Symptome und Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung können in Familien weitergegeben werden

Impulsivität / Exekutivfunktionen, Wahrnehmung von Emotionen im Gesicht, Persönlichkeit und neurologische Entwicklungsphänotypen in Familien mit BPS

16.01.2022 Familienmitglieder von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) weisen Ähnlichkeiten in ihren Gehirnen und Persönlichkeiten auf – und interpretieren sogar einige Gesichtsausdrücke ähnlich laut einer Reihe von Studien von Forschern der Universität Toronto.

Eine der dringlichsten Fragen von Familienangehörigen ist, ob die Störung von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden kann, sagt Studienautor Anthony C. Ruocco, Professor am Fachbereich für psychologische klinische Wissenschaft der U of T Scarborough.

Ruocco wollte herausfinden, welche sozialen und biologischen Faktoren, abgesehen von einer BPS-Diagnose, in Familien vorkommen. Er sagt, dass diese Merkmale Hinweise darauf geben könnten, wie die Störung entsteht und wie man sie verhindern kann.

Andere Diagnosen als BPS bei Verwandten beobachtet

Ruocco fand heraus, dass die Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung auch bei anderen Familienmitgliedern auftreten können, und nicht nur bei denen, die mit der Störung tatsächlich diagnostiziert wurden. So zeigen Verwandte beispielsweise die gleiche Wahrnehmungsneigung von traurigen Gesichtsausdrücken, ein Muster von Schwächen und Stärken bei den Selbstregulationsfähigkeiten und unterschiedliche Gehirnaktivierungsmuster bei der Impulskontrolle.

Ruocco führte seine Untersuchungen im Labor für klinische Neurowissenschaften durch, dessen Leiter er ist. Er verglich 103 Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, 73 biologische Verwandte ersten Grades (Eltern, Geschwister und Kinder) und 99 Personen ohne psychiatrische Vorgeschichte. Die Teilnehmer absolvierten eine Reihe von Tests, darunter Interviews, Fragebogen, Emotionswahrnehmungstests, Problemlösungsaufgaben und Gehirnscans. Die Ergebnisse flossen in vier Arbeiten ein, die zwischen 2019 und 2021 veröffentlicht wurden.

Er stellte fest, dass sowohl Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung als auch ihre Verwandten häufiger Depressionen und Drogensüchte aufwiesen. Die Verwandten erhielten auch ähnliche psychiatrische Diagnosen und zeigten mehr Persönlichkeitsmerkmale, die mit emotionaler Dysregulation und Impulsivität verbunden sind.

Auch wenn die BPS-Diagnose bei Verwandten ersten Grades nicht in vollem Umfang vorkommt, können selbst einige der Symptome ziemlich beeinträchtigend sein, sagt er. Diese Forschung rückt einige der psychischen Problemen in den Mittelpunkt, die viele Verwandte von Menschen mit BPS betreffen.

Angehörige sehen Angst in traurigen Gesichtern

Familien von Menschen mit BPS neigen zu zwischenmenschlichen Konflikten – und Ruocco fragte sich, ob Gesichtsausdrücke (die Mimik) eine Rolle spielen. Mehrere Eltern erzählten ihm von ihren Anstrengungen, keine Emotionen zu zeigen, wenn ihr Kind mit BPS verärgert ist, und dennoch oft die Antwort erhalten: „Warum bist du sauer auf mich?“

Es ist hinlänglich bekannt, dass Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung Gesichtsausdrücke anders interpretieren als Menschen ohne diese Störung, aber Ruocco fand heraus, dass dies auch bei ihren Angehörigen der Fall ist. Wenn ihnen ein trauriger Gesichtsausdruck gezeigt wurde, brauchten Menschen mit BPS und ihre Angehörigen länger, um die Emotion zu entschlüsseln, und beide interpretierten sie eher als ängstlich.

Dieses Muster könnte auf eine erhöhte Sensibilität für Bedrohungssignale in Familien mit Borderline-Persönlichkeitsstörung hindeuten, was zum Beispiel zu Streitigkeiten zwischen Familienmitgliedern führen könnte, sagt er. Es sei wichtig zu verstehen, was wir tun können, um die sozial-emotionale Kommunikation besser auszurichten, damit die Familie besser funktioniert.

Stärken und Schwächen der Impulskontrolle festgestellt

Ein anderer Teil der Forschungsarbeit untersuchte die Impulskontrolle mit Hilfe von bildgebenden Untersuchungen des Gehirns. Die Forscher maßen den Sauerstoffgehalt im vorderen Teil des Gehirns, während den Teilnehmern Bilder gezeigt und sie aufgefordert wurden, bei bestimmten Bildern keine Antwort zu geben.

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung aktivierten ihren präfrontalen Kortex weniger als die Kontrollgruppe ohne psychiatrische Diagnosen, aber Angehörige zeigten eine höhere Gehirnaktivität als beide. Dieses Muster könnte bedeuten, dass Angehörige mehr Hirnressourcen zur Impulskontrolle nutzen oder dass sie ähnliche Ressourcen anders nutzen, um sich selbst zu regulieren.

Ruocco bezeichnet Impulsivität (bzw. die Störung der Impulskontrolle) als das „potenziell gefährlichste Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung“. Rücksichtsloses Fahren, Fressattacken, exzessives Geldausgeben und Drogenmissbrauch sind alles Beispiele für Impulsivität. Sie wird auch mit Selbstverletzungen und Suizid in Verbindung gebracht.

Störung der Exekutivfunktionen

Ruoccos jüngste Arbeit untersuchte, welche kognitiven Fähigkeiten mit Impulsivität und Borderline-Persönlichkeitsstörung in Verbindung stehen. Diese Fähigkeiten sind als Exekutivfunktionen bekannt, d. h. als komplexe Denkfähigkeiten, die dazu dienen, Ziele zu erkennen und die Schritte zu deren Erreichung zu planen.

Menschen mit BPS haben in der Regel größere Probleme mit exekutiven Funktionen, und die Forscher erwarteten, dass ihre Verwandten ähnliche Schwierigkeiten aufweisen würden. Verwandte, die keine psychiatrische Erkrankung hatten, zeigten jedoch sowohl Stärken als auch Schwächen. Diese Verwandten verfügten über eine stärkere Impulskontrolle und abstrakte Denkfähigkeiten, aber auch über weniger effiziente Problemlösungsfähigkeiten. Dies deckt sich mit Berichten, die Ruocco von Eltern gehört hatte.

Menschen, die ein Kind mit Borderline-Persönlichkeitsstörung haben, sagten manchmal zu Ruocco: „Wir müssen in der Lage sein, uns selbst besser zu regulieren, um unser Kind zu regulieren“. Diese Ergebnisse könnten auch die Stärken der Selbstregulation hervorheben, die die Angehörigen von Menschen mit BPS davor schützen könnten, selbst eine psychiatrische Erkrankung zu entwickeln.

© Psylex.de – Quellenangabe: The World Journal of Biological Psychiatry (2021). DOI: 10.1080/15622975.2021.2012396Progress in Neuro-Psychopharmacology and Biological Psychiatry (2020). DOI: 10.1016/j.pnpbp.2020.110115Journal of Personality Disorders (2021). DOI: 10.1521/pedi_2021_35_514Psychological Medicine (2018). DOI: 10.1017/S0033291718002908

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