Gewalt und psychische Störungen, Erkrankungen

Klinische Psychologie – psychische Krankheitsbilder

Gewalt und psychische Störungen, Erkrankungen





Studie identifiziert Faktoren, die Gewalt und psychische Krankheiten verbinden

06.01.2017 Eine in Psychological Medicine veröffentlichte Studie der Universitäten North Carolina State, Arizona State und Duke fand einige Faktoren heraus, die das Risiko für Personen mit psychischen Erkrankungen beeinflussen, Opfer von Gewalttätigkeiten zu werden … oder auch Gewalt auszuüben.

Die Arbeit baute auf einer früheren Studie auf, nach der fast ein Drittel der psychisch erkrankten Erwachsenen innerhalb eines sechsmonatigen Beobachtungszeitraums Opfer von Gewalt wurden, sagte Studienautor Richard Van Dorn vom Fachbereich für Psychiatrie.

Opfer und Täter

In der Studie fokussierten sich die Forscher auf zwei grundsätzliche Fragen:

  • Wenn jemand Opfer wird, steigt damit das Risiko, dass er oder sie auch gewalttätig wird?
  • Und wenn jemand gewalttätig ist, wird er oder sie mit größerer Wahrscheinlichkeit auch Opfer?

Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja, sagte Van Dorn.

Für die Studie analysierten die Wissenschaftler die Daten von 3.473 Erwachsenen mit psychischen Störungen, die Auskunft zu ihren Erfahrungen mit Gewalt gaben.

Die Datenbank setzte sich aus vier früheren Studien zusammen, die sich auf verschiedene Themen konzentrierten: von antipsychotischen Medikamenten bis zu Behandlungsansätzen. Alle hatten verschiedene Forschungsziele, untersuchten aber mit denselben Fragen Gewalt und Viktimisierung.

Für die neue Studie analysierten die Forscher eine Bewertung der psychischen Gesundheit und der Gewalt-Historie zur Baseline, und erfassten dann die Daten aller Teilnehmer bis zu 36 Monaten.

Insbesondere bewerteten sie Obdachlosigkeit, stationäre psychiatrische Behandlung, psychische Symptome der Krankheiten, Drogenkonsum, und ob die Teilnehmer Opfer oder Täter von Gewalt waren.

Die Forscher merkten an, dass sie alle diese Faktoren sowohl als Indikatoren als auch als Ergebnisse bewerteten – d. h., sowohl die Ursachen als auch die Auswirkungen analysierten.

Alle Indikatoren waren von Bedeutung, aber unterschiedlich häufig, sagte Koautorin Sarah Desmarais, außerordentliche Professorin der Psychologie.

Faktoren

Zum Beispiel war Drogenkonsum ein Hauptindikator, für begangene Gewalttaten, während Alkoholkonsum ein Hauptindikator für die Viktimisierung war – ein Opfer von Gewalt zu werden.

Alle psychiatrischen Symptomcluster – affektive, positive, negative, desorganisierte kognitive Prozesse – erhöhten die Wahrscheinlichkeit des Erlebens mindestens eines nachfolgenden Symptomclusters.

Doch auch eine bestimmte Kategorie von psychischen Symptomen war deutlich mit Gewalt verknüpft: Affektive Symptome.

Affektive Symptome

Angst, depressive Symptome und eine schlechte Impulskontrolle: Je ausgeprägter die affektiven Symptome waren, desto wahrscheinlicher waren die Teilnehmer gewalttätig oder Opfer von Gewalt, sagte die Psychologin.

Das ist besonders wichtig, weil es bereits gute Möglichkeiten zur Behandlung gibt, sagte sie. Und durch die Behandlung dieser Symptome, können wir Gewalt reduzieren. Doch die Behandlung von Drogen– bzw. Alkoholsucht ist nicht genug. Wir müssen die zugrundeliegende geistige Krankheit behandeln, die mit diesen affektiven Symptomen verbunden ist, fügte sie hinzu.

Behandlung

Die Ergebnisse deuten auf Mechanismen zur Verringerung von Gewaltereignissen, einschließlich Trauma-Therapie, Fokussierung auf Verinnerlichung und Externalisierung affektiver Symptome mit kognitiv-behavioralen und psychopharmakologischen Interventionen sowie die Integration von Drogenkonsum und psychiatrischer Versorgung.

Kaskade der Gewalt

Die Psychologen stellten auch fest, wie ein gewaltsames Ereignis mit der Zeit eine Kaskade darauf folgender Ereignisse auslösen kann.

Zum Beispiel – fanden die Forscher – löst ein Ereignis, bei dem jemand Opfer von Gewalt wurde, durchschnittlich sieben weitere Effekte aus, wie psychische Krankheitssymptome, Obdachlosigkeit und Ausüben von Gewalttaten.

Diese sieben Auswirkungen führten durchschnittlich zu 39 zusätzlichen Effekten.

Es ist eine komplizierte Reihe von Wechselwirkungen, die sich mit der Zeit hochschrauben: Drogenkonsum, Probleme der psychischen Verfassung und gewalttätiges Verhalten verschlimmernd, sagte Van Dorn. Diese Ergebnisse legen nahe, dass wir untersuchen müssen, wie wir Erwachsene mit schweren psychischen Störungen behandeln müssen.

Der Ausbau von gemeinschaftlichen Programmen zur Behandlung von psychischen Erkrankungen würde gewalttätige Vorfälle in diesem Bevölkerungsteil deutlich reduzieren, fügte Desmarais hinzu. Dies wäre wirksamer und effizienter als das Warten darauf, dass die Leute auf dem Höhepunkt einer psychischen Krise in den Notfallaufnahmen, oder als Opfer oder Gewattäter im Rechtssystem auftauchen, sagte die Psychologin.

Wir haben Behandlungen für alle diese Probleme, wir müssen sie den Leuten, die sie brauchen, nur zur Verfügung stellen, schloss sie.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Universität North Carolina State, Psychological Medicine – DOI: 10.1017/S0033291716003160; Dez. 2016

Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Gewalt und psychischen Erkrankungen?

15.01.2021 Wenn es Nachrichten über einen gewalttätigen Angriff gibt, hören wir manchmal, dass er mit einer psychischen Erkrankung zusammenhängen könnte – was uns zu der Frage veranlasst, ob die Gewalttätigkeit hätte vorhergesagt oder verhindert werden können.

Aktuelle Forschungsergebnisse und Perspektiven zu Zusammenhängen zwischen Gewalt und psychischen Störungen werden in der Sonderausgabe Januar/Februar der Harvard Review of Psychiatry vorgestellt.

Facetten des komplexen Zusammenhangs zwischen psychischen Erkrankungen und gewalttätigem Verhalten

Die Artikel in dieser Sonderausgabe dienen dazu, wichtige Facetten des komplexen Zusammenhangs zwischen psychischen Erkrankungen und gewalttätigem Verhalten zusammenzufassen und das Potenzial für Psychiater und Forscher zu beleuchten, eine produktivere Rolle bei der Gewaltprävention zu spielen, heißt es in der Einleitung von Gastredakteur Jeffrey Swanson, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Duke University School of Medicine.

Expertenmeinungen zu Interventionen und Prävention von Gewalt im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen sind zwei „Top-Tier“-Probleme der öffentlichen Gesundheit in den Vereinigten Staaten und anderswo. Es ist jedoch schwierig, die Zusammenhänge zwischen ihnen nachzuweisen und zu verstehen, wenn überhaupt.

Nur ein kleiner Teil der Gewalttaten auf psychische Erkrankungen zurückzuführen

Untersuchungen legen nahe, dass nur ein kleiner Teil der Gewalttaten – drei bis fünf Prozent – auf psychische Erkrankungen zurückzuführen ist. Die große Mehrheit der Täter von Gewaltverbrechen hat keine diagnostizierbare psychische Erkrankung, und umgekehrt sind die meisten Menschen mit psychiatrischen Störungen nie gewalttätig, schreibt Dr. Swanson.

Die Artikel der Sonderausgabe repräsentieren ein breites Spektrum intellektueller und klinischer Perspektiven und spiegeln sowohl die Vielschichtigkeit des Problems als auch die Bedeutung interdisziplinärer Forschung wider, um wirksame Interventionen und Strategien zur Lösung des Problems zu entwickeln“. Die Themen umfassen:

Psychische Gesundheitsbehandlungen zur Gewaltprävention

Zwei Artikel geben einen Überblick über die aktuelle Forschung und Praxis zu Medikamenten und Verhaltenstherapien zur Verringerung von Feindseligkeit und Aggression, wobei der Schwerpunkt auf Schizophrenie und Autismus-Spektrum-Störungen liegt. Es gibt zwar Hinweise darauf, dass einige Behandlungen gewalttätiges Verhalten verringern, aber es bleibt unklar, wie sie wirken – insbesondere bei diesen beiden grundlegend unterschiedlichen Störungen.

Gewalt gegen die Familie

Betreuer und andere Familienmitglieder von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind häufig Opfer von Gewalt; es gibt Hinweise darauf, dass 1 von 5 Familienmitgliedern davon betroffen ist. Zusätzlich zu den üblichen Risikofaktoren wie Drogenmissbrauch und Nichteinnahme der verschriebenen Medikamente kann die Familiendynamik zu diesen Ereignissen beitragen.

Einschätzung des Gewaltrisikos

Die Einschätzung des Gewaltrisikos bei einzelnen Patienten stellt psychosoziale Fachkräfte vor schwierige Herausforderungen. Eine Expertenkolumne befasst sich mit den realen Situationen, in denen diese Einschätzungen vorgenommen werden, wobei Kliniker „ethische und klinische Bedenken an der Schnittstelle von Sicherheit mit Zwang und Fairness abwägen müssen.“

Mass-Shooting / Amokläufe

Ein „Perspectives“-Artikel bietet Einblicke in die Rolle psychischer Erkrankungen bei Amokläufen bzw. Schießereien mit Massenmord / -Verletzten. Die Autoren schlagen eine Strategie zur Erforschung der komplexen Ursachen dieser tragischen Ereignisse vor, mit einer breiteren kollaborativen Rolle für die Psychiatrie bei dem Versuch, sie zu verhindern. Forscher sollten „bewusst die stigmatisierende Annahme zurückweisen, dass Psychopathologie die Hauptursache für Amokläufe mit vielen Opfern ist.“

Prävention von Waffengewalt

Dr. Swanson ist der Hauptautor eines Artikels, der für staatliche Gesetze plädiert, die es Psychiatern oder anderen Fachleuten erlauben, gerichtliche Anordnungen zu beantragen, um Patienten, die eine „unmittelbare Gefahr“ für sich selbst oder andere darstellen, Schusswaffen wegzunehmen.

Eine wachsende Zahl von Staaten hat Schutzanordnungen für extreme Risiken erlassen – manchmal auch als „Red Flag“-Gesetze bezeichnet -, die es den Strafverfolgungsbehörden ermöglichen, Menschen mit Verhaltensweisen, die auf ein unmittelbares Gewaltrisiko hindeuten, vorübergehend die Schusswaffen zu entziehen. Ein begleitender „Disruptive Innovations“-Aufsatz erörtert die potenziellen Vorteile und Herausforderungen dieser Rolle für psychosoziale Fachkräfte.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Harvard Review of Psychiatry: 1/2 2021 – Volume 29 – Issue 1 – p 1-5 doi: 10.1097/HRP.0000000000000281

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