Studie untersuchte Ursachen für Schlafwandeln

„Kampf oder Flucht“ vs. „Ruhen und Verdauen“ bei Schlafwandlern ebnet den Weg zu einem neuen Verständnis des Phänomens

25.06.2021 Somnambulismus – auch bekannt als Schlafwandeln – ist ein Phänomen, das die Öffentlichkeit und Neurologen seit Jahrzehnten fasziniert, aber die zugrundeliegenden Ursachen blieben ein Rätsel.

Schlafwandeln betrifft bis zu 4 % der Erwachsenen und ist eine Parasomnie des NREM-Schlafs (Non-Rapid-Eye-Movement), die nicht nur für einen schlechten Schlaf sorgt, sondern auch ein schwerwiegendes Verletzungsrisiko darstellt und in einigen Fällen zu unbeabsichtigter Gewalt gegen andere führt.

Auch der folgende Tag kann sich als schwierig erweisen, da der Schlafwandler sich unausgeschlafen fühlt und ein starkes Bedürfnis zu schlafen (Somnolenz) hat.

Unglücklicherweise erhöht längerer Schlafentzug sowohl die Häufigkeit als auch die Komplexität von Schlafwandler-Episoden und erschwert es ihnen, den Tiefschlaf zu erreichen, den der Körper braucht, um normal zu funktionieren.

In einer in Frontiers in Neurology veröffentlichten Arbeit untersuchten Forscher der Universität von Montréal und des Sacred Heart Hospital in Montréal, Kanada, die Hypothese, dass Schlafwandeln eine Störung des Arousel (Erregung) und des schlecht regulierten Tiefschlafs (Slow-Wave-Schlaf) ist.

Genauer gesagt, untersuchten sie, wie das autonome Nervensystem – gemessen über die Herzfrequenz – den Tiefschlaf bei Schlafwandlern beeinflusst.

14 erwachsene Schlafwandler wurden für die Studie rekrutiert sowie 14 geschlechts- und altersgleiche normale Kontrollen. Sie wurden mittels Video-Polysomnographie eine Nacht lang und während des Erholungsschlafs nach 25 Stunden Schlafentzug untersucht.

Wachsein und Tiefschlaf zur gleichen Zeit

Das autonome Nervensystem reguliert die physiologischen Funktionen des Körpers und besteht aus dem sympathischen Zweig, der der „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion zugrundeliegt, und dem parasympathischen Zweig, der der „Ruhe-und-Verdauungs“-Reaktion zugrundeliegt. Geneviève Scavone und Kollegen fanden heraus, dass Schlafwandler während des Tiefschlafs eine erhöhte Ruhe- und Verdauungsreaktion und eine geringere Kampf-oder-Flucht-Reaktion zeigen.

Während die Ursachen des Schlafwandelns unklar bleiben, zeigen Schlafwandler im Schlaf ein abnormales Zusammenspiel zwischen Prozessen, die mit Erregung und Tiefschlaf verbunden sind, auch außerhalb ihrer Schlafwandelphasen, schreiben die Autoren.

Mit anderen Worten: Schlafwandler können gleichzeitig Anzeichen von Wachsein und Tiefschlaf aufweisen; ein Zustand, aus dem heraus Episoden des Schlafwandelns entstehen können. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das autonome Nervensystem von Schlafwandlern im Vergleich zu gesunden Erwachsenen die parasympathische Aktivität, also die Ruhe- und Verdauungsreaktion, während des Schlafs bevorzugt. Dies ebnet einen neuen und breiteren Weg zum Verständnis der biologischen Prozesse, die beim Schlafwandeln eine Rolle spielen, schreiben die Forscher.

Überraschende Entdeckung

Die Ergebnisse seien überraschend, fügten sie hinzu, da man davon ausgegangen war, dass der Tiefschlaf von Schlafwandlern eine erhöhte Kampf-oder-Flucht-Reaktion aufweisen würde, die sie für ein höheres Risiko für Schlafwandel-Episoden prädisponieren würde.

Eine Einschränkung der Studie ist, dass die Messung des Einflusses der sympathischen und parasympathischen Zweige auf den Herzschlag einer Person ein indirekter Ansatz ist und durch andere Faktoren beeinträchtigt werden kann.

Während die Ergebnisse auf das Vorhandensein eines veränderten autonomen Nervensystems während des Tiefschlafs von Schlafwandlern hinweisen, bleibt zu klären, ob und wie diese atypische Aktivität am Auftreten tatsächlicher Schlafwandel-Episoden beteiligt ist, schließt Koautor Antonio Zadra.

© psylex.de – Quellenangabe: Frontiers in Neurology (2021). DOI: 10.3389/fneur.2021.680596

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