Wahre Lügen (Psychologie)

Wahre Lügen

Allgemeine Psychologie

Wahre Lügen werden besonders verabscheut

15.12.2016 Jemanden durch das Erzählen der Wahrheit zu täuschen, wird von unseren Politikern und in Verkaufsverhandlungen oft und gerne praktiziert. Eine im Journal of Personality and Social veröffentlichte Studie zeigt, dass diese Lügen der Reputation besonders schaden können.

Paltering

Im Englischen gibt es dafür einen Namen: paltering (dt.: mit jemandem sein Spiel treiben; schachern; gemein handeln); im Deutschen trifft es vielleicht ein Mix aus verschiedenen Redensarten: ‚In die Irre führen‘; ‚Jemanden übers Ohr hauen‘; ‚Jemanden etwas weismachen wollen‘; ‚Jemanden für dumm verkaufen wollen‘.

Bis heute hat sich die Forschung in erster Linie auf zwei Typen des bewussten Lügens konzentriert: das Lügen durch die aktive Nutzung falscher Angaben – und das Lügen durch Weglassung relevanter Informationen, sagte der Studienautor Dr. Todd Rogers vom Fachbereich für Psychologie der Universität Harvard.

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Bild: Gerd Altmann

Mit dieser Studie wollten die Forscher etwas Neues zur Lügenforschung beitragen, indem sie eine dritte und häufige Form der Lüge identifizierten. Sie erzählt keine falschen Fakten oder lässt Informationen aus, sie macht absichtlich wahrheitsgemäße und richtige Aussagen, um einen falschen Eindruck zu schaffen.

Irreführung durch Politiker

Paltering wird sehr häufig von Politikern eingesetzt, sagte Rogers. Politiker lügen auf diese Weise, wenn ihnen die ehrliche Antwort auf eine Frage schaden könnte, sagte der Psychologe. Wenn Politikern Fragen gestellt werden, die sie nicht hören wollen, konzentrieren sie sich häufig darauf ehrliche Erklärungen abzugeben, und versuchen, die Zuhörer in die Irre zu führen.

Ein berühmtes von Rogers zitiertes Beispiel ist die Aussage vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, dass „es keine sexuelle Beziehung gibt“ zwischen ihm und seiner ehemalige Praktikantin im Weißen Haus Monica Lewinski. Die Starr-Kommission entdeckte später, dass es eine sexuelle Beziehung gegeben hatte, aber sie hatte wenige Monate geendet, bevor Clinton diese Erklärung abgab – diese war damit technisch / zeitlich wahr, aber klar irreführend.

Rogers und seine Kollegen führten zwei Pilotstudien und sechs Experimente mit mehr als 1.750 Teilnehmern durch.

Häufige Form des Lügens

Die erste Pilotstudie bestätigte, dass Menschen im Allgemeinen ‚paltering‘ als eine andere, dritte Form der Täuschung wahrnahmen. In der zweiten Vorstudie stellte sich heraus, dass diese Art zu lügen auch eine weit verbreitete Form der Täuschung ist (über 50% der befragten Unternehmensmanager eines Seminars für fortgeschrittene Verhandlungen an der Harvard Business School gaben zu, dass sie schon mal bewusst in einer oder mehreren Verhandlungen wahrheitsgemäß gelogen hatten).

In den Experimenten entdeckten die Forscher, dass die Lügner lieber wahre Lügen als falsche Tatsachen erzählten, doch die Konsequenzen – wenn sie des Lügens überführt werden – können genauso hart sein.

Während ‚wahre Lügner‘ ihre Aussagen für ethischer hielten, weil sie im Wesentlichen die Wahrheit sagten, wurden sie – als die Wahrheit aufgedeckt wurde – von ihren Gegenspielern härter verurteilt, als wenn sie falsche Tatsachen benutzt hätten.

Fehlerhaftes mentales Modell

Wenn Menschen entdecken, dass ein zukünftiger Verhandlungspartner eine wahre Lüge erzählt hat, werden sie ihm/ihr mit geringerer Wahrscheinlichkeit zukünftig glauben, und eher nicht mehr mit dieser Person verhandeln, sagte Rogers.

Rogers nimmt an, dass diese Menschen gerne wahre Lügen erzählen, weil sie ein fehlerhaftes Denkschema besitzen. Sie glauben, ‚paltering‘ wäre in Ordnung, weil sie die Wahrheit sagen, doch ihre Zuhörer sehen die Lüge darin.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Harvard Universität, Journal of Personality and Social – DOI: 10.1037/pspi0000081; Dez. 2016

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