Autismus: Überdenken der schnellen und langsamen mentalen Verarbeitung

Studie findet grundlegende Ähnlichkeiten zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen bei der mentalen Verarbeitung

01.04.2022 Die im Vorfeld des Welt-Autismus-Tages (Samstag, 2. April) veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass es bei der mentalen Verarbeitung grundlegende Ähnlichkeiten zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gibt.

Schnelles und langsameres Denken

Das Gehirn verarbeitet laut den Autoren Informationen mit zwei Systemen: System 1 für schnellere intuitive Urteile und System 2 für langsameres rationales Denken. Es wird angenommen, dass diese Systeme bei Autisten anders funktionieren, was die Ursache für die Schwierigkeiten ist, die sie im Alltag und am Arbeitsplatz haben können.

Eine Studie der Universitäten Bath, Cardiff, Manchester und des King’s College London zeigt jedoch, dass diese grundlegenden psychologischen Systeme bei autistischen Menschen nicht beeinträchtigt sind, wie bisher angenommen. In der größten Studie ihrer Art, an der über 1000 Personen teilnahmen, untersuchten die Forscher den Zusammenhang zwischen Autismus und „schnellem“ intuitiven und „langsamem“ rationalen Denken.

Autisten denken genauso schnell und rational wie Nicht-Autisten

In drei Experimenten analysierten sie den Zusammenhang zwischen autistischen Persönlichkeitsmerkmalen und dem Denkstil. Im vierten Experiment verglichen sie 200 autistische und über 200 nicht-autistische Menschen. Insgesamt zeigten ihre Ergebnisse, dass Autisten genauso schnell und rational denken wie Nicht-Autisten.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass bestimmte grundlegende mentale Prozesse bei autistischen und nicht-autistischen Menschen ähnlicher sind als bisher angenommen. In Anbetracht dieser Ergebnisse fordern sie ein Umdenken in der Gesellschaft, die Autismus als eine mentale Verarbeitungsstörung betrachtet.

Es könnte auch wichtig sein, die pädagogische, klinische und betriebliche Unterstützung für autistische Menschen und ihre Familien neu zu gestalten. Die Unterstützung sollte viel gezielter sein, anstatt davon auszugehen, dass alle Autisten mentale Verarbeitungsschwierigkeiten haben, sagen die Forscher.

Veränderung des sozialen und sensorischen Umfelds

Die Forderung nach „angemessenen Anpassungen“ in Bildungs- und Wirtschaftsorganisationen, die durch das Gleichstellungsgesetz untermauert wird, wie z. B. die Gewährung von zusätzlicher Zeit bei Prüfungen und die Verlängerung von Fristen, sei keine evidenzbasierte Methode zur Unterstützung neurodiverser Menschen.

Stattdessen sind möglicherweise grundlegendere Änderungen erforderlich, wie z. B. die Veränderung des sozialen und sensorischen Umfelds, um es für autistische Menschen gerechter zu machen und ihnen ein besseres Gedeihen zu ermöglichen.

Dr. Punit Shah, assoziierter Professor für Psychologie an der Universität von Bath und dem GW4 Neurodevelopmental Neurodiversity Network, erklärte: „Es gibt eine Tradition der Untersuchung von psychischen Problemen bei Autismus. Dies kann zwar für die Entwicklung klinischer Interventionen wichtig sein, aber es besteht auch die Notwendigkeit, psychologische Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Gruppen zu verstehen. Die aktuelle Arbeit zeige, dass Autisten und Nicht-Autisten oft mehr verbindet als trennt.

© Psylex.de – Quellenangabe: Journal of Psychopathology and Clinical Science, 2022; DOI: 10.1037/abn0000734




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