Was das Gehirnrauschen über das authentische Selbst verrät

Verknüpfung zwischen weitreichenden zeitlichen Beziehungen in der intrinsischen EEG-Aktivität und dem subjektiven Identitätsempfinden

20.11.2021 Ringen Sie während eines inneren Dialogs mit der Frage „Wer bin ich?“, aber Sie können keine Antwort finden? Die Hintergrundgeräusche Ihres Gehirns könnten die Signale des Langzeitgedächtnisses stören, die von den elektrischen Schwingungen Ihrer Neuronen übermittelt werden.

Professor Kazumi Sugimura und Associate Professor Takashi Nakao von der Universität Hiroshima leiteten ein Forscherteam, das das Summen der Neuronen im Frontozentrallappen abhörte während die Teilnehmer sich ausruhten. Sie fanden heraus, was es über ihr subjektives Identitätsgefühl aussagt.

Die Forscher beobachteten, dass der gleichmäßige Rhythmus der Alphawellen des Langzeitgedächtnisses (8-12 Hertz) bei Personen mit Identitätsverwirrung durch Rauschen unterbrochen wird.

Die physiologische Realität der Identität

Ein Signal weist eine weitreichende zeitliche Korrelation (LRTC, long-range temporal correlation) bzw. eine langfristige Erinnerung auf, wenn es sich an vergangene Fluktuationsmuster erinnert. Es wird angenommen, dass die LRTC im Gehirn unsere Fähigkeit widerspiegelt, neue Informationen aufzunehmen und sie mit bereits Bekanntem in Beziehung zu setzen.

In einem Entspannungszustand, in dem unsere Gedanken zwischen Ereignissen der Vergangenheit und Aktivitäten in der Zukunft hin- und herwandern, wird LRTC damit in Verbindung gebracht, wie wir auf Situationen reagieren, die auf unseren internen Kriterien von „Wie bin ich?“ basieren. Der Zusammenhang mit unserem subjektiven Identitätsgefühl muss jedoch noch erforscht werden.

Der subjektive Sinn für ein beständiges Selbst im Laufe der Zeit wird in der Entwicklungs- und klinischen Psychologie seit langem anhand des Konzepts der Identität untersucht, sagt Psychologie-Dozent Nakao.

Während die bisherigen Studien hauptsächlich auf subjektiven Berichten und theoretischen Überlegungen basierten, zeigt diese Arbeit die physiologische Realität der Identität. Genauer gesagt, zeigt sie zum ersten Mal die Beziehung zwischen der subjektiven Beständigkeit des Selbst und der zeitlichen Beständigkeit der selbst erzeugten spontanen Hirnaktivität, sagt er.

Die Rolle von LRTC bei der Beständigkeit des Selbst

Das elektrische ‚Wechselspiel‘ unserer Neuronen setzt sich aus Erregungen und Hemmungen zusammen. LRTC entsteht in neuronalen Netzwerken mit ausgeglichener erregender und hemmender Konnektivität.

Erregung liegt vor, wenn ein Neuron eine Nachricht sendet, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Empfänger feuert. Hemmung liegt vor, wenn die gesendete Nachricht die Wahrscheinlichkeit verringert, dass das Empfängerneuron feuert.

Dieses Wechselspiel von Erregung und Hemmung erzeugt Gehirnwellen, die je nach Erregungsgrad mit unseren verschiedenen mentalen Zuständen in Verbindung gebracht werden. LRTC wurde bei der Aktivität der Alpha-, Theta- und Betawellen des Gehirns beobachtet.

Obwohl dies nicht im Mittelpunkt ihrer Studie stand, entdeckten die Forscher, dass Probanden, die ein starkes Gefühl dafür hatten, wer sie sind, im Theta-Band (4 und 8 Hz) Signale des Langzeitgedächtnisses mit geringer Rauschkontamination in ihrem Frontallappen aufwiesen.

Währenddessen zeigten Personen mit Gefühlen der Identitätskonfusion Langgedächtnissignale im Beta-Band (12 und 35 Hz) mit hoher Rauschstörung im Zentroparietallappen.
Die zeitliche Dynamik, die sich in der LRTC der intrinsischen Hirnaktivität widerspiegelt, spielt also wahrscheinlich eine entscheidende Rolle für die Konsistenz des Selbst, einschließlich der subjektiven Ebene, d. h. des Identitätsgefühls, schreiben die Forscher in ihrer in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Studie.

Das Rauschen unterdrücken

Ihre Ergebnisse scheinen den Beleg dafür zu liefern, dass Signale des Langzeitgedächtnisses im Ruhezustand des Gehirns als Mechanismus zur Unterdrückung von Störgeräuschen auf psychologischer Ebene dienen könnten.

Nakao sagte, sein Ziel als Psychophysiologe sei es, die Funktion des Selbst aufzudecken.

Basierend auf den Erkenntnissen der Hirnforschung möchte ich Wissen darüber sammeln, warum Menschen sich über sich selbst ärgern, sagte er.

Wir glauben, dass dieses Wissen denjenigen, die mit Fragen wie „Wer bin ich?“ und „Warum denke ich so viel über mich nach?“ ringen, zu einer objektiven Betrachtung ihrer Situation verhelfen wird.

Für die Studie wurden insgesamt 87 Studenten und -Absolventen rekrutiert, die sich alle in guter gesundheitlicher Verfassung befanden.

© Psylex.de – Quellenangabe: Scientific Reports (2021). DOI: 10.1038/s41598-020-79444-2




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