüglichkeit und festigen zugleich ihre Machtposition. Gerade als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten wir diese Überlegung vor dem Hintergrund des sich intensivierenden Angstdiskurses nicht aus dem Auge verlieren.“

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Universität Bonn; The Sociological Review – doi.org/10.1177/0038026117738924; Nov. 2017



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