Ich-Entwicklung (Psychologie)

Ich-Entwicklung (Psychologie)

Persönlichkeitspsychologie – Entwicklungspsychologie

Stadien höherer Ego-Entwicklung: Wenn Alleinsein als positive Ressource empfunden wird

Wer das Alleinsein nicht genießen kann, ist in seiner Persönlichkeitsentwicklung noch nicht so weit.

04.07.2018 Laut einer im Fachblatt Cultural-Historical Psychology veröffentlichten Studie ist Persönlichkeitsentwicklung (die „Ich-Entwicklung“, im Englischem ego development: „Ego-Entwicklung“) mit einer positiven Akzeptanz des Alleinseins (Solitude) verbunden.

Alleinsein im Gegensatz zur Einsamkeit

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Bild: Manfred Antranias Zimmer

Alleinsein sollte nicht mit sozialer Isolation oder Einsamkeit (bzw. Einsamkeitsgefühlen) verwechselt werden; dies sind zwei verschiedene psychologische Konzepte.

Einsamkeit ist definiert als eine schmerzhafte Erfahrung, die mit einem Mangel an enger, vertrauensvoller Verbindung oder Kommunikation mit anderen Menschen verbunden ist.

Alleinsein oder Solitude ist die Situation, eine Weile allein zu bleiben, was nicht unbedingt bedeutet, unter Einsamkeitsgefühlen zu leiden.

Allein zu sein kann bedeuten, die eigene Zeit produktiv zu nutzen, z.B. indem man sich kreativ beschäftigt oder sich selbst entdeckt und psychisch wohlfühlt.

Alleinsein als positives psychologisches Konzept

Laut den Studienautoren Ishanov S.A. und Evgeny Osin vom Fachbereich Psychologie der National Research University – Higher School of Economics, Moskau begann die empirische Forschung vor etwa 15 oder 20 Jahren die beiden Konzepte zu unterscheiden; zuvor hatte die Psychologie das Alleinsein nur als negatives Phänomen untersucht.

Während viele Philosophen und Psychotherapeuten argumentiert hatten, dass allein sein vorteilhaft sein könnte, hatte diese Idee eine Weile gebraucht, bevor sie in der psychologischen Forschung behandelt wurde.

Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger

Die Persönlichkeitsentwicklung (Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger) – verstanden als Reifegrad und Flexibilität der Selbstregulationsmechanismen – scheint zu bestimmen, ob Alleinsein als positive Erfahrung wahrgenommen wird oder nicht.

Eine reife Persönlichkeit akzeptiert die Komplexität der Welt, ohne sie zu vereinfachen, und nutzt flexible und kreative Strategien, um mit der eigenen äußeren und inneren Welt umzugehen.

Die Persönlichkeitsentwicklung ist mit der Fähigkeit verbunden, sich an unterschiedliche Gegebenheiten anzupassen, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und persönliche Entscheidungen zu treffen, anstatt sozialen Mustern oder angeborenen Eigenschaften zu folgen, so Osin.

Um diese Eigenschaft zu messen, verwendeten die Psychologen Jane Loevingers Theorie der Ego-Entwicklung. Loevinger schlug acht Stufen des Ego in der Entwicklung vor, von impulsiv bis integriert.

Loevingers Stadien der Ich-Entwicklung:

  • E1 – Symbiotisches, präsoziales und präverbales Stadium, das nicht diagnostiziert wird;
  • E2 – Impulsiv;
  • E3 – Selbstschutz bzw. Selbstorientierte Stufe;
  • E4 – Konformist bzw. Gemeinschaftsbestimmte Stufe;
  • E5 – Selbstbewusst bzw. Rationalistische Stufe;
  • E6 – Gewissenhaft bzw. Eigenbestimmte Stufe;
  • E7 – Individualistisch bzw. Relativierende Stufe (Das individualistische Ego zeigt eine weitsichtige Toleranz und Achtung vor der Autonomie seiner selbst und der von anderen. Mit einer neuen Distanzierung von Rollenidentitäten beginnt der ‚Moralismus durch ein Bewusstsein für innere Konflikte‘ ersetzt zu werden, während die neue Phase auch „von einem erhöhten Gefühl der Individualität und der Sorge um emotionale Abhängigkeit geprägt ist“. Subjektive Erfahrung steht der objektiven Realität, innere Realität der äußeren Erscheinung gegenüber; und ‚lebendige und persönliche Versionen von Ideen, die als Klischees auf niedrigeren Ebenen präsentiert werden‘, können entstehen.

    Ein wachsendes Interesse an psychologischer Kausalität und Entwicklung geht typischerweise Hand in Hand mit „größerer Komplexität in den Konzepten der zwischenmenschlichen Interaktion“ einher.);

  • E8 – Autonom oder Systemische Stufe (Befreiung des Menschen von bedrückenden Gewissensforderungen der vorhergehenden Phase. Die Menschen in dieser Phase sind „Synthesizer“ und in der Lage, Ideen konzeptionell zu integrieren. Die autonome Person erkennt auch die Grenzen der Autonomie, dass emotionale Interdependenz unvermeidlich ist. Die Stufe könnte auch eine Konfrontation mit den Grenzen der Fähigkeiten und Rollen als Teil der Vertiefung der Selbstakzeptanz sehen.);
  • E9 – Integriert (Im integrierten Stadium wird „Lernen als unvermeidlich verstanden….das Unerreichbare wird aufgegeben“. Das Ego zeigt Weisheit, breites Einfühlungsvermögen für sich selbst und andere und die Fähigkeit, innere Konflikte wie das individualistische Ego nicht nur wahrzunehmen oder innere Konflikte wie das autonome Ego zu tolerieren, sondern sich mit diesen Fragen zu versöhnen und Frieden zu schließen.)
  • E10 – Fließende Stufe (wurde nachträglich vorgeschlagen)

Die früheste Impulsphase der Entwicklung ist mit einem egozentrischen Weltbild und dem ausschließlichen Handeln auf innere Impulse verbunden.

Als nächstes kommt die Phase des Selbstschutzes, in der das eigene Handeln hauptsächlich von der Suche nach Belohnungen und der Vermeidung von Strafen bestimmt wird.

In der konformistischen Phase folgt man den Regeln der Gruppe.

Außerdem lernt man in der Phase des Selbstbewusstseins, sich selbst von der Gruppe zu unterscheiden und seine eigenen einzigartigen Eigenschaften zu schätzen.

Auf der gewissenhaften Stufe wird man von bewusst gewählten Zielen und Ideen getrieben und entwickelt ein neues Verantwortungsbewusstsein.

Allmählich, in einem günstigen Umfeld und mit einer gewissen Anstrengung, erreicht eine Person die folgenden Stufen, die mit einem besseren Verständnis der eigenen inneren Komplexität und der Vielfalt der Welt verbunden sind, und indem sie lernt, auf diese Faktoren zu reagieren.

Die Studie

Um das Stadium der Ich-Entwicklung sowie die subjektive Erfahrung des Alleinseins zu beurteilen, wurden die Befragten gebeten, einen anonymen Online-Fragebogen auszufüllen, der aus verschiedenen Aufgaben bestand. Im letzten Teil der Umfrage wurden die Befragten gebeten, einige Fragen zu beantworten, insbesondere zu beschreiben, was sie normalerweise tun und was sie fühlen, wenn sie allein sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen in fortgeschrittenen Stadien der Ich-Entwicklung dazu neigten, das Alleinsein als eine wertvolle Ressource zu betrachten, die kreativ genutzt und mit einer Vielzahl von Aktivitäten gefüllt werden kann.

Umgekehrt, je früher das Stadium der Ego-Entwicklung, desto unwahrscheinlicher war es für einen Befragten, das Alleinsein zu genießen.

Diese Menschen versuchten eher es zu vermeiden allein zu sein, indem sie sich die ganze Zeit unter Menschen begaben, schreiben die Psychologen.

Was das Gefühl der Einsamkeit betrifft, so fanden die Forscher keinen Zusammenhang mit der Persönlichkeitsentwicklung; ein Mangel an persönlicher Bindung kann unabhängig vom Entwicklungsstadium des Egos als mehr oder weniger negativ empfunden werden.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Cultural-Historical Psychology http://dx.doi.org/10.17759/chp.2018140104

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