„Rauschen“ im Gehirn liefert möglicherweise Hinweise zur Wirksamkeit psychiatrischer Behandlungen

Studie: Die Schwankungen der Hirnaktivität von einem Moment zum anderen sagt zuverlässig das Ergebnis einer psychiatrischen Behandlung voraus

18.10.2021 Es ist nach wie vor eine zentrale Herausforderung in der Psychiatrie, zuverlässig zu beurteilen, ob ein Patient auf eine Behandlung anspricht.

In einer neuen in der Fachzeitschrift Biological Psychiatry veröffentlichten Studie zeigen Forscher des Karolinska Institutet in Schweden und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Deutschland, dass Schwankungen der Hirnaktivität von einem Moment zum anderen zuverlässig vorhersagen können, ob Patienten mit sozialer Angststörung (sozialer Phobie) auf eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ansprechen werden.

Brauchbare Vorhersagen über das Ansprechen auf eine psychiatrische Behandlung werden oft gesucht, sind aber nicht zu finden. Bildgebende Verfahren des Gehirns wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) haben sich als vielversprechend erwiesen, aber die geringe Zuverlässigkeit hat den Nutzen typischer fMRT-Messungen als Hinweise auf einen Behandlungserfolg eingeschränkt.

Obwohl sie in der Vergangenheit als Marker für „Rauschen“ im Gehirn angesehen wurde, gewinnt die Variabilität der Hirnsignale von einem Moment zum anderen als empfindlicher und zuverlässiger Indikator für individuelle Unterschiede in der Effektivität der neuronalen Funktion zunehmend an Bedeutung. Die neuronale Variabilität wurde jedoch noch nicht in Bezug auf psychiatrische Behandlungsergebnisse untersucht.

Stärkster und zuverlässigster Vorhersagewert

Zu diesem Zweck konzipierte das Forscherteam eine einzigartige Studie: Bei 45 Patienten mit sozialer Angststörung (Phobie) wurden die Gehirne in zwei Sitzungen (im Abstand von 11 Wochen) in passiver Ruhe und bei der Betrachtung emotionaler Gesichter (einer für die soziale Angst relevanten Aufgabe) abgebildet, um die neuronale Variabilität von einem Moment zum anderen zu erfassen. Anschließend nahmen die Patienten an einer 9-wöchigen kognitiven Verhaltenstherapie teil, die über das Internet durchgeführt wurde.

Die Forscher zeigten, dass die während der emotionalen Aufgabe gemessene Hirnsignalvariabilität der stärkste und zuverlässigste Prädiktor für das Behandlungsergebnis war, obwohl die Patienten nur drei Minuten für die Aufgabe benötigten.

Die Variabilität von Hirnsignalen wird oft als Mess-‚Rauschen‘ betrachtet, als etwas, das vor einer weiteren Analyse eliminiert werden muss. Die Ergebnisse zeigen erste Hinweise darauf, dass die neuronale Variabilität ein zuverlässiger und effizienter Prädiktor für psychiatrische Behandlungsergebnisse sein kann, insbesondere wenn störungsrelevante Aufgabenstellungen verwendet werden.

Wir müssen einfach unsere Standardansätze in der psychiatrischen Neurobildgebung überdenken, um die klinische Wirkung zu maximieren, sagt der Hauptautor Dr. Kristoffer Månsson, klinischer Psychologe und Forscher am Department of Clinical Neuroscience, Karolinska Institutet.

In der nächsten Phase ihrer Forschung werden die Autoren anhand größerer Stichproben untersuchen, ob die Variabilität der Gehirnsignale vorhersagen kann, welcher spezifischen Behandlung sich ein Patient unterziehen sollte.

Maßgeschneiderte Behandlung

Wenn die neuronale Variabilität von einem Moment zum anderen als klinisch nützlicher Prädiktor für den Behandlungserfolg taugen soll, muss sie den Ärzten nicht nur sagen, wie stark ein Patient auf eine bestimmte Behandlung ansprechen wird, sondern auch, ob Behandlung A oder B für ihn besser geeignet ist. Dies herauszufinden ist das langfristige Ziel.

In der Zwischenzeit stehen ihre Methoden allen Forschern, die an der Frage interessiert sind, ob die neuronale Variabilität bei Patienten mit sozialer Angststörung und darüber hinaus einen klinischen Nutzen bietet, sofort und offen zur Verfügung, sagt der Hauptautor Dr. Douglas Garrett, Leiter der Lifespan Neural Dynamics Group am Max Planck UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research in Berlin.

© Psylex.de – Quellenangabe: Biological Psychiatry (2021). DOI: 10.1016/j.biopsych.2021.09.026




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