Warum manche Menschen extrem auf bestimmte Alltagsgeräusche reagieren

Misophonie: Überempfindliche Verbindungen im Gehirn verursachen ‚Hass‘ auf Geräusche

30.05.2021 Bei Menschen, die unter Misophonie – einer extremen Reaktion auf „Trigger-Geräusche“ – leiden, wurde eine überempfindliche Konnektivität (Verbindungen) im Gehirn festgestellt.

Erhöhte Konnektivität im Gehirn zwischen auditorischem Cortex und motorischen Kontrollbereichen

Zum ersten Mal haben Forscher der Newcastle University eine erhöhte Konnektivität im Gehirn zwischen dem auditorischen Kortex und den motorischen Kontrollbereichen für Gesicht, Mund und Rachen entdeckt.

Studienautor Dr. Sukhbinder Kumar schreiben im Journal of Neuroscience, die Ergebnisse legen eine abnormale Kommunikation zwischen den auditiven und motorischen Hirnregionen bei Menschen mit Misophonie nahe – man könnte es als eine ‚überempfindliche Verbindung‘ beschreiben.

Misophonie

Misophonie, was wörtlich übersetzt „Hass auf Geräusche“ bedeutet, ist ein Beschwerdebild, bei der Betroffene intensive und unwillkürliche Reaktionen auf bestimmte Geräusche anderer Menschen verspüren, die als „Triggergeräusche“ bezeichnet werden. Triggergeräusche sind oft Geräusche von jemandem, der kaut, atmet oder spricht, und stehen bei den Betroffenen meist im Zusammenhang mit Mund-, Rachen- oder Gesichtsaktivitäten.

Die Reaktion ist oft extrem und besteht aus einer Kombination aus Wut, Ekel, Kampf-oder-Flucht-Reaktion, manchmal auch dem Drang, die Person, die das Geräusch macht, zu verletzen oder die Situation zu verlassen.

Das Beschwerdebild ist weit verbreitet und betrifft zwischen 6 % und 20 % der Menschen. Diejenigen mit den schwereren Formen können sich unfähig fühlen, bestimmte familiäre, berufliche, öffentliche oder soziale Situationen zu tolerieren.

Bisher wurde Misophonie als eine Störung der Geräuschverarbeitung angesehen. Die neue Forschung legt nahe, dass daneben eine abnorme Art der Kommunikation zwischen dem Hörzentrum des Gehirns, dem auditorischen Cortex, und den Bereichen des ventralen prämotorischen Kortex besteht, die für die Bewegung von Gesicht, Mund und Rachen verantwortlich sind.

Was im Gehirn passiert

Als Reaktion auf Trigger- oder neutrale Geräusche zeigten Scans bei Menschen mit Misophonie, dass der auditorische Kortex (Hörzentrum) des Gehirns ähnlich reagierte wie bei Menschen ohne die Kondition, jedoch zeigten Menschen mit Misophonie eine verstärkte Kommunikation zwischen dem auditorischen Kortex und den motorischen Kontrollbereichen, die mit dem Gesicht, dem Mund und dem Rachen verbunden sind. Diese motorischen Kontrollregionen wurden bei Misophonikern nur als Reaktion auf ihre Triggergeräusche stark aktiviert, nicht aber auf andere Geräusche oder bei Menschen ohne Misophonie.

Die Forscher fanden auch ein ähnliches Muster der Kommunikation zwischen den visuellen und motorischen Regionen, was zeigt, dass Misophonie auch auftreten kann, wenn sie durch etwas Visuelles ausgelöst wird.

‚Spiegelsystem‘

Dies führte sie zu der Annahme, dass diese Kommunikation etwas aktiviert, das als ‚Spiegelsystem‘ bezeichnet wird, wodurch Bewegungen verarbeitet werden können, die von anderen Personen ausgeführt werden, indem sie das eigene Gehirn in ähnlicher Weise aktiviert – so als würde man diese Bewegung selbst ausführen.

Die Wissenschaftler nehmen an, dass bei Menschen mit Misophonie eine unwillkürliche Überaktivierung des Spiegelsystems zu einem bestimmten Gefühl führt: Die von anderen Menschen gemachten Geräusche würden in den Körper eindringen und sich der eigenen Kontrolle entziehen.

Interessanterweise können einige Menschen mit Misophonie ihre Symptome lindern, indem sie die Handlung nachahmen, die das auslösende Geräusch erzeugt. Die könnte auf die Wiederherstellung eines Kontrollgefühls hinweisen, sagen die Forscher. Dieses Wissen könnte helfen, neue Therapien für Menschen mit dieser Störung zu entwickeln, schließen sie.

© psylex.de – Quellenangabe: Journal of Neuroscience 21 May 2021, JN-RM-0261-21; DOI: https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0261-21.2021

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