Warum nehmen Männer psychosoziale Hilfen weniger in Anspruch?

Studie untersuchte, warum viele Männer mit psychischen Problemen / Erkrankungen keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen

07.04.2022 Viele Männer mit psychischen Problemen suchen keine Behandlung für ihre Symptome auf. Sowohl das Wissen über und die Einstellung zu psychischen Erkrankungen als auch das Bildungsniveau der Männer spielen dabei eine Rolle. Diese Ergebnisse gehen aus einer Dissertation der Universität Göteborg hervor.

Frühere Forschungen haben ergeben, dass etwa 10 % aller Männer in Ländern mit hohem Einkommen irgendwann in ihrem Leben an einer Depression oder Angststörung leiden. Die neue Dissertation Sara Bloms von der Sahlgrenska Academy der Universität Göteborg zeigt, dass Männer auf Hindernisse stoßen, die es ihnen schwerer machen als Frauen, die notwendige psychologische Behandlung zu erhalten.

Bloms Dissertation basiert auf Fragebogenerhebungen unter Bevölkerungsstichproben in zwei schwedischen Regionen, Västra Götaland und Stockholm, in den Jahren 2008, 2014 und 2019. Insgesamt wurden 8.697 Männer und Frauen befragt. Einige ihrer Ergebnisse:

  • Von den Männern mit Symptomen einer Depression waren 40 % der Meinung, dass sie keine psychosoziale Versorgung benötigten (gegenüber 25 % der Frauen).
  • Selbst wenn sie einräumten, dass sie eine psychosoziale Versorgung benötigten, verzichteten die Männer häufiger als die Frauen darauf, diese in Anspruch zu nehmen (36 % bzw. 26 %).
  • Nachdem sie psychosoziale Versorgung in Anspruch genommen hatten, waren die Männer auch etwas unzufriedener mit der erhaltenen Versorgung (29 % waren der Meinung, dass diese nicht ihren Bedürfnissen entsprach, gegenüber 26 % der Frauen).

Barrieren auf mehreren Ebenen

Die These von Blom zeigt also, dass Männer in stärkerem Maße als Frauen durch Hindernisse in verschiedenen Stadien des Prozesses der Pflegesuche behindert werden.

Auf mehreren Ebenen scheinen Männer in höherem Maße mit Hindernissen konfrontiert zu sein als Frauen. Erstens erkennen sie seltener, dass sie eine psychosoziale Versorgung benötigen. Zweitens suchen sie selbst dann, wenn sie wissen, dass sie eine solche benötigen, diese in geringerem Maße auf. Und drittens denken sie im Nachhinein häufiger, dass sie die benötigte Versorgung nicht erhalten haben. Da Männer bei der Suche nach einer Behandlung immer wieder auf Hindernisse stoßen, bleiben viele von ihnen auf der Strecke und erhalten nicht die Behandlung, die sie brauchen, sagt Blom.

Bildung, Wissen und Einstellungen

Die Arbeit weist nicht nur auf geschlechtsspezifische Unterschiede hin, sondern auch auf Unterschiede zwischen den männlichen Befragten, wobei bestimmte Untergruppen mit besonders großen Hindernissen konfrontiert sind. Männer ohne Hochschulstudium und solche, die nur wenig über psychische Erkrankungen wussten, zögerten am stärksten, sich behandeln zu lassen.

Die Männer hatten auch eine negativere Einstellung gegenüber Depressionen bei anderen als die Frauen. So gaben beispielsweise mehr Männer als Frauen an, dass sie eine depressive Personen nicht einstellen würden. Die Männer waren auch skeptischer als die Frauen, wenn es um die Krankschreibung einer Person mit depressiven Symptomen ging, was teilweise auf die negativere Einstellung der Männer zurückzuführen ist.

© Psylex.de – Quellenangabe: Universität Göteborg

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Erfahrungen zu “Warum nehmen Männer psychosoziale Hilfen weniger in Anspruch?”

  1. Aus persönlicher Perspektive wäre hinzuzufügen: Männer, die psychosoziale Hilfe suchen, werden mit ihren Anliegen nicht als hilfebedürftig wahrgenommen. Obwohl von der Seite der Hilfsangebote her die belastende Lebenssituation durchaus bestätigt wird, wird der Hilfesuchende mit Hinweisen in der Bandbreite von: „Es kann nicht sein, dass Sie es schwerer haben als ich“ (Psychotherapeut!) bis „Sie müssen erst Ihre Probleme lösen, bevor wir Ihnen helfen können“ (Integrative Einrichtung regionaler Sozialträger) wieder nach Hause geschickt.
    Nach mehreren Jahren, in denen es mit mir (und meinem Leben) kontinuierlich (und für mich absehbar) bergab geht, und Dutzenden teils aufwändigen (stundenlange GEepräche, Anträge, Unterlagen …) Versuchen bei verschiedensten Stellen (alle mit dem VBersprechen: Sie sind in Not? Wir kümmern uns!) inklusive Arzt („Erschöpfung ist keine Krankheit“) hab ich die Mühe „Hilfe finden“ als völlig nuitzlose Anstrengung aufgegeben.
    Wobei ich früher auch schon gute Erfahrungen gemacht habe. Sobald die Probleme aber etwas komplexer werden, soll mann es allein hinbekommen – auch wenn das nachweisbar nicht funktioniert.

  2. Mein Sohn hat die Diagnose schizotype Störung erhalten und hat sich ganz aus dem aktiven Leben zurückgezogen (Studium abgebrochen, steht nur zum essen auf). Er akzeptiert die Diagnose und schluckt die Medikamente, lehnt jedoch jegliche Unterstützungsangebote ab. Tagesklinik, ambulante Hilfen, therapeutische Maßnahmen, alles wird abgelehnt. Eine Begründung gibt es nicht außer „will nicht“. Er scheint vollkommen zufrieden damit zu sein, die Monate zu verschlafen.

    Ein großes Problem scheint zu sein – und ich glaube nicht dass das geschlechtsspezifisch ist, habe aber keine Vergleichsmöglichkeit – es kann einem nur geholfen werden, wenn man es wirklich will, es aktiv einfordert. Und bestimmte Krankheitsbilder schließen dies von vorn aus, das Nichtwollen, die Apathie, die mangelnde Motivation ist das schwierigste Symptom.

  3. Warum werden diese Umfragen immer nur in männliche Angaben und weibliche Angaben ausgewertet?
    Viel interessanter wäre es, auch das Alter zu berücksichtigen.
    Meine Eltern zb. kommen aus einer Zeit, wo Depressionen, zumindest auf dem Papier, gar nicht erst existierten, weil es verpöhnt und mit Schwäche verbunden war.
    Für Frauen ist es weniger problematisch, psychologische Hilfe anzunehmen weil der westliche Feminismus ihnen doch schon einredet, sie wären quasi geborene, von den bösen Männern, unterdrückte Opfer usw.
    Als Mann ist Therapie selten eine Antwort weil ein Facharzt kein Ersatz für die Integration in die Gesellschaft sein kann.
    Bin ich hingegen integriert, kann ich „krank“ sein wie ich möchte, solange ich funktioniere.

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