‚Optimism bias‘: Tragen Menschen wirklich eine „rosarote Brille“?

Optimismus, wo es keinen gibt: Asymmetrische Aktualisierung von Überzeugungen bei wertneutralen Lebensereignissen

01.11.2021 Eine neue Studie lässt Zweifel an der Behauptung aufkommen, dass die Menschen „optimistisch“ in die Zukunft blicken (eine ‚rosarote Brille‘ aufsetzen) – eine Tendenz, die zu Finanzkrisen, mangelnder Gesundheitsvorsorge oder Untätigkeit beim Klimawandel beitragen soll.

Optimism bias

Seit Jahrzehnten gehen Wissenschaftler davon aus, dass Menschen eine „irrationale optimistische Tendenz“ (optimism bias) haben – sie sehen zu sehr die positive Seite und unterschätzen die Wahrscheinlichkeit negativer Erfahrungen, während sie die Chancen positiver Ereignisse überschätzen.

Diese überoptimistische Tendenz wird von vielen Regierungen bei der Planung großer Infrastrukturprojekte berücksichtigt.

„Falsch-positive“ Ergebnisse in früheren Studien

Eine neue Studie von Forschern der University of Bath, UCL und Birkbeck, University of London, zeigt jedoch Mängel bei diesen psychologischen Forschungsarbeiten auf, die das Vorhandensein einer optimistischen Tendenz belegen.

Den Autoren zufolge haben frühere Studien „falsch-positive“ Ergebnisse hervorgebracht – Datenmuster, die den Anschein erwecken, dass die Menschen zu optimistisch sind, obwohl eine solche Voreingenommenheit nicht existiert.

Neue Experimente mit ‚Update method‘

Die Forscher führten mehrere Experimente mit einer Methode durch, die in der bisherigen Optimismusforschung weithin akzeptiert wurde. Bei dieser Methode, die als „Aktualisierungsmethode“ (Update method) bekannt ist, schätzen die Teilnehmer ihre Wahrscheinlichkeit ein, ein Lebensereignis zu erleben, und schätzen sie dann erneut ein, nachdem sie die tatsächliche Wahrscheinlichkeit einer Durchschnittsperson, dieses Ereignis zu erleben, erfahren haben.

In der Regel wurde dies bei negativen Lebensereignissen wie einer Krankheit oder einer Scheidung durchgeführt – schlechte Nachrichten, die eine starke emotionale Reaktion hervorrufen würden.

In der neuen in der Fachzeitschrift Cognition veröffentlichten Studie testeten die Forscher dieselbe „Aktualisierungsmethode“, entfernten jedoch das emotionale Element und verwendeten neutrale Beispiele, wie z. B. die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass das nächste vorbeifahrende Auto die Farbe Schwarz hat.

Obwohl sie die Beispiele änderten und die emotionalen Elemente entfernten, wurde das gleiche optimistische Muster beobachtet, was die Forscher dazu veranlasste, die Gültigkeit der Methoden in Frage zu stellen, die in der Forschung verwendet werden, um eine optimistische Tendenz zu beweisen.

‚Optimistische‘ Aktualisierung von Überzeugungen, wo Optimismus nicht möglich ist

Der leitende Forscher Jason Burton von der Universität Birkbeck sagte: Die Experimente zeigen, dass die üblicherweise verwendete Methode zum Nachweis eines solchen Optimismus fehlerhaft ist und zu einer ‚optimistischen‘ Aktualisierung von Überzeugungen führt, wo Optimismus nicht möglich ist. Das soll nicht heißen, dass Optimismus in der realen Welt nicht existieren kann, sondern dass neue, verbesserte Methoden erforderlich sind. Im Wesentlichen liefern die derzeitigen Methoden falsch positive Ergebnisse.

Co-Forscher Punit Shah vom Fachbereich Psychologie in Bath sagte: Es gibt natürlich Belege für Optimismus in bestimmten Situationen, aber das heißt nicht, dass Menschen generell optimistisch sind. Forscher und politische Entscheidungsträger haben auf der Grundlage der Idee des Optimismus-Bias Karriere gemacht, aber es ist an der Zeit, die Belege für dieses psychologische Phänomen zu überdenken.

„Optimism bias“ wird immer wieder eingesetzt, um große Regierungsprojekte zu leiten, scheinbar um Prognosen über die zeitlichen und finanziellen Kosten eines Projekts zu steuern. Die neuesten Forschungsergebnisse, die auf unseren früheren Untersuchungen aufbauen, sprechen sich für eine erneute Untersuchung von Optimismus-Voreingenommenheit aus, bevor sie die Politik weiter lenkt.

© Psylex.de – Quellenangabe: Cognition, 2022; 218: 104939 DOI: 10.1016/j.cognition.2021.104939

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