Neue Behandlungsmöglichkeit?
15.03.2014 Oxytocin, auch als ‚Kuschelhormon‘ oder ‚Liebeshormon‘ bekannt, könnte eine neue Behandlungoption für magersüchtige Menschen (also Patienten mit Anorexia nervosa) sein laut einer neuen Studie.
Soziale Isolation
Die Studie britischer und koreanischer Wissenschaftler fand heraus, dass Oxytocin die starke Fixierung von Anorexie-Patienten auf Bilder von Nahrungsmitteln mit hohen Kalorienwerten und dicken Körperformen verändern kann. Die Befunde folgten damit einer früheren Studie mit denselben Teilnehmern, die zeigte, dass Oxytocin die Reaktionen der Patientinnen mit Magersucht auf wütende und angeekelte Gesichter verändern konnte.
Professor Janet Treasure vom King’s College London’s Institute of Psychiatry und Autorin der Studie sagte:
„Patienten mit Anorexie haben viele soziale Probleme, die oft im Jugenalter vor der Krankheit beginnen. Diese sozialen Probleme können zu einer Isolierung führen, und dies ist wichtig, wenn man den Beginn und den Fortbestand der Anorexie verstehen will. Durch Einsatz von Oxytocin als eine potentielle Behandlung bei Anorexie konzentrieren wir uns auf einige dieser zugrunde liegenden Probleme, die wir bei diesen Patienten sehen.“
Fixierung auf Fettmacher, dicke Körper und ablehnende Gesichter
In der ersten Studie wurde vorwiegend weiblichen Patienten (31 mit Anorexie und 33 gesunden Teilnehmern) Oxytocin bzw. ein Placebo gegeben. Die TeilnehmerInnen sollten sich dann Bilder ansehen, auf denen Nahrungsmittel mit hohen und niedrigen Kalorienwerten, dünne und dicke Körperformen und Gewichtsskalen zu sehen waren. Der Test wurde vor und nach der Gabe von Oxytocin oder des Placebos gemacht.
Nach der Einnahme von Oxytocin reduzierte sich der Fokus (bzw. die Aufmerksamkeitsverzerrung) der Patienten mit Anorexie auf die Abbildungen von fetter Nahrung und dicken Körperformen. Die Wirkung des Oxytocins war besonders stark bei den anorektischen Patienten, die größere Kommunikationsprobleme hatten.
Aufmerksamkeitsverzerrung
In der zweiten Studie wurden die Reaktionen der Teilnehmer auf Gesichtsausdrücke wie Ärger, Ekel oder Freude untersucht. Nach der Einnahme von Oxytocin zeigten die Patienten mit Anorexie eine verringerte Aufmerksamkeitsverzerrung hinsichtlich der ‚Ekel‘-Gesichter (waren weniger auf sie fokussiert). Sie zeigten auch weniger wahrscheinlich Vermeidungsverhalten bezüglich der verärgerten Gesichter.
Prof. Youl-Ri Kim von der Inje Universität in Seoul und Leiterin der Studien sagte:
„Unsere Forschung zeigt, dass Oxytocin die unbewussten Tendenzen der Patienten mit Magersucht reduziert, sich auf Nahrung, Körperform und negative Emotionen – wie Ekel – zu konzentrieren. Es gibt gegenwärtig einen Mangel an wirkungsvollen pharmakologischen Behandlungsformen für Anorexie. Unsere Forschung fügt der wachsenden Literatur über Oxytocinbehandlungen einen wichtigen Beleg für psychische Störungen hinzu und könnte auf eine bahnbrechende Behandlungsoption für anorektische Patienten hinweisen.“
Quelle: Psychoneuroendocrinology/PLOS ONE – King’s College London/Inje Universität, März 2014
Niedrige Oxytocin-Werte gebunden an eine beeinträchtigte soziale Emotionalität (Gefühlsarmut)
14.12.2017 Ein niedriger Oxytocinspiegel steht im Zusammenhang mit einem Mangel an Emotionalität bei Frauen mit einer vorherigen Anorexia nervosa laut einer im International Journal of Eating Disorders veröffentlichten Studie.
Dr. Cindy Schmelkin vom Massachusetts General Hospital in Boston und Kollegen untersuchten die Nüchtern-Serum-Oxytocin-Werte bei 79 Frauen
- 19 Anorektikerinnen mit weniger als 85 Prozent des idealen Körpergewichts (IBW),
- 26 vorherig magersüchtige Frauen mit 90 bis 120 Prozent IBW, und
- 34 ohne aktuelle oder vorherige Essstörung mit 90 bis 120 Prozent IBW.
Alexithymie (Gefühlsarmut)
Die Forscher fanden heraus, dass die meisten Werte zu den sozial-emotionalen Funktionen eine Beeinträchtigung bei Frauen mit Anorexie oder einer Vorgeschichte von Magersucht zeigten – im Gegensatz zu Frauen ohne Essstörung.
Bei denjenigen mit einer vorherigen Anorexia nervosa waren die Oxytocinwerte niedrig, verglichen mit Frauen ohne Erkrankung in der Vorgeschichte.
Niedrige Oxytocin-Werte waren mit Problemen, Gefühle zu identifizieren (P = 0,008) und mit einer allgemeinen Alexithymie (P = 0,0489) über alle Gruppen hinweg verbunden.
Die Wissenschaftler vermuten, dass niedrige Oxytocinwerte zu Alexithymie bei Frauen mit Anorexie-Diagnose beitragen können, schreiben die Autoren.
© PSYLEX.de – Quellenangabe: Massachusetts General Hospital; International Journal of Eating Disorders – DOI: 10.1002/eat.22784; Dez. 2017
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