Wird der freie Wille vom Bereitschaftspotential unterlaufen?

Die Neurowissenschaft hebelt den freien Willen anscheinend doch nicht aus

18.06.2021 Jahrzehntelang haben Forscher darüber debattiert, ob die Entstehung bestimmter elektrischer Aktivitäten im Gehirn darauf hinweist, dass der Mensch nicht aus freiem Willen handeln kann.

In Experimenten zwischen den 1960er und 1980er Jahren wurden Hirnsignale nichtinvasiv gemessen und führten viele Neurowissenschaftler zu der Annahme, dass unsere Gehirne Entscheidungen treffen, bevor wir es tun – dass menschliche Handlungen durch elektrische Wellen ausgelöst werden, die kein freies, bewusstes Denken widerspiegeln.

Ein neuer Artikel in Trends in Cognitive Science argumentiert jedoch, dass die jüngste Forschung dieses Argument gegen den freien Willen untergräbt.

Diese neue Perspektive zu den Daten stellt auf den Kopf, wie bekannte Befunde interpretiert wurden, sagt Adina Roskies, die Helman Family Distinguished Professor und Professorin für Philosophie am Dartmouth College, die den Artikel mitverfasst hat. Die neue Interpretation erklärt die Daten und untergräbt gleichzeitig alle Argumente, die den freien Willen in Frage stellen.

Argumente, die den freien Willen in Frage stellen

Die Debatte über den freien Willen dreht sich hauptsächlich um Forschungen aus den 1980er Jahren, die Elektroenzephalogramme zur Untersuchung der Gehirnaktivität verwendeten. Die EEG-basierte Forschung maß, wann sich elektrische Signale im Gehirn aufzubauen beginnen, im Verhältnis zu dem Zeitpunkt, an dem sich eine Person ihres Wunsches, eine Bewegung auszuführen, bewusst ist. Die gemittelten Daten beschrieben eine Zunahme vor der Bewegung, die als „Bereitschaftspotential“ oder „BP“ bekannt wurde.

Die in den 1980er Jahren von dem Neurophysiologen Benjamin Libet durchgeführten Forschungen gingen davon aus, dass, wenn das Bereitschaftspotenzial vor dem bewussten Gedanken an eine Bewegung auftritt, der freie Wille weder für den Aufbau der elektrischen Signale noch für die anschließende Bewegung verantwortlich sein kann.

Nach Ansicht des Forschungsteams basierte dieser Teil von Libets Logik auf einer Prämisse, die wahrscheinlich falsch ist.

Falsche Prämisse

Weil das gemittelte Bereitschaftspotenzial zuverlässig einer willentlichen Bewegung vorausgeht, nahm man an, dass es einen Prozess widerspiegelt, der speziell auf die Erzeugung dieser Bewegung ausgerichtet ist. Wie sich herausstellt, und wie unser Modell gezeigt hat, ist das nicht unbedingt der Fall, sagte Aaron Schurger, ein Assistenzprofessor für Psychologie an der Chapman University, der den Artikel mitverfasst hat.

Der Artikel hebt neue Forschungsergebnisse hervor, die Computermodelle verwenden und darauf hinweisen, dass die Standardinterpretation des Bereitschaftspotenzials neu bewertet werden sollte, insbesondere im Hinblick auf seine Relevanz für die Frage des freien Willens.

Das Bereitschaftspotenzial und die Entscheidung

Die Studie verweist auf Befunde, die nahelegen, dass das Bereitschaftspotenzial – der elektrische Aktivitätsaufbau vor einer Bewegung – die neuronale Aktivität widerspiegelt, die der Bildung einer Entscheidung zur Bewegung zugrundeliegt, und nicht das Ergebnis einer Entscheidung zur Bewegung.

Diese neuen Berechnungsmodelle erklären den gleichbleibenden Befund des Bereitschaftspotentials, ohne so etwas wie ein BP in einzelnen Versuchen zu postulieren. Das Bereitschaftspotenzial selbst ist eine Art Artefakt oder eine Illusion, von der man erwarten würde, dass sie so auftritt, wie sie es angesichts des experimentellen Designs tut, aber sie spiegelt kein reales Gehirnsignal wider, das mit dem Beginn der BP beginnt oder von anderen Bereichen ausgelesen wird, so Roskies.

Signale im Gehirn

Der Artikel weist auch auf mehrere Bedenken gegenüber der Idee hin, dass das Bereitschaftspotenzial den Menschen zum Handeln veranlasst: die Schwierigkeit, das Bereitschaftspotenzial von anderen elektrischen Signalen im Gehirn zu unterscheiden; das Vorhandensein eines Bereitschaftspotenzials, wenn die Aufgaben keine motorische Aktivität beinhalten; und das „Rauschen“ in den Analysen, das es schwierig macht, zu bestätigen, ob das Bereitschaftspotenzial immer Bewegung voraussagt.

Falsch-positive Ergebnisse, bei denen das Bereitschaftspotenzial zwar beobachtet wird, aber keine Bewegung auslöst, und Unstimmigkeiten bei der Zeitspanne zwischen dem Aufbau der Gehirnwellen und der Bewegung erschweren ebenfalls das Verständnis des Zusammenhangs zwischen der elektrischen Aktivität im Gehirn und dem freien Willen.

Schließlich betont der Artikel die philosophischen Aspekte des Versuchs, das Problem des freien Willens mit Hirndaten anzugehen.

© psylex.de – Quellenangabe: Dartmouth CollegeDOI:https://doi.org/10.1016/j.tics.2021.04.001

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