Studie: Wie religiöse Überzeugungen gebildet werden

Angst verstärkt die Erinnerungen an Eigenschaften von übernatürlichen oder „gottähnlichen“ Wesen

01.06.2021 Sich ängstlich zu fühlen, kann unsere Aufmerksamkeit und unsere Erinnerungen auf übernatürliche Wesen wie Götter lenken, hat eine Studie der University of Otago herausgefunden.

Der Hauptautor der Studie, Dr. Thomas Swan vom Fachbereich für Psychologie, sagt, dass die Forschung helfen könne zu erklären, wie religiöse Überzeugungen gebildet werden.

Für die im International Journal for the Psychology of Religion veröffentlichte Studie absolvierten 972 Teilnehmer einen Online-Erinnerungstest, um festzustellen, ob die Neigung, sich an übernatürliche Dinge zu erinnern, bei ängstlichen Menschen stärker ist als bei nicht ängstlichen.

Teilnehmer, die sich ängstlich fühlten, erinnerten sich mit größerer Wahrscheinlichkeit an Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten als an solche ohne.

Angst

Angst ist eine Emotion, durch die man potenziellen Bedrohungen größere Aufmerksamkeit schenkt. Wenn man sich also ängstlich fühlt, wird ein Gott, der unsere Gedanken lesen und uns dafür bestrafen kann oder die Erde überflutet, eher in Erinnerung bleiben, sagt der Psychologe.

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Angst zu einem höheren Maß an religiösem Glauben führen kann, wobei angenommen wurde, dass der Glaube Trost spendet. Diese sogenannte „Trosttheorie“ hat jedoch problematische Aspekte: Warum gibt es strafende Götter und ein Leben in der Hölle nach dem Tod, obwohl diese Annahme alles andere als tröstlich ist?

Dr. Swan ist der Meinung, dass diese Theorie auch nicht berücksichtigt, was zwischen dem Gefühl der Angst und dem Eintritt in den Glauben liegt. Die aktuelle Forschung legt nahe, dass der erste Schritt die kognitiven Effekte der Angst beinhaltet, die Menschen dazu bringen, Bedrohungen wahrzunehmen und sich daran zu erinnern.

Potenziell bedrohliche übernatürliche Wesen

In unserer früheren Forschung haben wir herausgefunden, dass übernatürliche Wesen als potenziell bedrohlich wahrgenommen werden, weil sie über Fähigkeiten verfügen, die unseren Erwartungen über die Welt widersprechen. Die vorliegende Untersuchung bestätigt, dass sich die kognitiven Auswirkungen der Angst auch auf die Bedrohung durch übernatürliche Wesen erstrecken.

Trosttherorie

Ironischerweise legt die aktuelle Forschungsarbeit nahe, dass die Trosttheorie etwas verdreht ist: Ängstliche Menschen fühlen sich, zumindest anfangs, von den unheimlichen Eigenschaften der Götter angezogen, was erklären könnte, warum so viele Götter unheimliche Eigenschaften haben. Trost, so vermuten die Psychologen, kommt später, wenn manche Menschen ihre Sicht auf den Gott in etwas Schmackhafteres verwandeln, an das sie lieber glauben, sagt er.

Die Studienbefunde legen auch nahe, dass andere übernatürliche Konzepte – wie Geister, Hellseher und Astrologie – auf die gleiche Weise verarbeitet werden, weil sie unsere Erwartungen an das, was möglich ist, auf erschreckende Weise herausfordern.

Angst beeinflusst die Informationsverarbeitung

Dr. Swan hofft, dass die Forschung die Menschen dazu anregt, ein größeres Verständnis dafür zu entwickeln, wie ihre emotionalen Zustände die Informationen beeinflussen, die sie wahrnehmen und an die sie sich erinnern, insbesondere religiöse Informationen.

Wir sollten alle darauf achten, wie wir dazu gekommen sind, die Dinge zu glauben, die wir tun, besonders Menschen mit Angststörungen, die sich die meiste Zeit über ängstlich fühlen – sie sollten darauf achten, was sie anzieht und warum, sagt Swan. Wenn sie Fantasy-Romane lesen, mag das harmlos sein. Wenn sie sich aber einer Sekte anschließen, dann ist es Zeit, darüber nachzudenken. Das Gleiche gilt für Menschen ohne Störungen, die sich einfach nur in beängstigenden Situationen befinden, wie z.B. in einem schwerkrank im Krankenhaus zu liegen oder finanzielle Probleme zu haben.

© psylex.de – Quellenangabe: ‚Anxiety Enhances Recall of Supernatural Agents‘
Thomas Swan and Jamin Halberstadt The International Journal for the Psychology of Religion
doi.org/10.1080/10508619.2021.1898808

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Erfahrungen / Kommentare zu “Studie: Wie religiöse Überzeugungen gebildet werden”

  1. Während der Entstehung des Lebens im Lauf von hunderte von Millionen Jahre haben sich Urstukturen gebildet.
    So existieren auch in allen Menschen unbewusste kollektive Urbilder, Vorstellungen, Muster und Schemata, die in ihnen wirken. Es sind Bilder oder Anleitungen einer Form bzw. eines Verhaltens, die tief in der menschlichen Gattung angelegt sind und vererbt werden. Insbesondere das Überleben und Nachkommen zu erzeugen.
    Dazu gehört auch der Nachfolgekomplex: die Hingabe an jemanden (einem Führer mit besonderen Fähigkeiten), dem vom Gehirn besondere Fähigkeiten zugewiesen werden, zu folgen. Und dem man bis zur Blindheit vertraut.
    Daraus ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die eigentliche Ursache, aus der der Begriff „Gott“ entstanden ist.

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